Seeshaupt Eingespieltes Ensemble

Meister des Unisonospiels (von links): Aaron Wonesch (Piano), Martin Spitzer (Gitarre), Joschi Schneeberger (Bass) und Toni Mühlhofer (Percussion).

(Foto: Georgine Treybal)

Joschi Schneeberger und sein Jazzquartett wecken nostalgische Gefühle

Von Reinhard Palmer, Seeshaupt

Mit der großen Halle und den locker verteilten Tischen bei dezenter Beleuchtung hat der Bühnensaal der Seeresidenz Alte Post wenig mit einem traditionellen Jazzclub gemein. Die Atmosphäre erinnert vielmehr an vornehme Seebad-Kurhäuser oder mehr noch an die alten Jazzlokale Prags mit ihrem mondänen Charme, wo man Wein dem Bier vorzieht und sich bei moderater Lautstärke auch noch gepflegt unterhalten kann. Allerdings ist die einstige Schalterhalle der Alten Post zum Glück nicht so plüschig wie die legendäre "Reduta" an der Moldau.

Und irgendwie passt an diesem Abend auch die Musik dazu, die mit dem Publikum etwas in die Jahre gekommen ist. Was keine Abwertung der instrumentalen Fähigkeiten der renommierten Musiker des Wiener Joschi-Schneeberger-Quartetts sein soll: Der 61-jährige Schneeberger ist am Kontrabass immer noch ein zuverlässiger, kernig rhythmisierender Motor und ein entschiedene Linien ziehender Meister des Walking Bass mit rundem Klang und blitzsauber intonierten Tönen, dank des nach wie vor kraftvoll-präzisen Griffs.

Gerade bei diesem Ensemble, zu dessen Stilmerkmalen das Unisonospiel gehört, kommt es auf exakte Übereinstimmung an - wie etwa die Schneebergers mit dem Gypsy-Jazz-Spezialisten Martin Spitzer an der Gitarre. Auch er ist ein geschmeidiger Virtuose, der gern Themen mit weitschweifenden Linien ausbaut und sukzessive packender aufdreht. Unisonospiel mit besonderem Klangreiz bietet Spitzer wiederum mit dem E-Piano von Aaron Wonesch, was einen überaus klangdynamischen Mix ergibt. Spitzer ist aber auch ein imaginativ kreierender Tastenartist, der gerne virtuos die gesamte Tonskala durchmisst und als einziger der Band schon mal mutig Harmonien mit Dissonanzen würzt.

In Seeshaupt musizierten Spitzer und Wonesch eng miteinander, folgten abwechselnd einfühlsam den Einfällen des anderen und arbeiteten so besondere Effekte heraus. Toni Mühlhofer machte sich nicht die Mühe, ein großes Schlagzeug nach Seeshaupt mitzuschleppen. Er trat den Beweis an, mit minimalsten Mitteln trotzdem zu begeistern, gab sich mit zwei Bongos oder einmal gar mit einem Tamburin zufrieden. Eine Rassel verlieh einem Titel den Latin-Charakter, während Mühlhofer mit der zweiten Hand zugleich an den Bongos für Offbeat sorgte. Diese schlanke Percussion-Stilistik tat umso transparenter und eindringlicher ihre Wirkung. Und der erfinderische Mühlhofer hielt einige Überraschungen parat. In den Soli war es vor allem der Reichtum an rhythmischen Varianten, die sein Spiel zur Lehrstunde seines Fachs machte.

Die drei Mitspieler griffen diese Finessen dialogisierend auf und brachten sie geschickt mit den meist von Schneeberger und Spitzer, aber auch von Wonesch komponierten Themen und sanglichen Melodien in Verbindung. Auch wenn die einzelnen Stücke dem klassischen Schema von Thema und freien Improvisationen aller Mitspieler der Reihe nach folgte, gelang es den vier Musikern auch eine Dramaturgie mit alles übergreifendem Spannungsbogen anzulegen.

So verdichteten sich nicht nur die einzelnen Soli zu einem eigenen Höhepunkt, auch der Gesamtverlauf zeigte eine Entwicklung, die jeweils auf einen Kulminationspunkt zustrebte. Das konnte ein sattes Miteinander sein, dialogisierendes Wechselspiel oder ein klar ausgeprägter Gesang im Unisonospiel. Ein subtiles Differenzieren blieb doch deutlich genug, um den Inhalten der Stücke individuelle Eigenheiten zu verleihen.

Weil Schneeberger in einigen Nummern seine Familienmitglieder charakterisierte, konnte man sich das bunte Treiben mit acht Enkeln im Hause Schneeberger bildhaft vorstellen - ausbalanciert mit einer sanften, nostalgischen Ballade seiner Tochter: Ein sehr persönlicher Beitrag, der Sympathien weckte. Begeisterter Applaus und eine Zugabe.