Performance Der Stoff, aus dem Kunst entsteht

Die Gruppe Skulpt widmet sich im historischen Bahnhof Starnberg dem Plastikmüll. Das Ergebnis ist ein furioses Spektakel

Von Katja Sebald, Starnberg

Man nehme einen Liederzyklus von Franz Schubert und einen großen Haufen Plastikmüll. Gebe beides in die Hände eines Musiklehrers und eines Jazzpianisten, der eigentlich Molekularbiologe ist. Dazu lasse man eine in höchstem Maße motivierte Improvisationsgruppe und den ungekrönten König der absurden Lieder auftreten. So geschehen am Freitagabend im "Wartesaal für allerhöchste Herrschaften" des historischen Bahnhofs in Starnberg bei der Uraufführung einer Performance von "Skulpt". Am Ende, so viel sei schon mal verraten, hatte nicht nur "Die schöne Müll-erin", sondern auch das schnöde Wort "Kunst-stoff" einen ganz anderen Klang.

Zum Stoff, aus dem Kunst gemacht wird, mutierte an diesem Abend alles, was normalerweise im Gelben Sack entsorgt wird: Musiziert wurde mit einer Plastikflaschenorgel, mit einem Abflussrohr-Didgeridoo, mit einer Flaschendeckel-in-Dosen-Rassel, mit Waschmittelflaschen-auf-Körper-Percussion, mit Foliengeknister und mit Verpackungstütengeraschel. Zwischendurch auch mal mit Klavier, Geige, Flöte und der wundersamen Shrutibox. Besungen wurden Polyester, Polyvinylchlorid, Polyurethan und ja, auch der Gelbe Sack. Zwischendurch auch mal die "Schöne Müllerin", die echte von Schubert. Zu Kunstobjekten wurden Plastikbecherreliefs und von innen beleuchtete Tüten und überhaupt alles, was auf der Bühne herumlag. Zwischendurch wurden auch Bilder von scheinbar unberührten Flusslandschaften und einem trügerisch türkisblauen Meer an die Wand geworfen.

Manchmal ist sogar Plastikmüll eine feine Sache - wenn er der Kunst dient, wie in der Performance "Schöne Müllerin" im Kulturbahnhof.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Und als ob das noch nicht genug "Zwischendurch" gewesen wäre, wurde dieses mehr als furiose Spektakel immer wieder abrupt unterbrochen, wenn der Jazzpianist sich vom Klavierhocker erhob, zum Molekularbiologen mutierte und einen Kurzvortrag über das hielt, was unser Plastikmüll mit den Flusslandschaften und Meeren anrichtet. Anstelle von schönen Bildern wurden dann Statistiken, Diagramme und Horrorszenarien an die Wand geworfen. Dann kehrte er zurück an sein Instrument und die Performance unter dem Motto "Natur Meets Müll" nahm ihren Lauf, bis am Ende alle knietief in Verpackungsmüll standen und aus gelben Säcken kleine Give-aways an die mehr als zahlreich erschienenen und mehr als erstaunten Besucher des Abends verteilten.

Und so wurde aus der von Franz Schubert ganz im Sinne der Romantik vertonten Geschichte des wandernden Müllergesellen, der sich unglücklich in eine schöne Müllerstochter verliebt und sich am Ende in einem Bach ertränkt, die zeitgeistige Story von Lieschen Müller, die in der Stadt irgendwas mit Medien macht und mit dem Jäger zusammenlebt, der als Coach arbeitet. Am Wochenende fahren sie mit ihrem SUV - geländegängig! - ganz weit hinein in die unberührte Natur, machen ein Picknick mit bei Aldi eingekauftem Bio-Obst und entsorgen den Plastikmüll in eben jenem Bächlein.

Kunststoff eignet sich offenbar auch hervorragend, um damit Musik und Geräusche zu machen: der Maler Dazze Kammerl (li.) und Verena Fincke.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Angezettelt und angerichtet hatte dieses verwegen-wunderbare Pasticcio die Gruppe "Skulpt", die sich unter der Leitung von Rupert Bopp regelmäßig zur Improvisation an der Starnberger Musikschule trifft. Neben Renata Hirtl, Verena Fincke und Reinhard Weber gehört auch der Berger Künstler Dazze Kammerl, der seit einiger Zeit mit seinen höchst ungewöhnlichen Liedern auftritt, der Gruppe an. Gast am Klavier war an diesem Abend Sebastian Höss, der auch Einblicke in sein Forschungsgebiet Mikroplastik gab. Wer nach diesem Abend tatsächlich noch eine einzige Plastikflasche kauft, der wird sie umgehend zu einer kunstvoll gestalteten Möwe umbauen - oder wenigstens bis ans Ende seines Lebens als Musikinstrument nutzen.