Julia Fischer "Ich bin gern mit meiner Geige verheiratet"

Kulturbotschafterin der Bundesrepublik Deutschland: Die Geigerin Julia Fischer ist diese Woche mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden.

(Foto: Kasskara/Felix Broede, oh)

Die Gautingerin Julia Fischer, eine der besten Violinistinnen weltweit, über ihre Guadagnini, die Verbundenheit mit ihrem Heimatort und ihre Methode, sich neue Werke anzueignen

Interview von Gerhard Summer, Gauting

Julia Fischer hat das Café ausgesucht. War nicht schwer. Gauting ist nicht Paris oder Rom. Die Geigerin parkt direkt vor der Tür und kommt überpünktlich hereinspaziert. Kein Small Talk. Kein überflüssiger Satz. Nein, vielen Dank, Kaffee hat sie gerade getrunken. Wasser braucht sie auch nicht. Die 33-jährige Gautingerin setzt sich, es kann sofort losgehen.

SZ: Sind Sie öfters in diesem Café?

Julia Fischer: Es gibt nicht so viele Cafés in Gauting, insofern: Ja. Ich bin schon manchmal hier.

Wie verbunden sind Sie mit Gauting?

Ich wohne ja hier, ich bin mit Gauting extrem verbunden.

Sie registrieren auch, was hier vor sich geht: das neue Kino beispielsweise, der alte Schandfleck an der Kreuzung, der zum neuen Schandfleck wird, die Sparversuche beim Kulturzentrum Bosco?

Ich bekomme alles mit, was in Gauting passiert, klar.

Wie viel Zeit im Jahr verbringen Sie in Gauting?

Den Großteil. Ich bin ungefähr eine Woche pro Monat unterwegs, und den Rest bin ich eigentlich hier.

Am 3. Januar kann man Sie erstmals auch in Starnberg erleben, wenn sie das Eröffnungskonzert Ihrer Musikferien geben, eines Kursangebots für Kinder und Jugendliche, ob aus Gauting, Frankreich oder den USA. Was spielen Sie?

Ich mache gerne Kammermusik, da ist es schön, hervorragende Musiker um sich zu haben. Wir spielen das Bruch-Oktett, eines der schönsten Werke überhaupt, es ist wahnsinnig romantisch und macht unglaublichen Spaß. Man hat nicht so oft Gelegenheit, es zu machen, weil man ja nicht zwei Celli braucht, sondern einen Kontrabass. Und Kontrabass hat man oft nicht zur Verfügung, weshalb man dann das Mendelssohn-Oktett spielt. Aber das Bruch-Oktett ist mindestens genauso schön. Und es ist natürlich ein Glück, dass Lena Neudauer mit einem Kontrabassisten verheiratet ist, der auch noch gut ist.

So ein Zufall.

Ja, das ist extrem praktisch. Die Dvořák-Bagatellen, die ebenfalls auf dem Programm stehen, sind ein bisschen eine Kindheitserinnerung. Es ist nämlich so, dass Lena und ich das zusammen als Kinder gespielt haben, bei den ersten Anfängen der Musikferien in der Schweiz.

Was Sie damals bei dem Schweizer Festival erlebten, bieten Sie ja nun selbst in Tutzing an. Mit dem Konzept, einfach eine Woche gemeinsam Musik zu machen, ohne dass gleich lauter Wahnsinnstalente anmarschieren müssen. Schön, wenn sie da sind, aber es können auch Kinder kommen, die sagen, Musik ist für mich wichtig, aber ich will das nicht unbedingt zu meinem Beruf machen.

Absolut.

Gibt es manchmal auch Talente, die gar nichts von ihrem Talent wissen?

Ja. Es gibt in jeder Richtung alles. Ich habe erlebt, dass Kinder mit extremen Begabungen da waren, die die Eltern nicht bemerkt haben. Was man dann daraus macht, sei mal dahingestellt. Es gibt ja sehr, sehr selten eine singuläre musikalische Begabung. Meistens ist es so, dass ein Kind dann auch in anderen Bereichen sehr begabt ist, also zum Beispiel in Mathematik und Musik oder in Malerei und Musik, Sport und Musik, Literatur und Musik. Das geht sehr oft Hand in Hand. Und deswegen ist es den Eltern meist schon bewusst, dass sie ein begabtes Kind haben, aber vielleicht haben sie noch nicht bemerkt, dass da auch eine musikalische Begabung ist.

Sie haben, auf anderer Ebene, auch eine sehr ungewöhnliche Doppelbegabung. Sie spielen genauso gut Klavier wie Geige.

Das ist im Grunde die gleiche Begabung. Es wird immer dargestellt als Doppelbegabung, aber es ist nur die doppelte Arbeit.

Wenn es ganz so wäre, würden doch viele Geiger auch als Pianisten auftreten?

Es ist schlicht eine Frage, wie viel Arbeit man investiert, das darf man nicht vergessen. Ich glaube, dass jeder, der ein gewisses Niveau auf der Geige erreicht, das gleiche Niveau auch auf einem anderen Instrument erreicht hätte.

Hätte. Im Konjunktiv, da schon.

Aber das hat nichts mit Begabung zu tun, das hat mit der Arbeit zu tun, die man reinsteckt.

Sind Sie eine extreme Arbeiterin?

Ich gehöre nicht zu den faulen Leuten, das würde ich nicht behaupten.

Und absolute Perfektionistin?

Behaupten viele, ich habe aber nicht den Eindruck. Ich bin auch nicht diejenige, die nach dem Konzert heulend in der Garderobe sitzt, weil irgendeine Passage nicht geklappt hat. Da gibt es ja ganz andere Fälle.

Haben Sie sich früher schwerer damit getan, sich Fehler zu verzeihen?

Ich hatte nie Probleme, mir Fehler zu verzeihen. Absolut nicht. Was man lernen muss, in der Teenagerzeit oder zu Beginn des Studiums: Als Kinde spielt man ein Stück, dann ist das Stück fertig, und es kommt das nächste Stück. Irgendwann beginnt aber der Prozess, dass man ein Stück lernt und es im Konzert spielt - aber dann übt man daran weiter. Ich spiele ein Beethoven-Konzert ja nicht ein Mal und mache meinen Haken dahinter. Das zu lernen, ist anstrengend für ein Kind: dass man nie fertig ist, dass man immer weiter arbeiten muss, dass ein Konzert sozusagen nur eine Bestandsaufnahme der derzeitigen Arbeit ist, damit man weiß, was man weiter üben soll.

Wie gehen Sie selbst vor, wenn Sie ein neues Stück einstudieren? Und was empfehlen Sie Ihren Schülern?

Das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Ich lerne ein Stück ganz anders als ein Student oder ein Kind, das lernen muss. Für mich selber ist wahnsinnig wichtig, dass ich diesen technischen Teil so schnell wie möglich erledige. Ich hasse den Zustand: Ich kann das Stück noch nicht technisch. Das finde ich ganz schlimm.

Wenn Sie die Noten bekommen - wie lange dauert es bei Ihnen, bis Sie das Stück technisch draufhaben?

Das ist eine Sache von Tagen, das geht sehr, sehr schnell. Mal angenommen, das Stück hat acht Seiten, dann lerne ich jeden Tag zwei Seiten so, dass sie auch auswendig funktionieren. Der musikalische Prozess kann ja erst einsetzen, wenn dieser Teil erledigt ist und man auch eine grobe Übersicht über das Stück hat. Bei einem Studenten oder Kind ist die Technik vielleicht noch nicht so weit, dass dieser Prozess so schnell geht. Möglicherweise ist es auch nicht so, dass man sagen kann: Ich stehe technisch über dem Stück. Deswegen ist es sehr wichtig, dass bei einem Kind die technische und die musikalische Arbeit Hand in Hand gehen. Wenn man das beim Unterrichten eines Kindes trennt, steht die Technik plötzlich im Vordergrund. Und dann ist der Sinn dahin, warum man Musik macht.

