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Kultur:Solist wider Willen

Maxi Aldinger, Anton Engelmann, Jakob Mühleisen und Veit Kobler (von oben im Uhrzeigersinn) haben als "A Story For Reflection" ihr Debütalbum aufgenommen.

(Foto: Band)

Jakob Mühleisen wollte mit Band auf Tour gehen - nun sitzt er allein im Studio

Es hatte so verheißungsvoll begonnen: Kurz nach dem Start belegte "Caprino" schon Platz neun der Alternative Album-Charts von iTunes. Die Release-Tour zum Debütalbum der Gruppe A Story For Reflection schien fix: Am vergangenen Dienstag hätten die vier Musiker vom Ammersee in Berlin gespielt, dann in Kassel und Bonn, am 11. April wären sie im Folks!-Club in München aufgetreten. Stattdessen sitzt Jakob Mühleisen nun allein in Weßling im Studio, und Maxi Aldinger, der andere Mitbegründer der Band, wohnt bei den Eltern auf Mallorca. Wegen der Corona-Krise konnten A Story for Reflection ihre neue EP bislang nur am 29. Februar auf einer Jungwählerparty der Dießener Grünen vorstellen. "Höhere Gewalt", meint Mühleisen und tröstet sich damit, dass die Songs von "Caprino" immer öfter bei iTunes, Youtube oder Spotify gehört und im Radio gespielt werden.

Ihn kennt im Fünfseenland wohl bald jeder: Jakob Mühleisen ist in Dießen und Herrsching aufgewachsen, mit elf Jahren in London als Straßenmusiker aufgetreten und seitdem nahezu pausenlos mit der Gitarre und selbst geschriebenen Songs unterwegs. Inzwischen ist er 19 und hat so ziemlich jede auch noch so kleine Bühne und die meisten Bürgersteige im weiten Umkreis des Ammersees bespielt, er bereicherte selbst die Halbzeitpausen der Herrschinger Volleyballer musikalisch.

Seit fünf Jahren aber spielt er auch regelmäßig mit dem Keyboarder Maxi Aldinger zusammen. Als Duo traten A Story For Reflection 2017 etwa beim Magic-Lake-Festival in Dießen sowie auf dem Nachtmarkt und in der "Battle of Bands" in Herrsching auf.

Fürs Sammersee 2019 hatten sich die beiden mit dem Schondorfer Schlagzeuger Anton Engelmann und dem Bassisten Veit Kobler aus Igling personell verstärkt. In dieser Besetzung haben sie auch ihr Debütalbum eingespielt: Die Aufnahmen begannen im August eben im Ort Caprino in der Nähe des Gardasees und setzten sich in Schondorf, Wörthsee und auf Mallorca fort. Ihren Musikstil beschreibt die Band als "einzigartig und wiedererkennbar". Die Einflüsse reichten "von psychedelischen Synthesizern über 80s, Indie-Pop und mitreißenden Indie-Rock bis zum akustischen Lagerfeuersound".

In der Tat klingen die sechs Tracks auf "Caprino" erstaunlich vielseitig, facettenreich und musikalisch ausgereift: "Bear and Hunter", ein Song der beiden Bandgründer, ist eine melancholische Ballade mit rockigem Intermezzo und lief bereits im Radio auf Bayern 3. "Mr. Fantasy" war schon auf "Puls" zu hören: der Song von Mühleisen kombiniert eine beschwingte Electropop-Melodie mit verzerrter Erzählerstimme und Bläsersatz.

Und das muntere "Call Me", von der Band gemeinsam geschrieben, hat mit seinem einprägsamen Refrain das Zeug zu einem Ohrwurm-Hit. Charakteristisch für den Sound der Band sind die oft mehrspurig aufgenommen Gesangs- und Gitarrenparts sowie die markanten Keyboard-Riffs.

Erschienen ist das Album auf dem bandeigenen Label "Upon the Waves"; auf der Homepage www.uponthewaves.com kann man sich auch ein 23-minütiges Video mit Live-Konzertimpressionen ansehen, die das musikalische Potenzial der Combo unter Beweis stellen. Im Moment freilich ruhen die Bandaktivitäten, aber Mühleisen kommuniziert regelmäßig mit Aldinger, der im Herbst aus Utting weggezogen ist: "Der Maxi kommt jetzt ja auch nicht von der Insel weg."

Zwangsläufig widmet sich Mühleisen jetzt also wieder seiner Solokarriere. Dabei kommt ihm zugute, dass er nach Weßling gezogen ist - in die WG, die gewissermaßen in die regionale Popmusikgeschichte eingegangen ist: In dem Haus liegen die Wurzeln der weithin bekannten, achtköpfigen Gruppe Jamaram; aktuell Kulturpreisträger des Landkreises Starnberg und demnächst 20 Jahre auf Tour und im Studio aktiv.

"Tatsächlich bin ich aber im Moment der einzige Musiker hier", erzählt Mühleisen am Telefon. Was allerdings auch den Vorteil mit sich bringe, dass er viel Platz und Zeit im Aufnahmestudio beanspruchen kann. "Und man hat genug Spielzeug für die Einsperrzeit." So habe er sich gleich an die Arbeit für sein nächstes, drittes Soloalbum gemacht.

Dabei ist das zweite Album gerade mal vor zehn Tagen erschienen: Die sieben Stücke von "An Island in Argentina" haben am 24. März auf einer virtuellen Instagram-Release-Tour "ungewollt früh und doch schön endlich das Licht der Welt erblickt", wie es Mühleisen formuliert. Das Album handle "von den verschiedenen Facetten der Liebe". Genau das sei es, was wir jetzt brauchen, meint der 19-jährige Musiker: "Liebe und Zusammenhalt, um diese verrückten Zeiten gut zu überstehen."

© SZ vom 09.04.2020

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