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Gewinner und Verlierer:Hüter der Eintagsfliegen

Der überwiegende Teil der bei dem Event gezeigten Filme schafft es nicht in die Lichtspielhäuser - unabhängig von der Qualität.

Von Gerhard Summer, Starnberg

Wer dabei ist, hat irgendwie gewonnen und gehört in der Regel trotzdem zu den Verlierern. Die meisten der Dramen, Komödien und Dokus, die Festivalchef Matthias Helwig und sein Team dieses Jahr auf den Filmfesten in Berlin oder Solothurn gesehen und für ihre "Special Edition" ausgesucht haben, laufen hinterher vielleicht noch auf einem anderen kleinen Kinoevent. Dann aber verschwinden sie meist in der Versenkung, so grandios sie auch sein mögen, weil sich kein Verleih dafür interessiert und das Werbebudget bei Null liegt. Grob geschätzt dürften 98 Prozent der in Starnberg gezeigten Kurz-, Video-Art- und Shortplus-Filme dieses Schicksal teilen. Und laut Pressesprecherin Maren Martell kommen wohl auch etwa 80 Prozent der Spielfilme und Dokumentationen, ob sie nun aus Taiwan, der Ukraine, aus Belgien, der Schweiz oder aus Deutschland stammen, gar nicht erst auf die Programme der Lichtspielhäuser. Helwig und seine Mannschaft sind sozusagen Hüter der Eintagsfliegen.

Aber natürlich gibt es beim Fünfseen-Festival auch richtige Gewinner. Zehn Preise sind ausgeschrieben. Was die niedrig angesetzten Dotierungen betrifft, hat sich leider nichts getan. Aber eine Neuerung gibt es: Der Dachs-Drehbuchpreis entfällt in diesem Jahr, dafür verleiht die Interfilm-Akademie den sonst stets beim Münchner Filmfest vergebenen One-Future-Preis erstmals in Starnberg, weil das Großereignis in der Landeshauptstadt wegen der Pandemie ausfällt.

Die nicht dotierte Auszeichnung kommt einem Film zu, der einen Grundgedanken ethisch und ästhetisch überzeugend umsetzt: dass die Menschen dieses Jahrhunderts "eine einzige unteilbare Zukunft" haben. Wie der Gautinger Filmpfarrer Eckart Bruchner sagt, wollten er und die international besetzte Jury den Preis nicht zu einem der großen Festivals in Locarno, Venedig oder Kiew verleihen, sondern das Fünfseen-Fest damit würdigen. Die Feier am Sonntag, 6. September, im Kino Gauting beginnt um 18 Uhr. Die Akademie, die den Dialog zwischen Film, Kultur und Religion fördert, vergibt dabei auch den One-Future-Ehrenpreis - an den Kinobetreiber und Festivalleiter Matthias Helwig. Sie ehrt damit Helwigs "unermüdlichen Einsatz für das Filmwesen", so Bruchner.

Die mit 5000 Euro am höchsten dotierten Auszeichnungen sind wieder der Fünfseen-Film-, der SZ-Publikums- und der Hannelore-Elsner-Schauspielpreis, der in diesem Jahr zum zweiten Mal vergeben wird und an Nina Hoss geht. Die 45-jährige Theater- und Filmschauspielerin aus Stuttgart hat mit den Regisseuren Volker Schlöndorff, Oskar Roehler, Doris Dörrie und Katrin Gebbe gedreht, eine langjährige Zusammenarbeit verbindet sie mit Christian Petzold. Hoss hat bereits den Silbernen Bären, den Adolf-Grimme- und den Deutschen Filmpreis in der Vitrine stehen. Sie wird am Samstag, 5. September, 20 Uhr, im Seebad Starnberg ausgezeichnet, anschließend läuft "Schwesterlein".

Um den Fünfseen-Filmpreis konkurrieren in diesem Jahr acht Dramen. Sie erzählen von Außenseitern auf der Suche nach Geborgenheit ("What You Don't Know About Me" von Rolando Colla). Vom Kampf eines Gelegenheitsarbeiters um seine beiden Kinder ("Father" von Srđan Golubović). Von der Flucht aus dem langweiligen Alltag ("Mare" von Andrea Štaka). Oder auch von der Liebe zu einer selbst erschaffenen Fiktion ("The Trouble With Being Born" von Sandra Wollner).

In der Kategorie Publikumspreis (Reihe Panorama) geht es mit am buntesten zu. 25 mitteleuropäische Produktionen stehen auf dem Programm: vom Heimatfilm "Walchensee Forever" (von Janna Ji Wonders) über die pfiffige Komödie "Kiss Me Kosher" (Shirel Peleg) bis hin zur lakonischen Groteske "Über die Unendlichkeit" (Roy Andersson) und zum Reality-Drama "Yalda" (Massoud Bakhshi).

© SZ vom 27.08.2020

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