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Kunst:Kopfgeburten aus der Wüste

Bernd Zimmer und Hannsjörg Voth präsentieren in einer Gemeinschaftsausstellung bis 6. Juni Bilder in der Gautinger Remise, die inspiriert sind von besonderen Empfindungen und innerer Freiheit

Mit Bernd Zimmer und Hannsjörg Voth begegnen sich in der Gautinger Remise von Schloss Fußberg derzeit zwei Künstler, die in den 70-er Jahren Furore machten. Es begegnen sich aber auch zwei große Kenner und Liebhaber von Wüstenlandschaften: Zimmer, einst Protagonist der Westberliner "Jungen Wilden", lässt sich immer wieder von ausgedehnten Reisen, unter anderem in die libysche Sahara und die südwestafrikanische Namib-Wüste, inspirieren. Voth war bereits als Land-Art-Künstler bekannt, bevor er sich zur Errichtung von drei großen Bauskulpturen für beinahe ein Vierteljahrhundert in die marokkanische Marha-Ebene zurückzog. Auf Einladung der Ausstellungsmacher Corina Becker und Hans Wolfgang Leeb erzählen sie - jeder in seiner eigenen Sprache - bis Mittwoch, 6. Juni, von ihren Erlebnissen in der Wüste.

Zimmer zeigt vier Gemälde und eine Reihe von Holzschnitten aus den Jahren 1995 bis 2007. Auf der Leinwand verdichtet der Maler seine Natureindrücke zu ruhigen Farbflächen in glühenden Rot-, Gelb- und Orangetönen, die sich zu weiten Landschaften mit extrem niedrigem Horizont fügen. Trotz der intensiven Farbigkeit und der diesen Bildern innewohnenden Lichtexplosionen entsteht - nicht zuletzt durch Verzicht auf heftige Gesten und durch weitgehende Abstraktion des Gesehenen - der Eindruck von großer Stille. Alle Bilder sind aus der Erinnerung im Atelier entstanden. Um Strukturen, Oberflächen, Beschaffenheit von Erde und Fels, Berg- und Talformationen geht es Zimmer in den Holzschnitten. Bedingt durch die Technik kommt es hier zu einer weiteren Vereinfachung, zur Reduzierung aufs absolut Wesentliche. Aber auch mit maximal drei übereinander gedruckten Farben und freien weißen Flächen gelingt es, dürre Landschaften und gleißendes Licht der Wüste ins Bild zu übersetzen.

Hannsjörg Voth zeigt Arbeiten, die zwischen 1988 und 2012 in der Wüste Marokkos entstanden. In seinen dort errichteten Bauskulpturen "Himmelstreppe" und "Goldene Spirale" hatte er einen Arbeitsraum, in dem er während der Wintermonate zeichnete und aquarellierte. Seine Materialbilder entstanden mit Sand, Erde, Kalk und Kohle. Seine höchst subtilen Aquarelle vereinen mit sparsamen Mitteln im kleinsten Format, oft nur schemenhaft, aber mit großer erzählerischer Fülle, landschaftliche Eindrücke und Szenen aus dem kargen Leben von Nomaden.

Alle anderen Bilder entstanden in der Einsamkeit der Wüste als Kopfgeburten: Auf dem Papier erscheinen - zuweilen nur in hingekritzelten Bleistiftstrichen, aber mit größter Eindringlichkeit - Andeutungen von Figuren - halb Mensch, halb Tier, manchmal in leidenschaftlichen Umarmungen vereint, manchmal in leidenschaftlich kriegerischer Auseinandersetzung. Nur auf den ersten Blick ist dies ein zurückhaltendes und bescheidenes Werk: Bei genauer Betrachtung erweisen sich die animalischen Gestalten als expressive Verkörperungen aller Abgründe und Höhenflüge des menschlichen Seins. Entstanden sind sie ganz offensichtlich in großer innerer Freiheit, ohne das Ergebnis vor Augen zu haben - und vielleicht auch gar nicht mit dem Ziel, sie einmal öffentlich zu zeigen. Aber genau diese, nicht selten düstere und nur manchmal poetische Intimität macht ihren Reiz aus.