Stimmkreis Altstadt-Hadern:Busfahrer oder Ministrant

Lesezeit: 6 min

Wie der Genosse Wörner den Stimmkreis Altstadt-Hadern gegen CSU-Jungstar Eisenreich zurückerobern will.

Wolfgang Görl

Nur zehn Meter sind die Kontrahenten voneinander entfernt, doch die Konfrontation bleibt aus. Es ist, als hätten die beiden Männer, die den Sieg im Stimmkreis Altstadt-Hadern unter sich ausmachen werden, eine stillschweigende Übereinkunft getroffen, die in etwa besagt: Den anderen, den ignorier ich nicht einmal.

Ludwig Wörner

Chauffeur im roten Mindestlohnmobil: Gewerkschafter Ludwig Wörner

(Foto: Foto: Haas)

SPD-Kandidat Ludwig Wörner, den blonden Schnurrbart hochgezwirbelt wie Kaiser Wilhelm selig, verteilt rote Luftballons und Info-Flyer; Georg Eisenreich von der CSU bringt seine Werbung ohne Luftballons, dafür aber mit Gratisbrezn unter die Leute. Wörner präsentiert sich als working class hero, der um die Sorgen und Nöte der kleinen Leute weiß; Eisenreich umgibt die Aura des dynamischen Jungpolitikers, der als Mitglied der Mehrheitspartei einen guten Draht nach oben hat.

Nun, das sind Klischees, doch den Wählern im Stimmkreis 101 wird, sofern sie auf die Volksparteien fixiert sind, tatsächlich eine Alternative geboten - jedenfalls, was den Politikertypus als solchen betrifft. Hier der Genosse Wörner, den man sich auch gut in der SPD zu Zeiten August Bebels vorstellen kann; dort der smarte Eisenreich, der die Laptop-Generation der Stoiber-CSU mustergültig verkörpert. Bei Wörner denkt man an sozialdemokratische Bierrunden im Hinterzimmer, bei Eisenreich an Sektempfänge in der Staatskanzlei. Wie gesagt: Klischees.

Doch es gibt auch Gemeinsamkeiten. Eine davon ist, dass beide mit derselben Masche um Stimmen werben. Ein Spätsommersamstag auf dem Wochenmarkt in Fürstenried: Wörner wie Eisenreich geben sich bürgernah, zeigen Interesse an allem, was man an sie heranträgt - selbst wenn es nur um weggeworfene Zigarettenkippen geht, für die nun wirklich nicht der Landtag zuständig ist. Jeder soll die Botschaft registrieren: Hallo, wir sind Politiker zum Anfassen!

Es ist nur so, dass sich die Leute auf dem Markt meist mehr für Kartoffel und Kopfsalat interessieren als für die Finessen der Landespolitik. Das umworbene Volk lässt sich grob in drei Gruppen aufteilen: Die einen hasten mit Tunnelblick an den Kandidaten vorbei, als seien diese aufdringliche Bettler. Die anderen nehmen nur das CSU-Flugblatt und verschmähen die Schriften der SPD. Und die Dritten machen es genau umgekehrt: Sozi-Reklame einsacken, die CSU-Hochglanzbroschüre links liegen lassen.

Im Wahlkreis 101 wird es wohl knapp hergehen. Vor fünf Jahren war das anders, da hatte Eisenreich leichtes Spiel, den Kontrahenten Wörner um 12000 Erststimmen abzuhängen. Im Landtag sah man sich trotzdem wieder, denn Wörner kam über die Liste ins Parlament. Damals war die Welt der CSU noch in Ordnung. Stoiber regierte, Frau Pauli war nur im Raum Fürth bekannt, und Beckstein spielte als aussichtsloser Kronprinz eine ähnliche Rolle wie Prince Charles in England.

Folglich fuhr die CSU überall Rekordergebnisse ein. Mittlerweile regiert der Franke Beckstein, die CSU ist bei der Kommunalwahl im Frühjahr gehörig gerupft worden. Schlechte Vorzeichen für Eisenreich. Und dann dieser Wörner - ein unangenehmer Gegner. Ein alter Hase, beliebt bei den Mühseligen und Beladenen, weil er gegen Immobilienspekulanten, Abzocker und Lohndrücker wettert. Dazu Jürgen Lochbihler von den Freien Wählern, der als Streiter fürs freie Rauchen frischen Wind ins Parlament bringen will. Auch er könnte den CSU-Bewerber Stimmen kosten.

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