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Literatur:Aber bitte mit Sahne

Vom deutschen Wirtschaftswunder und von der Unterdrückung der Frauen handelt Stephanie Schusters neuer Roman. Das in Starnberg spielende Buch ist der erste Teil einer Trilogie.

(Foto: Arlet Ulfers)

Die Pöckinger Autorin Stephanie Schuster hat den ersten Teil ihrer "Wunderfrauen"-Trilogie vorgelegt. Er beginnt 1953 und erzählt Starnberger Geschichte aus der Perspektive von vier Freundinnen

Von Blanche Mamer, Starnberg

Luise Dahlmann hat einen Traum: Nach Jahren des Sparens und des Verzichts will sie einen kleinen Lebensmittelladen eröffnen, der alles führen soll, wonach sich die Menschen sehnen. Luise Dahlmann ist die Protagonistin des Romans "Die Wunderfrauen" von Stephanie Schuster aus Pöcking. Die Figur hat ein echtes Vorbild: Die 97 Jahre alte Oma von Carla Grosch, einer Lektorin im Fischer Verlag, betrieb viele Jahre in Münster einen Tante-Emma-Laden.

"Carla hatte die Idee, das Sehnen und Streben der Großmutter in den 1950er Jahren zu erzählen, und suchte eine Autorin. Meine Agentin hat mich vorgeschlagen. Mein Exposé kam gut an, und so kam ich zu dem Auftrag", sagt Stephanie Schuster und erklärt, sie habe sich diesen Titel gewünscht und die Geschichte an den Starnberger See verlegen wollen. Schließlich kenne sie sich hier bestens aus. Sie hat einiges über die Historie ihrer Heimat herausgefunden, das sich gut in den Roman einarbeiten ließ. Die Pöckingerin, geboren 1967, die mit ihrer Familie auf einem kleinen Bauernhof mit Ziegen und Schafen lebt, hat bereits mehrere Krimis unter Pseudonym veröffentlicht, jetzt schreibt sie unter ihrem richtigen Namen.

"Die Wunderfrauen, Alles, was das Herz begehrt", ist der erste Roman einer Trilogie und beginnt 1953, als "das deutsche Wirtschaftswunder" in Fahrt kam. Luise Dahlmann gelingt es, mitten in Starnberg, Ludwigstraße 2, ihren Gemischtwarenladen zu eröffnen - mit langer Ladentheke, einer Kühlung für Frischwaren, selbst gebackenen Sahnetorten und sonntags frischen Brötchen. Zwei Frauen sind von Anfang an mit dabei, die junge Lernschwester Helga Knaup, Tochter eines wohlhabenden Münchner Schuhfabrikanten mit Nazivergangenheit, die vor den Verkuppelungsplänen ihrer Eltern geflohen ist, und Marie Wagner, die auf der Flucht aus Schlesien in Leutstetten auf dem Bauernhof von Luises Bruder Zuflucht und Arbeit gefunden hat. Und dann kommt noch Annabel von Thaler hinzu, die unglückliche und unsichere Frauenarztgattin, die in der Villa gleich nebenan wohnt, ihren Platz in der Gesellschaft aber noch nicht gefunden hat.

Die Autorin verwebt gekonnt und wie selbstverständlich die fiktiven Lebensgeschichten der Frauen mit der Starnberger Vergangenheit. Sie hat viel dafür recherchiert und dabei einiges entdeckt, was sie bis dahin nicht wusste, zum Beispiel, dass es bis März 1953 in Feldafing ein Lager für "Displaced Persons" gab, jüdische Überlebende des Holocaust. "Dass Frauen es nicht leicht hatten, das war mir schon klar, wie stark sie auch durch die Gesetze unterdrückt waren, habe ich jetzt erst begriffen", sagt Schuster. Dass sie zum Beispiel nicht über ihr eigenes Geld verfügen durften. Dass sie, wenn sie arbeiten oder den Führerschein machen wollten, die Unterschrift des Mannes brauchten. Und dass uneheliche Kinder Mündel des Staates waren, das Jugendamt der Mutter also jederzeit das Kind wegnehmen konnte, egal, ob es gut versorgt war oder nicht.

Manche Kapitel des Romans lesen sich wie ein Krimi. Bald wird klar, dass die Welt nicht so heil ist, wie sie scheint und dass alle Figuren Geheimnisse und dunkle Seiten haben. Das ist ziemlich spannend, die Plots entwickeln sich nach und nach und finden schließlich am 4. Juli 1954 mit dem Endspiel der Fußballweltmeisterschaft ein hochspannendes Finale. Mit einem sogenannten Cliffhanger.

Die Leser und Leserinnen müssen sich bis Februar kommenden Jahres gedulden, um zu erfahren, wie es zehn Jahre später um die offenen Fragen steht. Dann erscheint die Fortsetzung mit dem Untertitel "Von allem nur das Beste". Der Roman scheint einen Nerv der Zeit getroffen zu haben. Bereits nach fünf Wochen stand er auf Platz fünf der Bestsellerliste Paperback.

Die Premierenlesung mit der Autorin findet am kommenden Mittwoch, 7. Oktober, 20 Uhr, statt, nicht in Starnberg, sondern im Gemeindezentrum in Maisach, Riedlstaße 3.

Stephanie Schuster, "Die Wunderfrauen, Alles was das Herz begehrt", S.Fischer Verlag, 472 Seiten, 15 Euro.

© SZ vom 06.10.2020
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