bedeckt München 31°

Umweltschutz:Urlaub mit Zertifikat

Starnberg Reise AG Klimazertifikat

Michael Lang und Heike Kohlhaas von der Starnberger Reise AG machen sich Gedanken über klimaneutrales Reisen.

(Foto: Nila Thiel)

Gegen einen Aufpreis kann man nun in Starnberg sogenannte klimaneutrale Reisen buchen. Das Geld wird in Aufforstungsprojekte oder die Anschaffung effizienter Öfen in Entwicklungsländern investiert. Doch der werbewirksame Handel ist umstritten

Von Otto Fritscher, Starnberg

Für die einen sind Klimazertifikate "moderner, grüner Ablasshandel", wie Josefine Anderer-Hirt sagt, die Klimaschutzmanagerin des Landkreises Starnberg. Für Peter Friess indes, Geschäftsführer der Fokus-Zukunft GmbH in Berg, sind Klimazertifikate "eine der besten Möglichkeiten, um die CO₂-Emissionen zu kontrollieren." Und Michael Lang, Inhaber der Starnberger Reise AG, findet, dass "wir alle Verantwortung übernehmen und handeln müssen, um den Klimawandel aufzuhalten." Deshalb bietet er seit einem Monat "klimaneutrales Reisen" an. Vor allem Kunden, die Flugreisen buchen, können gegen einen Aufpreis, der nach dem CO₂-Ausstoß der Reise berechnet wird, ihre Reise wieder "klimaneutral stellen", sagt Lang.

Klimaschutz-Zertifikate funktionieren - vereinfacht gesagt - nach folgendem Prinzip: Jedes Klimaschutz-Projekt in einem Entwicklungs- oder Schwellenland, das Zertifikate ausgeben will, muss bei den Vereinten Nationen anerkannt sein. Dazu muss es ökologisch und sozial vorbildlich sein. Kritiker merken indes an, dass dies schwer zu kontrollieren sein dürfte. Vor allem Unternehmen kaufen Klimazertifikate oder müssen diese kaufen, wenn sie bestimmte Grenzwerte überschreiten, aber auch für mittelständische Firmen und Privatleute werden Klimazertifikate zunehmend attraktiver.

Für Klimaschutzmanagerin Anderer-Hirt sind Klimazertifikate jedoch "kein Freibrief für grenzenloses Fliegen". Das Prinzip, den Ausstoß von klimaschädlichen Gasen durch Investitionen in Aufforstungs- oder Biogasprojekte in Entwicklungs- oder Schwellenländern zu kompensieren, ist für sie nicht überzeugend. "Das ist nur eine Krücke. Wer kann gewährleisten, dass neu angepflanzte Bäume in 100 Jahren noch stehen", sagt sie. Denn Bäume würden schnell abgeholzt, wenn Brennholzbedarf bestehe: "Das habe ich in Afrika selbst erlebt."

Peter Friess, Chef der Fokus-Zukunft GmbH, bezeichnet sich selbst als einen der großen Händler von Klimazertifikaten in Deutschland. "Wir gehören zu den Top Five im deutschsprachigen Raum", sagt er und untermauert dies mit Zahlen: "Wir haben im vergangenen Jahr 2,5 Millionen Zertifikate gehandelt." Die Messgröße für ein Zertifikat ist eine Tonne Kohlenstoffdioxid. Laut Friess wird ein internationales Zertifikat für etwa fünf Euro pro Tonne gehandelt, während in Europa ausgegebene Zertifikate etwa neun Euro pro Tonne kosten. Seine Fokus-Zukunft GmbH sei "auf allen Weltmärkten gelistet", Friess beschafft sich die Zertifikate, indem er direkt mit dem Inhaber der Zertifikate, also etwa Windparkbetreibern, in Kontakt tritt. "Das funktioniert so ähnlich wie eine digitale Währung, Bitcoin zum Beispiel", erklärt er. Bei ihm kaufen vor allem Unternehmen aus der Lebensmittelbranche oder dem Energiebereich ein, um dann ihren Endkunden klimaneutrale Lebensmittel sowie klimaneutrales Heizöl anbieten zu können. Auch die Starnberger Reise AG hat bei ihm ihre Zertifikate eingekauft.

Zirka 4500 Euro hat Michael Lang nach eigenen Angaben investiert, um die Emissionen, die sein Unternehmen mit 28 Mitarbeitern und Reisebüros in Starnberg, Söcking, Tutzing und Penzberg verursacht, auf zwei Jahre im Voraus auszugleichen. "Wir sind ja nur ein Büro und haben keinen großen CO₂-Ausstoß", erklärt Lang. Investiert wird das Geld in ein Wasserkraftwerk in Uganda. Die Starnberger Reise AG ist nach Langs Angaben das erste Reisebüro im Oberland, das klimaneutrale Reisen anbietet - andere Reiseveranstalter tun dies schon länger, und auch bei Flugbuchungen im Internet kann ein Häkchen gemacht werden, wenn man den Ausstoß klimaschädlicher Gase kompensieren will.

"Wir versuchen, unsere Geschäfts- und Privatkunden von dieser Möglichkeit zu überzeugen", erklärt auch Heike Kohlhaas, Prokuristin der Reise AG. Die Resonanz sei unterschiedlich, von spontaner Begeisterung bis hin zu "Das brauche ich nicht." Lang und Kohlhaas sind indes überzeugt, dass sich klimaneutrales Reisen auf die Dauer durchsetzen wird. Denn dies sei, so Lang, "die einzig realistische Möglichkeit, nicht auf Flugreisen zu verzichten, wenn man die Umwelt im Auge hat."

Der Aufpreis für das Klimazertifikat wird direkt bei der Starnberger Reise AG durch ein Software-Programm berechnet, das wiederum die Fokus-Zukunft GmbH von Peter Friess entwickelt hat. Einige Beispiele: Ein Kurzurlaub auf Mallorca in einem Drei-Sterne-Hotel, dazu ein Mietwagen und noch die Anreise zum Flughafen einkalkuliert, ergibt einen CO₂-Ausstoß von gut zwei Tonnen. "Der Kunde zahlt dann einmalig zehn Euro", sagt Lang. Das Geld fließt unter anderem in ein Klimaprojekt, bei dem effiziente Öfen in Ruanda angeschafft werden. Diese verbrauchen 80 Prozent weniger Holz, was den Ausstoß klimaschädlicher Gase drastisch reduziert. So können 40 000 Tonnen CO₂ pro Jahr eingespart werden. Für eine 14-tägige Rundreise durch Südafrika mit drei Personen spuckt der Rechner eine Produktion von etwa 20 Tonnen CO₂ aus, der Aufpreis auf den regulären Reisepreis beträgt rund 100 Euro. Richtig teuer, da extrem klimaschädlich, sind Kurzstreckenflüge. Ein Wochenendtrip nach Hamburg mit Anreise, Hotel und Mietwagen produziert einen Ausstoß von acht Tonnen, was mit 40 Euro extra bezahlt werden müsste. "Bei Start und Landung wird am meisten Treibstoff verbraucht", erklärt Lang.

Klimaschutzmanagerin Anderer-Hirt begrüßt die Kompensation von "unvermeidlichen Klimabelastungen", hält aber nichts davon, "dass man aus Spaß und Luxus klimaschädlich lebt und drei Mal im Jahr in den Flieger steigt, bloß weil wir uns das bisschen mehr für die Kompensation leisten können". Sie ist überzeugt, dass in Zukunft weitergehende Mechanismen eingeführt werden müssen, zum Beispiel die der "negativen Emissionen". Das bedeutet, dass CO₂ langfristig aus der Atmosphäre entnommen und im Boden oder als Biomasse gebunden wird.

© SZ vom 15.02.2018
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB