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Projektseminar im Kunstunterricht:Neue Ideen für alte Mauern

Schüler entwickeln Vorstellungen, wie verlassene Gebäude im Fünfseenland wiederbelebt werden könnten. Die Ausstellung in der Lagerhalle am Uttinger Bahnhof ist ein Glücksfall - auch für die Gemeinde.

Von Armin Greune, Utting

Mit einer besonderen Ausstellung rückt erstmals das Lagerhaus am Uttinger Bahnhof in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Ein Wissenschafts- und Projektseminar im Kunstunterricht des Ammersee-Gymnasiums (ASG) hat sich unter dem Titel "Lost Traces" auf die Suche nach baukulturellen Spuren im Fünfseenland begeben und sich Nutzungsmöglichkeiten für leer stehende oder inzwischen abgerissene Gebäude einfallen lassen. Auf 14 Schautafeln sind für die jeweiligen Objekte architektonische Gestaltungsvorschläge dargestellt. Sie sind an diesem Wochenende jeweils von 14 bis 18 Uhr zu sehen.

Natürlich gehört auch die Bahnlagerhalle selbst zu den vorgestellten verlassenen Bauten - ebenso wie ihr Schondorfer Pendant, das, zum Politikum geworden, seit einer gefühlten Ewigkeit in einen Dornröschenschlaf gesunken ist. 2008 hatte die Gemeinde ihren Bahnhof samt Umfeld erworben. Als auch das zugehörige Lagerhaus zum Baudenkmal erklärt wurde, gingen der damalige Bürgermeister Peter Wittmaack und der Gemeinderat auf Konfrontationskurs zu den Behörden und wollten das Gebäude um jeden Preis abreißen. Viermal stimmten schwindende Mehrheiten für die Beseitigung; 2014 fand sogar ein Bürgerentscheid statt, bei dem sich 769 Schondorfer für den Abriss und 712 für den Erhalt der Halle aussprachen.

Utting: Kunstseminar ASG zeigt Ideen für eine Neugestaltung verlassener Gebäude

Das Uttinger Lagerhaus ist für die Präsentation der Schülerprojekte aufwendig hergerichtet und aufgehübscht worden.

(Foto: Fotos (4): Nila Thiel)

Obwohl der anstelle des Baus geplante Busparkplatz längst vom Tisch ist, halten einige Gemeinderäte noch immer an der Idee eines Abrisses fest. Zuletzt musste dies der örtliche Künstler Andreas Kloker erfahren: Er hatte zum Kreiskulturfest 2017 eine einmalige Installation im und am Lagerhaus geplant - und scheiterte mit seinem Antrag an einem Patt im Gemeinderat. Auch Burkhard Niesel, Kunsterzieher am ASG, hatte zunächst in Schondorf nachgefragt, ob die Schul-Ausstellung in der dortigen Lagerhalle stattfinden könne. Die erst erfolgte Zusage wurde "wegen akuter Einsturzgefahr wieder verweigert", spottete Niesel bei der Vernissage am Donnerstagabend.

In Utting aber - auch dort gehört das Lagerhaus der Gemeinde, steht aber nicht unter Denkmalschutz - traf das Projekt auf offene Arme. Obwohl sich der Bau in viel schlechterem Zustand als der Schondorfer befindet, will man es "auf keinen Fall wegschieben", sagte Uttings Bürgermeister Josef Lutzenberger. Das örtliche Kulturforum hat schon ein Auge darauf geworfen, auch eine Nutzung als Jugendtreff oder Archiv steht zur Debatte. Nun soll die Lagerhalle samt Umfeld das erste Projekt im künftigen integrierten städtebaulichen Entwicklungskonzept werden, das Utting gemeinsam mit Schondorf und Greifenberg plant, sagte Lutzenberger bei der Eröffnung der Ausstellung.

Diese traf auf großes Interesse: Rund 70 Besucher hatten sich eingefunden. Das Gebäude war außen mit schrägen Lattenrosten aus Lärchenholz verkleidet, 38 bunte Fahnen, die Uttinger Künstler zu den diesjährigen Ateliertagen angefertigt hatten, schmückten die Umgebung. Zur Vernissage spielte eine Schülerband und die Partner des Projektes stellten sich vor. Jan Weber-Ebnet und Stephanie Reiterer, wie Niesel Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft "Schule und Architektur", berichteten über das Projekt "Lost Traces", an dem zum Europäischen Kulturerbejahr 16 ausgewählte bayerische Schulen teilnehmen. Ziel sei, "in den Ort einzugreifen, ihn mit Kunst und Kultur zu bespielen, um bewusster mit dem baulichen Erbe umzugehen", sagte Reiter, die im Uttinger Lagerhaus ein "Paradebeispiel" sah.

Die von den 20 Schülern erarbeiteten Ideen sind teilweise mit präzisen Bauzeichnungen und Modellen illustriert und drehen sich fast alle um kulturelle oder gastronomische Nutzungen. So sieht Lily Baumeister das Jagdhaus am Martinsberg im Inninger Wald als Theater mit Gartentribüne und Álvaro Van Bogaert will im Scheffler-Stadel des Dießener Klosterhofs einen Meditationsraum für unterschiedliche Religionen einrichten. Lara Stegmann schlägt für das Schondorfer Lagerhaus ein Künstlercafé vor, das mit einem historischen Eisenbahnwaggon als Kiosk ergänzt werden könnte. Es darf auch geträumt werden: So wird für den 2015 abgerissenen Alten Wirt in Machtlfing eine Wiedergeburt als Gaststätte oder für die beseitigten Bauten auf der Schwedeninsel am Ammersee ein Café geplant.

Utting: Kunstseminar ASG zeigt Ideen für eine Neugestaltung verlassener Gebäude

Utting: Kunstseminar ASG zeigt Ideen für eine Neugestaltung verlassener Gebäude Utting: Kunstseminar ASG zeigt Ideen für eine Neugestaltung verlassener Gebäude Schüler: Laurids zur Steege, LÖara Stegmann, Lion Littwin, Lily Heinrich, Marie Seeger Foto: Nila Thiel

(Foto: Nila Thiel)

Nicht nur Lutzenberger fand die Anregungen der 20 Schüler "klasse". Doch fast noch mehr freute ihn, dass die zuvor völlig verwahrloste Lagerhalle für die Ausstellung auf Hochglanz gebracht wurde. Zu verdanken war dies auch 25 ehrenamtlichen Helfern der Jugendbauhütte Regensburg, die dort unter Leitung des Schreiners und Restaurators Stefan Aichner ein freiwilliges soziales Jahr leisten. Sie hatten seit Montag im Lagerhaus gearbeitet und auch das schadhafte Dach repariert: Allein dafür habe die Gemeinde einen Kostenvoranschlag über 22 000 Euro erhalten, sagte Lutzenberger. Auch aus diesem Grund war es ein Glücksfall, dass Utting zum Schauplatz des Projekts wurde und nicht Schondorf, wo im Lagerhaus kaum Reparaturbedarf besteht.

© SZ vom 27.10.2018
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