Kultur Treppen und Traumpfade

Die Ausstellung "Standort" im Starnberger Seebahnhof präsentiert eine großformatige Installation von Dorothea Reichenbacher und Arbeiten aus Ekkeland Götzes Projekt "Bild der Erde"

Von Katja Sebald, Starnberg

Unter Standort im geografischen Sinn versteht man die eigene Position auf der Erdoberfläche. Standortbestimmung heißt Ortung. Besorgte Eltern können heutzutage ihre Kinder oder zumindest deren Handys nächtens auf Partys oder in Clubs orten. Die Kinder untereinander schicken sich mal schnell den eigenen Standort von Handy zu Handy, wenn sie sich verabreden. Und wenn die lieben Kleinen ein bisschen größer sind, dann wissen sie auch, wie man den Standort faken kann, um beispielsweise eine eifersüchtige Freundin zu überlisten. Alles relativ also, auch die eigene Position oder der eigene Standpunkt. Mit "Standort" ist die aktuelle Ausstellung der Reihe "Nah - fern" in der Schalterhalle des historischen Bahnhofs am See in Starnberg überschrieben. Zwei Künstler, Dorothea Reichenbacher und Ekkeland Götze, waren eingeladen, Position zu beziehen.

Dorothea Reichenbacher arbeitete als Kulissenmalerin beim Film, bevor sie ein Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München begann, das sie 2015 in der Klasse von Günther Förg abschloss. Sie arbeitet als Kunstlehrerin in Nürnberg. In Starnberg zeigt sie eine großformatige Installation, für die sie mit Hilfe von Kulissenstützen von einem Filmset eine Art Raum im Raum gebaut hat. Hier soll sich nun, so die Künstlerin, ein "Energiefeld" aufspannen und der Betrachter aus unterschiedlichen Positionen auf große hochformatige Bilder blicken können.

Ekkeland Götze zeigt Bilder mit Erde vom Berg Sinai und den Traumpfaden der Aborigines.

(Foto: Georgine Treybal)

Jeweils zwei Bildtafeln sind im rechten Winkel über Eck aufgestellt, dazwischen ergibt sich eine quadratische Fläche, die mit auf den Boden aufgebrachten Papierarbeiten ausgelegt ist und die man an den beiden nicht umbauten Ecken betreten kann. Alle gezeigten Arbeiten von Dorothea Reichenbacher sind in Schwarzweiß gehalten, dünnflüssige Tusche dient ihr für eine möglichst direkte Intentionsübertragung. Auf dem Boden zeigt sie ein einziges Motiv, das als Linoldruck wiederholt wird.

Bei den Bildtafeln wird jeweils eine Tuschezeichnung mit gestischer Malerei kombiniert. Auf der Zeichnung finden sich Andeutungen von Figürlichem, vor allem aber Linien, Treppen und Leitern, die als Gerüste und somit als Symbole für Konstruktion und Komposition gelesen werden wollen. Heftige gestische Spuren und eher organisch anmutende Formen hingegen stehen für Emotion, so die Künstlerin.

Die Arbeiten von Ekkeland Götze muss man angesichts dieser dominant schwarzweißen Bühne erst einmal suchen. Fündig wird man, wenn man den Blick nach oben richtet: Die zurückhaltend monochrom gestalteten quadratischen Tafeln wurden wie ein umlaufender Fries unterhalb der Decke angebracht. Götze, 1948 in Dresden als Ekkehard Götze geboren und jetzt in München lebend, arbeitet seit 1989 an seinem Langzeitprojekt "Bild der Erde". Dazu hat er mittlerweile alle Kontinente bereist, um an vorher bestimmten Orten Erde zu entnehmen. Zurück im Atelier verarbeitet er diese Erden nach einem selbst entwickelten Verfahren, sodass er ihre Farbe konservieren und sie auf Papier drucken oder wie in der Freskotechnik auf frischen Kalkmörtel und andere Untergründe aufbringen kann. Mit Hilfe dieser von ihm als "Terragrafie" bezeichneten Technik sind mittlerweile mehrere hundert streng durchnummerierte Tafeln entstanden.

Ganz in Schwarzweiß: Dorothea Reichenbacher kombiniert Tuschezeichnung mit gestischer Malerei.

(Foto: Georgine Treybal)

Das nach und nach entstehende Gesamtbild der Erde besteht jedoch aus klar voneinander abgegrenzten Projekten, die sich mit einzelnen Orten beschäftigen. Götze, der sich auf seine Reisen sorgfältig vorbereitet, versucht, sich dem Verhältnis der Menschen zu der von ihnen bewirtschafteten Erde zu nähern und die Bedeutung bestimmter Orte für bestimmte Kulturen zu ermitteln. Er bereiste Plätze, an denen Geschichte geschehen ist, christliche Pilgerorte wie auch heidnische Kultstätten. So war er etwa auf dem Berg Sinai, spürte dem Massaker am Wounded Knee nach oder suchte die Traumpfade der australischen Aborigines. Das Ergebnis seines konzeptionellen Vorgehens sind Erd(ab)bilder, deren farbliche Bandbreite von Schwarz über Braun, Rot und Ocker bis hin zu Weiß reicht. Lebendig werden diese stillen Bilder erst, wenn man ihre Geschichte kennt.

Bis 25. Mai, freitags von 16 bis 18 Uhr, samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr.