bedeckt München 17°

Hilfsangebot:"Offenes Ohr" für Gott und die Welt

Starnberg, Caritas, Simone Berger

Bringt Telefon-Tandems zusammen: Simone Berger vom Koordinierungszentrum Bürgerschaftliches Engagement für den Landkreis Starnberg.

(Foto: Georgine Treybal)

Viele ältere Menschen fühlen sich in der Corona-Krise isoliert, organisierte Telefonpartnerschaften helfen gegen die Einsamkeit

Von Sabine Bader

Mittwochs um 17 Uhr greift Alexandra Oster zum Hörer und ruft ihre Tandempartnerin an. Die beiden Frauen fahren nicht etwa gemeinsam auf einem Tandemfahrrad. Nein, sie telefonieren miteinander, und das hat seinen Grund: Denn zweifellos hat die Corona-Pandemie Spuren hinterlassen - nicht nur im Gesundheitsbewusstsein und in der Arbeitswelt, sondern auch in der menschlichen Psyche. Während Jüngere sich leichter tun, trotz Lockdowns zu kommunizieren - sei es über Whatsapp, Facebook, Zoom- oder Teams-Konferenzen - haben es ältere Menschen, denen die modernen Kommunikationsmittel weniger geläufig sind, meist schwerer: Sie fühlen sich allein gelassen und isoliert von Freunden und Bekannten. Einfach mal wieder quatschen, über Gott und die Welt, das wäre großartig, denken viele von ihnen.

Hier kommt Simone Berger ins Spiel: "Offenes Ohr", heißt das Projekt, das ihr seit vergangenem Jahr zur Herzensangelegenheit geworden ist. Praktisch eine Art telefonischer Besuchsdienst mitten in der Pandemie. Nötig ist dafür nur ein einfaches Telefon. Feste Telefon-Tandems reden einmal wöchentlich miteinander. Angedacht sind dabei längere Gespräche von zirka einer halben Stunde. Derzeit gibt es 37 Tandems, bilanziert sie. Berger arbeitet im "Koordinierungszentrum Bürgerschaftliches Engagement für den Landkreis Starnberg", kurz Kobe. Finanziert wird das "Offene Ohr" vom Landratamt, Träger ist die Caritas. Bergers Hauptaufgabe ist es, die Telefonpartner zusammen zu bringen. Dafür braucht sie viel Empathie, denn dass Gelingen der Aktion hängt maßgeblich davon ab, dass die Tandems zueinander passen. Um das herauszukriegen, muss die 60-Jährige selbst viel telefonieren - mit Leuten, die angerufen werden wollen, und mit denjenigen, die bereit sind, sich beim Projekt ehrenamtlich zu engagieren. Bemerkenswert: Es interessieren sich fast ausschließlich Frauen für das "Offene Ohr" - und zwar auf beiden Seiten. Meist versucht Berger, ähnliche Altersklassen zusammenzubringen. Schon der Lebenserfahrung wegen, sagt sie.

Nicht selten entdecken die Telefonpartner dann schnell Gemeinsamkeiten - sei es, dass sie im selben Land Urlaub gemacht haben, beide tierlieb sind oder dieselbe Musik gerne hören. Und schon ist die Verbindung geknüpft. "Oft sind die Gespräche, die entstehen, für beide Seiten interessant", weiß Berger aus Erfahrung. Das kann Oster nur unterstreichen: Die 39-Jährige schätzt die Gespräche mit ihrer Telefonpartnerin sehr. "Sie geben auch mir viel", sagt sie. Es sei immer bereichernd, mit Menschen zu reden, die aus dem selben Umfeld kommen. "Ich persönlich habe durch die Corona-Pandemie kaum Nachteile erlitten. Andere hat es da viel härter getroffen. Ich möchte einfach etwas zurückgeben." Über die Telefonate sagt sie: "Es ist ein wenig, als führt man ein gutes Parkbankgespräch mit einer Person, die man erst kennengelernt hat." Die beiden Frauen haben sich auch schon zum Spazierengehen verabredet. Ihre Telefonpartnerin aber möchte nicht über ihre Beweggründe sprechen, sich beim Offenen Ohr zu melden, und will anonym zu bleiben.

Gestartet hat Simone Berger das Projekt im April vergangenen Jahres im ersten Lockdown. "Ich hab' mir gedacht: Wann, wenn nicht jetzt?", erinnert sie sich. Anfangs habe man den Ehrgeiz gehabt, die Freiwilligen am Telefon zu schulen. "Aber schnell hat sich herausgestellt, dass die Leute, die sich zur Verfügung stellen, das offene Ohr ohnehin mitbringen." Und manchmal erzählen die Angerufenen auch ihr "Geschichten, die herzergreifend sind". So habe eine Dame einmal zu ihr gesagt, sie fühle sich durch die Anrufe wieder wertgeschätzt. "Das hat mich berührt", sagt Berger. Nicht selten hört sie aber auch Aussagen wie diese: "Der Anruf ist für mich ein Lichtblick in der ganzen Woche."

© SZ vom 29.03.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema