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Starnberger Historie:Zeitreise ins siebte Jahrhundert

Der elfte Band der Stadtgeschichte "Gotteshaus und Totenacker" widmet sich der Ausgrabung von Sankt Benedikt, bei der 350 Gräber entdeckt wurden. "Der Schleier der frühen Starnberger Geschichte wurde ein Stück gelüftet", sagt der Bürgermeister.

Von Carolin Echterbeck

Dass dieses Projekt die nächsten 13 Jahre seines Lebens beanspruchen würde, ahnte Christian Later nicht. Mit der Veröffentlichung des elften Bandes der Starnberger Stadtgeschichte "Gotteshaus und Totenacker. Die Ausgrabungen der ehemaligen Pfarrkirche St. Benedikt in Starnberg (2007-2009)" gehe für ihn ein ganzer Lebensabschnitt zu Ende, sagt er bei der Vorstellung am Dienstagabend in der Schlossberghalle. Der Archäologe hat die Ausgrabungen der wahrscheinlich ältesten Pfarrkirche Starnbergs, Sankt Benedikt, maßgeblich begleitet und die Erkenntnisse mit weiteren Autoren zusammengefasst.

Starnberg Ausgrabung

Schaurige Funde: Bei der Ausgrabung von Sankt Benedikt werden die Gebeine von 330 Starnbergern entdeckt.

(Foto: Georgine Treybal)

Im Sommer 2007 fing alles an. Beim Abriss der Pension Eder in der Possenhofener Straße wurden menschliche Gebeine gefunden. Eine zweiwöchige Notgrabung brachte Gräber und die Mauerreste von Sankt Benedikt zum Vorschein. Prompt entbrannte eine lebhafte Debatte in Politik und Bevölkerung, was der Fund wert sei und wie man ihn dauerhaft erhalten könne. Der damalige Stadtrat beschloss, ein Tauschgeschäft mit dem Eigentümer des 600-Quadratmeter-Grundstücks vorzunehmen und rettete damit das heutige Bodendenkmal vor der Errichtung eines modernen Neubaus mit sechs Wohnungen.

Starnberg Archäologie in Oberbayern

Die archäologischen Grabungen lassen die Wurzeln von Sankt Benedikt bis ins siebte Jahrhundert vermuten.

(Foto: oh)

Die Stadt arbeitete fortan eng mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege zusammen. "Das Projekt zeigt, wie die Kooperation zwischen Denkmalpflege und Kommunen im Idealfall ablaufen kann", erklärt der Generalkonservator der Fachbehörde, Professor Mathias Pfeil. Oft verschwinden die Funde in Magazinen der Archäologischen Staatssammlung oder werden durch Outsourcing an eine Universität übergeben, erzählt Pfeil. In diesem Fall hat die Stadt "sämtliche Kosten für Ausgrabungen, Konservierung vor Ort, Restaurierung aller Funde sowie für die vollständige wissenschaftliche Bearbeitung der Befunde und Funde bis zur Veröffentlichung übernommen", sagt er.

Starnberg:SBH Buchpräsentation Starnberger Stadtgeschichte Band 11

Christian Fries, Autor Christian Later und Christoph Aschermann (von links) halten den elften Band der Starnberger Stadtgeschichte in den Händen.

(Foto: Nila Thiel)

Wann genau und von wem Sankt Benedikt erbaut wurde, lässt sich nicht eindeutig feststellen. Die archäologischen Grabungen lassen die Wurzeln von Sankt Benedikt bis ins siebte Jahrhundert vermuten. Damals war das Gotteshaus wohl die Eigenkirche einer bajuwarischen Adelsfamilie. Zwei Jahrhunderte später übernahm das Kloster Benediktbeuern die Kirche und weihte es dem heiligen Benedikt. Als 1764 die neue Pfarrkirche errichtet wurde, baute man Sankt Benedikt nach und nach ab.

Neben den Überresten des Gebäudes wurden mehr als 350 Gräber aufgedeckt. Die Archäologen fanden Rosenkränze, religiöse Medaillen und Kleidungsstücke, die Einblicke in die Trachtengeschichte des Landkreises in der frühen Neuzeit gewähren. Auch Verletzungen wurden an den Skeletten festgestellt: "Es lässt einen erschauern, unter was für Schmerzen die Menschen damals leiden mussten", sagt Later.

Die Gebeine wurden im Herbst 2009 auf dem Friedhof von Sankt Josef bestattet. Das Grabungsgelände wurde aus konservatorischen Gründen wieder zugeschüttet. Ein nachgebildeter Grundriss der Pfarrkirche an der Oberfläche ist im September des darauffolgenden Jahres errichtet worden. "Der Schleier der frühen Starnberger Geschichte wurde ein Stück gelüftet", sagt Bürgermeister Patrick Janik. Die Ergebnisse der langjährigen Arbeit seien für die Bürger und für die Wissenschaft ein bedeutsamer Beitrag. Interessierte können das Gelände in der Possenhofener Straße 3 von Dienstag bis Sonntag zwischen 10 und 17 Uhr betreten. Das Buch ist von sofort an im Buchhandel für 29,80 Euro erhältlich.

© SZ vom 24.09.2020

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