Seeshaupt Bauernschlaue Bekenntnisse

Triumphierendes Hahaha: Michael Lerchenberg entlarvt als Hinterbänkler Josef Filser die Scheinmoral.

(Foto: Georgine Treybal)

Paraderolle für Michael Lerchenberg: Der Schauspieler brilliert mit seiner Lesung aus den Filserbriefen von Ludwig Thoma in der Alten Post Seeshaupt

Von Patrizia Steipe, Seeshaupt

Das waren noch Zeiten, als ein Landtagsabgeordneter mit "Exzellenz" angesprochen wurde und sich dessen Ehefrau als "königliche Abgeordnetensgattin" bezeichnen durfte, als es im Parlament "Abtritte" (Aborte) gab, die speziell für die hohe Geistlichkeit reserviert waren und das "Ausspeihen" im samtbezogenen Erster-Klasse-Bahnwaggon untersagt war. Ludwig Thoma (1867-1921) hatte den fiktiven Briefwechsel des Hinterbänklers Josef Filser mit den Daheimgebliebenen in den "Filserbriefen" beschrieben. Ursprünglich waren die Briefe zwischen 1907 und 1912 in der Satirezeitschrift "Simplicissimus" abgedruckt worden und erst später in Buchform erschienen.

Die Lesung dieser bauernschlauen, treuherzigen Bekenntnisse ist eine Paraderolle für Michael Lerchenberg. Seit Jahren tourt der Schauspieler mit den Filserbriefen durch die Lande. In der Alten Post Seeshaupt schlüpfte er wieder einmal in Sekundenschnelle von der Rolle des Josef Filsers, in die des "lieben Freihnd Bechler Gorbinian in Mingharting", in die des "hochwierden hern Bfarrer Emeran Schanderl", in die seiner keifenden Frau Mari oder in die der angeblichen "Comtesse", die sich dann jedoch als "Schlampen aus Giesing" entpuppte. Filser schreibt unter Missachtung sämtlicher Orthografieregeln genauso wie er spricht. Das macht das Lesen dieses Thoma-Klassikers bisweilen ein wenig mühsam und eine Lesung zum gut verständlichen besonderen Vergnügen - vorausgesetzt natürlich, man ist des Bayerischen mächtig. Vor allem wenn Lerchenberg die Worte durch passende Mimik unterstreicht, seine Augen dabei spitzbübisch zu leuchten beginnen und immer wieder mal ein triumphierendes "Hahaha" aus seinem Mund erschallt.

Thoma hat in den hintersinnigen Briefen das damalige Obrigkeitsdenken und die katholisch verbrämte Scheinmoral aufs Korn genommen. Dabei haben sich die Themen von damals zu heute gar nicht einmal so sehr geändert. Freilich, über Bilder unbekleideter Frauen "pudelnackte Scheußlichkeiten", die in der Pinakothek unverständlicherweise als "Kunst" bezeichnet werden, rümpft heute keiner mehr die Nase. "Die Malerei ist schon eine Kunst, aber bloß bis zum Nabel. Unterm Nabel ist es eine Sauerei, indem es dort geschlechtlich ist", doziert Filser. Als Angehöriger der erzkatholischen Zentrums-Partei setzt er sich besonders vehement gegen Unkeuschheiten aller Art ein. Immun gegen die "sauberen" Madln mit ihren "großen Herzen" und "gewaltigen Hinterquartieren" ist er allerdings nicht.

Was der heutigen CSU die "Flüchtlinge" sind, waren dem Zentrumsvertreter Filser die Preußen: "es kommen immer mehr Preußen zu uns. Sie kommen scheinbar, als wenn sie was lernen wollen bei uns oder zum Vergnügen. Aber wir müssen Obacht geben, dass sie nicht dableiben. Die Pflicht der bayerischen Parlamentarier ist es, dass sie den Ministern diese schleichende Gefahr beweisen und bald wieder einer kommt, muss man Spektakel machen", lässt Thoma seinen Volksvertreter warnen. Die Öffentlichkeit bekommt von diesen Weisheiten nichts mit. Im Parlament regiert der Filser Josef stumm. Denn hier haben die vielen geistlichen Herren seiner Zentrumspartei das Sagen, "die wo gesagt haben, wir brauchen bloß das Maul halten und sie machen es schon".

Dem Filser ist es recht wie er in seinem Brief schreibt: "Liebe Mari, ich bin froh, dass ich keine Rede nicht halten brauch, sondern das Maul". Das Seeshaupter Publikum feierte Lerchenberg und spendete auch dem "Niederbayerischen Musikantenstammtisch" kräftig Applaus. Die bayerische Band hatte die Lesung mit Wirtshausmusik aufgelockert. Als Zugabe las Lerchenberg einen Abschnitt aus Ludwig Thomas Einakter "Erster Klasse". Darin hat der Autor seinem Josef Filser eine Hauptrolle verpasst.