Haben Sie eine spezielle Methode beim Auswendiglernen?

Nö, das geht bei mir automatisch. Das ist eine Übungssache. Wenn man in seinem Leben 1000 Stücke gelernt hat, ist das 1001ste nicht mehr so wahnsinnig kompliziert zum Auswendiglernen. Ich brauche als Stütze immer den formellen Aufbau des Stücks, das kann die Sonatenform sein oder ein Rondo oder eine Fuge.

Sie haben einmal gesagt, Kunst sei für Sie eine Art Religion, können Sie das erklären?

Das ist jetzt auch schon wieder 15 Jahre her, dass ich das gesagt habe, und vielleicht nicht mehr das, was ich heute sagen würde.

So lange ist es gar nicht her.

Doch, es wird nur immer wieder zitiert. Was ich nur sagen wollte: Wenn man Musiker ist, bestimmt das das ganze Leben, auch das alltägliche Leben. Das ist kein Beruf, den man von Montag bis Freitag hat, man hat ihn auch Samstag und Sonntag, an Weihnachten und am Geburtstag. Man kann nicht zwei Wochen lang kein Musiker sein, das funktioniert nicht.

Sie haben auch einmal gesagt, dass Sie süchtig sind nach Musik, auch wenn das jetzt vermutlich 20 Jahre her ist.

Ich glaube, dass jeder Mensch süchtig ist nach Musik. Denn es gibt eigentlich keinen Menschen, der nicht Musik hört, auch wenn das nicht Klassik sein muss. Das ist ein interessantes Phänomen.

Hören Sie ausschließlich Klassik?

Ich höre nur Klassik. Aber ich muss sagen: Ich höre Musik sehr selten. Ich übe, ich spiele, und dann bin ich auch froh, wenn ich mal zwei Stunden nichts höre.

Was Ihr Instrument angeht, gehören Sie nicht zu denen, die Glaubenskriege führen. Sie spielen ein altes und auch ein neues Instrument.

Ja, das neue hat gerade mein Student, weil der kein gescheites hat. Deshalb habe ich im Moment nur meine Guadagnini. Ich führe keinen Glaubenskrieg. Aber das ist auch leicht gesagt, wenn man eine Guadagnini spielt. Das ist ja nicht irgendein Klotz, den man auf der Straße kauft, die Guadagnini gehört zu den alten italienischen Topinstrumenten. Ich bin gerne mit meiner Geige verheiratet. Ich finde es völlig okay. Ich brauche nicht ständig Affären, ich muss nicht ständig gucken, ob es nicht noch eine andere Geige gibt, die vielleicht einen Tick lauter ist. Ich hab' meine Guadagnini, ich bin damit hochzufrieden und glücklich.

Julia Fischer

Sie bekam ihre erste Geige, als sie vier war. Mit acht gab sie ihr erstes Violinkonzert, mit 23 trat sie eine Professur an der Musikhochschule in Frankfurt am Main an. Julia Fischers Lebenslauf liest sich wie ein Märchen. Die Tochter der Pianistin Viera Fischer und des Mathematikers Frank-Michael Fischer, die längst zu den wichtigsten Geigensolisten weltweit gehört und diese Woche mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden ist, spielt auf genauso hohem Niveau Klavier. Die Liste der Dirigenten und Orchester, mit denen sie zusammenarbeitete, reicht von Sir Neville Marriner bis Yehudi Menuhin und vom New York Philharmonic Orchestra bis zum Gewandhausorchester. Die 33-Jährige lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in ihrem Heimatort Gauting. sum

Viele Musiker macht die immerwährende Suche nach dem idealen Instrument extrem unglücklich.

Das sei jetzt mal dahingestellt, ob das mein Charakter ist oder die Qualität des Instruments.

Der Unterschied zur neuen Geige?

Die neue Geige ist auch eine ganz fantastische Geige. Ich spiele die eigentlich auch sehr gerne, muss ich sagen. Es hilft schon, eine moderne Geige zu haben, wenn man nach Russland reist und wenn man Open-Air-Konzerte spielt. Für all diese Dinge ist eine moderne Geige gut zu haben. Deswegen wollte ich eine. Ich habe mich jahrelang umgeschaut, und das war die erste moderne Geige, die ich wirklich schön fand, mit einem Klang, der mich berührt hat. Mein Student spielt sie jetzt, deswegen höre ich sie jede Woche. Und ich denke mir in jeder Unterrichtsstunde, dass das ein traumhaftes Instrument ist.

Sie haben vorher so schön erklärt, dass Sie keine Doppelbegabung haben und jeder Geiger auch Klavier spielen könnte, wenn er wollte. Gibt es ungekehrt auch etwas, das sie musikalisch nicht können?

Es gibt vieles, was ich nicht kann. Aber ich glaube, wenn jemand eine wirkliche musikalische Begabung hat, könnte er mit jedem musikalischen Bereich zurecht kommen. Es gibt natürlich noch Vorlieben: Der eine ist polyphon, der will Klavier, der nächste ist melodiös, der will singen können, sei es mit der Stimme oder einem Instrument. Und es gibt denjenigen, der zusätzlich noch autoritären Charakter hat, deswegen muss er Dirigent werden.

Ist der autoritäre Charakter beim Dirigieren so wichtig?

Ja. Das meine ich jetzt nicht negativ, aber es ist definitiv so: Wenn man Dirigent werden möchte, muss man es in sich tragen, anderen zu sagen, was sie zu tun haben. Ich hatte nie die Ader dafür, Dirigent zu werden. Nicht, weil ich nicht anderen gerne sage, was sie zu tun haben, das könnte ich wahrscheinlich ziemlich gut. Aber ich bin nicht gerne abhängig. Und als Dirigent bin ich zu hundert Prozent abhängig davon, dass die Leute tun, was ich will, während ich als Geiger noch viel, viel mehr Macht habe letztendlich. Auch wenn ich ein Orchester leite, ist es viel einfacher, wenn ich mit dem Instrument da sitze.

Warum?

Weil man mich hört. Und ich kann zumindest schon einmal eine Stimme bestimmen.

Und wenn das Orchester bockt?

Dann kann ich zum Schluss eh nur nach Hause gehen, völlig egal, was ich mache.

Ist Ihnen das schon mal passiert?

Zwischen mir und Orchester nicht, aber zwischen Dirigent und Orchester habe ich das schon erlebt. Da sitzt man als Solist so ein bisschen zwischen den Stühlen. Da kann man sich auf die Seite des Orchesters schlagen und, wenn man Glück hat, komplett am Dirigenten vorbeispielen, das gab's schon. Aber das passiert mir heute nicht mehr, weil ich heute sehr vorsichtig im Voraus auswähle, mit wem ich überhaupt spiele. Deswegen falle ich jetzt nicht mehr so oft auf die Nase.

Es gibt umgekehrt auch die magischen Momente.

Das können Sie weder proben noch besprechen, der Moment passiert oder eben auch nicht: dass der Dirigent genau weiß, was ich will und was ich in der Sekunde vom Orchester brauche. Ich habe den Eindruck, dass diese Momente häufiger werden. Nicht nur, weil ich genauer auswähle, mit wem ich spiele, sondern auch, weil ich mit Musikern wie Daniel Müller-Schott schon so lange zusammenarbeite, dass ich fast jedes Zeichen deuten kann.

Eine starke Symbiose?

Ja, in einem Quartett ist das noch einmal spannender. Deshalb spiele ich auch so gerne Kammermusik, denn je mehr dabei sind und je mehr man zu diesem gemeinsamen Empfinden führen kann, desto spannender ist es.