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Kultur im Landkreis Starnberg:Angekommen

Der ARD-Artdirektor und Künstler Werner Mayer aus Deixlfurt hat in dem jahrelang vernachlässigten Tutzinger Bahnhof sein Atelier und eine Galerie eingerichtet. Im Juni ist die erste Ausstellung geplant

Ganze zehn Jahre lang fristete das historische Tutzinger Bahnhofsgebäude als verrammelte Bude ein trauriges Dasein. Zuvor beherbergte es ein Bistro von, na ja, eher zweifelhaftem Ruf. Jetzt zeigt sich der Bahnhof im Maximiliansstil von 1865 wiederbelebt. Als Galerie und Atelier sind die Räume zumindest zeitweise öffentlich zugänglich. Dahinter steckt Werner Mayer. Im Hauptberuf ist er als Artdirektor der ARD für das gesamte äußere Erscheinungsbild des ersten Fernsehprogramms verantwortlich. Zudem arbeitet der Mediendesigner als Künstler. Als solcher sucht er sich immer wieder extravagante Ateliers. Mayer hat fast vier Jahre mit verschiedensten Stellen der Bahn gerungen, bis er eine freundliche Ansprechpartnerin von seinem Konzept überzeugen und einen Mietvertrag für den alten Bahnhof unterschreiben konnte. Den will der umtriebige Manager nun nach und nach mit Leben füllen. Erste konkrete Pläne gibt es schon.

Tutzing: Bahnhofsgalerie von Wener Mayer

Kunst und Musik im historischen Tutzinger Bahnhof: Der Künstler Werner Mayer will den charmanten Raum behutsam öffnen.

(Foto: Nila Thiel)

Mayer lebt seit einigen Jahren auf Gut Deixlfurt. In Tutzing bekannt wurde der massige Mann, als er kurz vor der Fischerhochzeit spontan für den erkrankten Hochzeitslader einsprang und tagelang hoch zu Ross durch den Ort unterwegs war. Nicht nur, dass der 59-Jährige passabel reitet, beschwört das Bild vom Prinzen herauf, der eine Immobilie aus dem Dornröschenschlaf befreit. Mayer hat auch ein Händchen für außergewöhnliche Liegenschaften. In jungen Jahren richtete er als Student für Medienkunst und danach mehrere interessante Objekte für seine Bedürfnisse her. Er mietete nach der Wende das 40-Zimmer-Schloss Marquardt bei Potsdam. Die Humboldt-Universität hatte darin zuvor Labors betrieben. Es gab neben Turmzimmer und Ballsaal auch gekachelte Räume. Optimal für Mayer, der mit Fotokunst experimentierte. "Ich musste nur die Fenster zukleben", erinnert er sich. Das Riesenobjekt machte ihn aber "verrückt, du entwickelst zu viele Ideen". So baute er eine alte Gaststätte mit Tanzsaal und eine Ladenwohnung in Potsdam als Atelier aus.

Tutzing: Bahnhofsgalerie von Wener Mayer

Zu sehen sind im Bahnhof unter anderem Fotogramme.

(Foto: Nila Thiel)

Heute schwärmt er für den alten Tutzinger Bahnhof. Vor dem steht er jeden Morgen, wenn er mit der Regionalbahn in das ARD-Büro nach München in die Arnulfstraße fährt. "Dieser alte Stil mit den gusseisernen Säulen und den drei Torbögen außen, das ist doch wahnsinnig charming", findet Mayer. Ihn fasziniert, was sich am Bahnhof abspielt, das Kommen und Gehen und Verabschieden. "Da im Sommer zu sitzen und das zu beobachten, ist doch toll - wenn einen Zugverkehr und Ansagen nicht stören", räumt er ein. Innendrin hat er als Mieter behutsam Hand angelegt, die dunklen Holzpaneele und hohen Wände gestrichen, die Säulen in Lindgrün hervorgehoben, Löcher zugegipst. Der gut 100 Quadratmeter große Bereich umfasst hinter einer Theke auch eine Küche und Toilette.

Tutzing: Bahnhofsgalerie von Wener Mayer

Diverse Alfagramme, originelle Buchstabenkunst, spiegeln die Leidenschaft des Künstlers für Grafik wieder.

(Foto: Nila Thiel)

An den Wänden hat Mayer mehrere seiner Kunstwerke aufgehängt. Sie sind mit "Wolfgang Rupert" signiert. Denn als Künstler tritt er seit Jahrzehnten - seit seiner Anfangszeit als Kameramann - mit seinem zweiten und dritten Vornamen in Erscheinung; er verwendete das Pseudonym auch bei nationalen und internationalen Ausstellungen. "Das wird aber langsam ein bisschen verwirrend", stellt er fest und überlegt, die langjährige Praxis aufzugeben. Zu sehen sind im Bahnhof unter anderem Fotogramme. Dabei werden lichtempfindliche Materialien wie Filme oder Fotopapier direkt ohne Kamera belichtet. Mayer verwendet dafür teilweise originales schwarz-weiß Fotopapier aus dem Stasi-Hauptquartier in Berlin. "Orwo-Reflexpapier F, ein sehr hartes, sehr dünnes Papier, das die Stasi für ein Vervielfältigungsverfahren verwendet hatte - die waren ja die Meister im Vervielfältigen, und Kopierer hatten sie noch nicht", sagt Mayer.

Er ergatterte während der Wendezeit ein Meter breite und 20 Meter lange Rollen direkt aus der Stasi-Zentrale in der Normannenstrasse "sehr, sehr günstig". Diverse Alfagramme, originelle Buchstabenkunst, spiegeln seinen Leidenschaft für Grafik wieder. Künstlerisch hat sich Mayer auch mit dem Tutzinger Wahrzeichen, dem Fisch, auseinandergesetzt.

Zu sehen war all das bei der öffentlichen 50-Jahr-Feier der Freien Wähler im Januar. Bürgermeisterin Marlene Greinwald und viele langjährige Lokalpolitiker zeigten sich sehr angetan, was aus dem heruntergekommenen Ort geworden ist. Mit weiteren Anfragen ist Mayer zurückhaltend. Denn feuerpolizeilich darf er nicht mehr als 99 Leute hereinlassen. In diesem Rahmen wäre ein Konzept wie im Kulturbahnhof Starnberg denkbar, das Mayer gut gefällt. In dem ebenfalls historischen Bahnhof am See haben sich in der Schalterhalle unter dem Titel "Nah-fern" sorgfältig kuratierte Ausstellungen etabliert, im Wartesaal sind immer wieder anspruchsvolle musikalische und literarische Aufführungen zu erleben. Auch gefeiert wird dort, etwa am 21. Februar beim Künstlerfasching unter dem Motto "Orient Express".

Mayer plant in Tutzing jetzt mit dem befreundeten US-amerikanischen Künstler Baird Cornell und anderen eine Ausstellung. Sie soll im Juni eröffnet werden. Zudem liebäugelt er mit einem Alfagramm-Workshop für Kinder und Jugendliche.

© SZ vom 18.02.2020
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