Nepomuk Schiller und die Lokführer

Über die tiefe Verbundenheit des Herrschinger Bürgermeisters mit der Eisenbahn

Von Eurem Nepomuk

Nun ratet mal, liebe Leute, was zu den schönsten Pflichten eines Bürgermeisters gehört? Die Weihnachtsessen? Nein, die machen nur dick. Die Stadtratssitzungen in Starnberg? Nein, die machen nur schlechte Laune. Ich sag's Euch: Es sind die Grußworte, die man bei vielerlei Anlässen sprechen darf: wenn sich die Kaninchenzüchter treffen, die Feuerwehr ein neues Auto hat, oder es einen langjährigen Feldgeschworenen zu verabschieden gilt. Manche meiner lieben Bürgermeister-Freunde machen es sich da allerdings etwas einfach. Sie müssen so eine Art Standard-Grußwort in ihrem Computer gespeichert haben, in dem sie immer nur die Namen und den Anlass der Lobhudelei verändern. Wie langweilig!

Dass es auch anders geht, hat neulich der Schiller Christian bewiesen, der Herrschinger Bürgermeister. Hat er doch glatt Bewegung in die Landesversammlung der Gewerkschaft deutscher Lokführer gebracht. Deren Chef kennt Ihr alle aus dem Fernsehen, den Claus Weselsky, der immer in bestem Sächsisch erklärt hat, warum Lokführer wochenlang streiken müssen. Jetzt war der Weselsky also tatsächlich in Herrsching, um seine Gewerkschaftskameraden mit starken Worten auf die nächsten Tarifverhandlungen einzuschwören. Warum gerade Herrsching, hab' ich mich gefragt - und bin hingefahren. Und was seh' ich da im Haus der Landwirtschaft? Steht doch der Schiller Christian einträchtig neben dem Gewerkschafts-Boss, die Zwei scherzen miteinander und unterhalten sich über Grundstückspreise. "Was glauben Sie, wie ich zu Streikzeiten auf Sie zu sprechen war", sagt der Schiller zum Weselsky. "Aber so sind halt die Spielregeln, dass man Person und Funktion trennen muss", und lacht. Dann geht es, und das ist wieder die alte Geschichte, zum Grußwort-Reden. Und da zeigt der Schiller, wie man gestandene Lokführer in Bewegung bringt. Statt die Vorzüge Herrschings zu preisen, stellt der Christian schlaue Fragen - und wer sie mit Ja beantworten kann, muss vom Sitz aufstehen. Wer denn schon mal in Herrsching war? Der ganze Saal steht auf. Wer ledig ist? Die Hälfte erhebt sich. Man könne hier im Kurparkschlösschen "herrlich heiraten", erklärt Schiller den verdutzten Eisenbahnern. Und wer wisse, welcher Ort die längste Promenade an einem See habe? Die meisten bleiben sitzen. Herrsching klar, mit 14 Kilometern.

Auch einen Bundestagsabgeordneten bringt Schiller mit dem Auf und Nieder in Schwung. Es ist Klaus Ernst von den Linken. Als der zu seinem Grußwort ans Rednerpult tritt, kann er sich eine Replik auf Schiller nicht verkneifen. Herrsching sei schon immer ein gastfreundlicher Ort gewesen, nicht nur jetzt für die Eisenbahner. Er sei als 16-Jähriger mit seiner Freundin aus München geflohen, weil sie ungestört von den Eltern sein wollten. Sie kamen in Herrsching an und suchten ein Hotel. Der Wirt wollte den beiden kein Zimmer geben, bis die resolute Wirtin kam und zu ihrem Mann sagte: "Gib' a Ruah, die beiden kommen heute Nacht eh zsamm." Der Saal applaudiert und der Schiller lacht. Wenn er so weitermacht, wird er noch Ober-Ehren-Eisenbahner, vermutet