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Konzertabend:Zurück in die Zukunft

Seeshaupt Seeresidenz Konzert

Meister der Differenzierung: Jae Hyeong Lee, Eunyoo An und Hoon Sun Chae (von links) beim Auftritt in der Seeresidenz.

(Foto: Georgine Treybal)

Das Lux Trio aus Südkorea spielt bei seinem Konzert in Seeshaupt Musik, die in der Rückbesinnung neue Impulse setzte

Von Reinhard Palmer, Seeshaupt

Der Saal der Seeresidenz Alte Post in Seeshaupt ist großzügig dimensioniert und bietet mit seiner hohen Decke viel luftigen Raum. Ideale Voraussetzungen, um einigermaßen corona-sicher Veranstaltungen über die Bühne zu bringen. Hinzu kamen Tische, die als Abstandhalter dienten und Bewirtung im Saal ermöglichten, damit in der Pause die Plätze nicht verlassen werden mussten.

Mit dem Preisträger des ARD-Musikwettbewerbs von 2018, dem Lux Trio, entschieden sich die Veranstalter zu Beginn der Kultursaison für ein Ensemble der Extraklasse. Der Erfolgsweg der drei Südkoreaner Jae Hyeong Lee (Violine), Hoon Sun Chae (Violoncello) und Eunyoo An (Klavier) war im Grunde schon im Studium vorgezeichnet. Wenn asiatische Präzision und Perfektion auf großartige Kammermusik-Pädagogen wie Dirk Mommertz und Christoph Poppen in München sowie Eberhard Feltz in Berlin treffen, so ist von jungen Musikern viel zu erwarten. Aber darüber hinaus bringen die Mitspieler des Lux Trios trotz ihrer Herkunft aus einem weit entfernten Kulturkreis auch noch ein erstaunliches Einfühlungsvermögen in die Empfindsamkeit der Klassik mit.

Spätestens im Adagio cantabile in Beethovens Klaviertrio Es-Dur op. 1/1, dem ersten zur Publikation freigegebenen Werk des Komponisten, ließ das Trio staunen: Die sehnsuchtsvollen Weisen erklangen in selten ergreifender Schönheit und fragiler Zartheit, zudem noch in einer fein differenzierten, schillernden Klangfarbigkeit. Dieser zurückgenommene Satz bescheinigte andererseits dem jungen Beethoven mehr Feingefühl, als ihm die Geschichtsschreibung jemals zugestand. Eine kleine Wiedergutmachung zum 250. Geburtstag des Genies.

So heterogen das Programm zunächst anmutete - alle drei Werke hatten etwas gemein: die Rückgewandtheit. Aber eine, die das Alte neu auslegte. Haydns A-Dur-Klaviertrio Hob. XV: 35 aus den 1760er-Jahren - gerade noch dem Frühwerk zuzurechnen - nutzte die Anknüpfung an den italienischen Barock mit dem galanten Menuett im Zentrum, um die opulente Sinnenfreudigkeit für eine virtuose Idee zu nutzen. Ungewöhnlich reich für ein Klaviertrio, aber so traditionell verpackt, dass es nicht mit Modernität überforderte. Das Lux Trio stieg lustvoll ein, blieb leicht und spritzig, insbesondere im Capriccio, kontrastierte aber deutlich mit dramatischen Verdichtungen und kraftvoller Pointierung. Die Homogenität des Trios begeisterte vor allem im dicht verwobenen Schlusssatz, der in seiner Substanzfülle eine frisch kolorierte Klangbalance offenbarte.

Die Leichtigkeit blieb Beethoven erhalten, obgleich sein Duktus impulsiver daherkam. Was im op. 1/1 an Mozart erinnerte, war letztendlich ein Rückgriff nach vorne. Beethoven verstand es, Mozart weiter zu denken und dessen reiche Differenzierung mit bedeutsamerer Substanz zu füllen.

Das Lux Trio zog nun viele spieltechnische Register, von spritziger Hochpräzision über dichte Melodik bis hin zu wuchtigen Intensivierungen, ja im Schlusssatz gar wildem Dahinjagen. Dabei überzeugte das Ensemble mit schlüssiger Dramaturgie und mit Originalität in der Inszenierung der Schlusspointen.

Der Hindemith-Generation angehörig, war Frank Martin den meisten Konzertbesuchern wohl weniger geläufig. Das hat sich jetzt hoffentlich geändert. Der Schweizer Komponist war ein geschickter Tonbildner, der wie selbstverständlich die Zwölftontechnik mit tonaler Harmonie zu versöhnen vermochte. 1925 schrieb er sein Trio über irische Volkslieder, in denen auch Kirchentonarten vorkommen. Das Werk hebt mit einem mystischen Stimmungsbild an, gefolgt von einem elegischen Adagio, und endet mit einem wirbelnden, wilden Tanz, einer traditionellen Gigue.

Dass dieser Rückgriff auf traditionelle Musik so erfrischend modern und im Detail sehr originell erklang, lag vor allem am kongenialen Umgang mit der Rhythmik. Die war es in erster Linie, die Frank Martin interessierte. Die Metren und Rhythmen wechseln unentwegt und überraschen mit spannenden Verschiebungen der Pointierung.

Eine Herausforderung, die das Trio Lux mit Bravour meisterte. Trotz der rhythmischen Wechsel, die sich nicht selten gegen den musikalischen Fluss sperrten, ging dem Ensemble alles sicher und rund von der Hand.

© SZ vom 15.09.2020

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