Stimmkreis Altstadt-Hadern:Busfahrer oder Ministrant

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Andererseits darf Eisenreich Zuversicht aus dem Zustand der Sozialdemokratie schöpfen. Magets SPD verkörpert in der Politik, was der TSV 1860 im Fußball ist: ein Klub, der stets vom Aufstieg träumt, obwohl es bergab geht. Zu allem Überfluss hat Wörner noch die Linke am Hals, deren oberbayerischer Spitzenkandidat im selben Wahlkreis antritt.

Kabarettist Georg Eisenreich

Liebling der Damen : Anwalt und Kabarettist Georg Eisenreich.

(Foto: Foto: Haas)

Fritz Schmalzbauer ist Gewerkschafter wie Wörner. War zudem Sozi. Hat den Stallgeruch der SPD noch am Leib. Es kann gut sein, dass Stammwähler zu ihm überlaufen. Ganz zu schweigen von Anhängern der Grünen: Die zu überzeugen, Wörner die Erststimme zu geben und nicht der eigenen Landesvorsitzenden Theresa Schopper, wird schwierig.

Kampf um jede Stimme

Trotzdem ist Wörner zuversichtlich, es diesmal zu packen. So wie 1998, als er das Direktmandat mit Hurra erobert hat. Allerdings, der Stimmkreis war kleiner und anderen Zuschnitts. Mittlerweile hat man Wörners Terrain mit CSU-Hochburgen angereichert, was der SPD-Mann für eine fiese Tour der Christsozialen hält, um die Siege zu sichern. Überhaupt die CSU! Seit die Partei 2003 eine Zweidrittelmehrheit errungen hat, "wird im Landtag nicht mehr diskutiert, die stimmen einfach nur ab". Basta. Zudem wirft Wörner den Abgeordneten der bayerischen Regierungspartei Doppelzüngigkeit vor: "Da gibt es welche, die öffentlich sagen, sie sind gegen die Gentechnik, und im Landtag stimmen sie dafür."

Gentechnik ist eines der Themen, mit denen Wörner punkten möchte. Wenn es nach ihm geht, dürfen in Bayern weder gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut noch Tiere mit Futter aus Genlabors versorgt werden. Für gentechnisch behandelte Lebensmittel fordert Wörner die Kennzeichnungspflicht. Auf dem Wochenmarkt kommt das gut an.

Dabei ist es nicht so, dass Wörner den Leuten nach dem Mund redete. Als ein älterer Herr die Türken als "unqualifizierte anatolische Zuwanderer" abqualifiziert, hält er dagegen: "Wenn Sie mal ins Krankenhaus müssen, werden Sie froh sein, dass es dort Migranten gibt, die Sie pflegen." Der Disput wogt hin und her, dann ist der Mann bedient: "Das ist nicht mehr meine bayerische Heimat." Dessen Stimme muss Wörner wohl verloren geben.

Ludwig Wörner, 1948 in Zwiesel geboren, war von 1971 bis 1990 Straßenbahn- und Busfahrer bei den Stadtwerken, als deren Gesamtpersonalratsvorsitzender er acht Jahre lang fungierte. Er ist ehrenamtliches Vorstandsmitglied der Wohnungsgenossenschaft München West, der größten ihrer Art in Bayern, dazu Landesvorsitzender der SPD-Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen (AfA) und Vorsitzender des Bezirksausschusses Schwanthalerhöhe.

"Früher galt ich in der SPD als ,Kanalarbeiter', als Rechter, weil ich in der Gewerkschaft bin, und heute gelte ich als Linker." Aber da gibt es noch andere Linke, ehemalige Genossen oft, die sich der Linkspartei angeschlossen haben. Dass sie der SPD von der Fahne gegangen sind, hält Wörner für "Verrat an den Arbeitnehmern". Mit Blick auf Schmalzbauer sagt er: "Ich finde es schlimm, wenn ausgerechnet Gewerkschafter, die die Einigkeit stärken müssten, sich absetzen. Sie schwächen die Position der sozialen Demokratie."

Ludwig Wörner ist der SPD treu geblieben. Mit seinem roten "Mindestlohnmobil", einer dreirädrigen italienischen Ape, braust er durch die Stadt, um den Münchnern seine Botschaften zu übermitteln: Mieterschutz, Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, Ganztagsschulen, bessere Lebensbedingungen für alte Menschen. "Das sind zentrale Aufgaben, bei denen die CSU versagt hat." Doch auch den Sozialdemokraten schlägt da und dort Misstrauen entgegen. Eine Frau schimpft in Richtung Wörner: "Ihr seid Arbeiterverräter."

Georg Eisenreich hat an seinem Infostand in Fürstenried weniger mit erhitzten Gemütern zu kämpfen. In Bügelfaltenhose und gestreiftem Hemd verteilt der 37-jährige Rechtsanwalt seine Flugblätter, er ist der Typ Sonnyboy, der gerade bei reiferen Damen prima ankommt. "Ach Herr Eisenreich, Sie sind immer so fotogen", schäkert eine Mittfünfzigerin. Eisenreich lächelt geschmeichelt.

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