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Klassik:Heroisch aus der Erstarrung

Die Gautinger Orchestervereinigung probt nach monatelanger Corona-Pause wieder - mit 16 von 35 Musikern und viel Frischluft. Eigentlich sollte Beethovens "Eroica" am Wochenende im Bosco erklingen. Ein neuer Termin steht noch nicht fest

Von Reinhard Palmer, Gauting

"Das klingt wie ein Orchester, das habe ich gar nicht erwartet beim ersten Mal", stellte Ernst Blümner am Pult schließlich überrascht fest. Als Konzertmeister der Orchestervereinigung Gauting übernimmt er schon mal die Probenarbeit, wenn Chefdirigent Dorian Keilhack verhindert ist. Hier fiel Blümner zugleich eine ehrenvolle Aufgabe zu, das Streichorchester aus der Corona-Erstarrung zu führen, zudem mit Beethovens "Eroica", die in dem Kontext geradezu einen Symbolcharakter erhielt. Das Werk des diesjährigen Jubilars - Beethovens 250. Geburtstag steht an - hätte bereits am 5. Juli im Bosco erklingen sollen. Doch bevor die Proben beginnen konnten, machte der Shutdown den weiteren Feierlichkeiten zum 50. Jubiläum des Vereins der Musikfreunde Gauting, dessen erster Vorsitzender ebenfalls Blümner ist, einen Strich durch die Rechnung.

Für Astrid Schönauer von der Geschäftsstelle des Vereins, die sich um die organisatorischen Dinge kümmert, war diese teilnehmerreduzierte Probe auch ein Test für die Umsetzung der Corona-Vorsichtsmaßnahmen. In der Gautinger Remise vom Schloss Fußberg fand sich reichlich Platz für die 16 erschienenen Musiker, die eine fertige Aufstellung samt Namensschildern an den Stühlen vorfanden. So konnten Abstandsregeln leichter eingehalten werden. Reichlich Frischluftzufuhr ließ zwar die Temperatur sinken, doch die eifrigen Instrumentalisten kamen bei dem anspruchsvollen Werk schnell ins Schwitzen. Wenn das Orchester 35-köpfig wieder komplett beisammen ist, wird auch reichlich Frischluft nötig sein.

Gauting : Remise Musikfreunde Gauting  - 1.  Orchesterprobe

Für die Gautinger Orchestervereinigung ist die erste Probe nach Monaten auch ein Test, ob sich die Vorgaben zum Corona-Schutz umsetzen lassen.

(Foto: Nila Thiel)

In der zweistündigen Probe ging es sogleich richtig zur Sache. Im Kopfsatz kam schon zu Beginn der Kontrast zwischen der Staccato-Leichtigkeit der Einführung und dem fließenden Thema deutlich rüber. Blümner motivierte dennoch zu mehr Straffheit in der Rhythmik und scat-sang sich für die Mitspieler hilfreich durch die pointierten Kaskaden. "Wir sind noch nicht richtig homogen in dieser wunderbaren Akustik", motivierte Blümner - und bei jeder Wiederholung kamen die allmählich vertrauten Passagen entschiedener.

"Nicht dieses Hüpfen - bei Dorian vielleicht schon, aber nicht heute bei mir", scherzte Blümner, deutete damit aber auch an, dass Fragen der Interpretation durchaus offen diskutiert werden. Und irgendwie offenbarte sich flugs an dieser Stelle mit den mächtig sägenden Bässen ein deutlich musikantischerer Zugriff, den man Beethoven durchaus zugestehen kann. Mit der Arbeit an einzelnen Elementen, auch schon mal die Spieltechnik betreffend, erschloss sich Stück für Stück die sinfonische Idee. Hier mehr Portato, da ausgeprägteres "Pi-am - Pi-am - Pi-am" in einer steigenden Bewegung, dort ein nachdrückliches Crescendo. Ab "Klammer zwei" - "Damit wir auch eine andere Welt kennenlernen", so Blümner - ging es dann beschwingter zu. Die dramatischen Verdichtungen bekamen sattere Substanz, sodass sich eine Spur von Euphorie breit machte. "Wir haben uns schön eingespielt in diese Musik, aber es muss noch mehr Power haben", feuerte Blümner behutsam an. Und die Power kam auch, zur Begeisterung des Konzertmeisters: "mit dieser Überzeugung hervorragend". Und ließ er mal eine längere Passage am Stück durchspielen, brach sich ein lustvolles Musizieren Bahn. Das tat sichtlich gut und motivierte.

Im zweiten Satz, dem Trauermarsch, überraschten die Musiker mit einer deutlichen Klangfarbenregie. In dunkler, gedämpfter Stimmung prägte Blümner den synkopierten Puls aus. Mit melodiöserem Fluss ging es dann versöhnlich aufgehellt in die lyrische Passage hinein oder mit groovendem Pochen in mächtige Basstiefen hinab. Gerade der spieltechnische Ansatz forderte viel Detailarbeit, zu der Blümner schon mal einen Blick in die Noten der Instrumentalisten werfen musste.

Da drängte sich wieder Corona in den Vordergrund: Abstandsregel und Atemschutz. Blümner machte es anders, nahm den Notenständer zur Seite. Lästig, aber machbar. "Das genießen wir jetzt noch einmal", hieß es dann, um mit dem schon lustvoll fließenden Abschnitt belohnt zu werden und eine Portion Motivation für die nächste Probe mitzunehmen.

Bis alles samt Bläsern funktioniert, wird es noch eine Weile dauern. Aber wann das nächste Konzert möglich sein wird, steht ja ohnehin in den Sternen. Im Oktober in der Aula der Gautinger Realschule mit dem Publikum auf der umlaufenden Galerie sei ein Wunschziel, so Astrid Schönauer. Man müsse die Entwicklung abwarten. Ob Beethovens Eroica dann weiterhin auf dem Programm stehen wird, bleibt auch offen. Wichtig ist nur, dass es weitergeht und die engagierten Instrumentalisten und Instrumentalistinnen ihren Durst nach gemeinsamem Musizieren wieder stillen können.

© SZ vom 02.07.2020

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