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Pflanzencenter im Lockdown:Mit Grüßen von der Blumenfee

Zum Valentinstag hat Annika Stroers in Utting einen Strauß für Angela Merkel zusammengestellt. Nun ist die 23 Jahre alte Botschafterin des deutschen Gartenbaus froh, die Kunden endlich wieder im Laden bedienen zu können.

Von L. Daumer, A. Greune, V. Mendez Höcherl und C. Setzwein

Nein, überrannt worden ist Ulrich Pirzer nicht in den vergangenen zwei Tagen. "Es läuft eher normal, wie auch sonst zu dieser Zeit", sagt der Chef der Gärtnerei Pirzer in Drößling. Anders als sonst ist die Stimmung bei Mitarbeitern und Kunden. Alle freuen sich und genießen das Einkaufen. "Wir sind glücklich, dass wir wieder offen haben." Wenn auch mit Einschränkungen. Wegen der strengen Hygienevorschriften dürfen auf 600 Quadratmeter Verkaufsfläche nur 15 Kunden.

Die vergangenen Monate hatten etwas von Pokern, meint der 44-Jährige. Denn Jungpflanzen müssten vier, fünf Monate vor dem Verkauf bestellt werden, Stiefmütterchen zum Beispiel würden schon im Oktober gepflanzt. Auch für die Jungpflanzenproduzenten seien die vergangenen Monate ein Vabanque-Spiel gewesen. "Die müssen ein Jahr im Voraus planen", weiß der Gärtnermeister. Er selbst hat sich von der Pandemie und den Lockdowns nicht unterkriegen lassen. "Ich gehöre nicht zu den Pessimisten und habe einfach weitergemacht wie bisher", sagt Pirzer. Wegwerfen musste er bisher nichts - außer 300 Weihnachtssterne, die er nach dem 18. Dezember nicht mehr verkaufen durfte. Sein Glück ist, dass er auch Gemüse, Salat und Kräuter zieht und anbaut. So durfte er wenigstens auf einer stark reduzierten Verkaufsfläche Lebensmittel wie Batavia-, Eis- und Feldsalat anbieten. Was nicht nur einmal zu kuriosen Situationen führte: "Wenn ich dem Kunden den Salat mitgeben kann, aber nicht die Orchidee, die genau daneben steht - verstehe das, wer will." Die Pandemie habe den Trend zum selbst angebauten Gemüse im Garten und auf dem Balkon verstärkt. Von der Aussaat bis zur Ernte: "Die Leute freuen sich, wenn sie selbst etwas produzieren und schätzen den Geschmack und die Frische", so die Erfahrung des Gärtnermeisters, der den Betrieb in Drößling in vierter Generation führt. Die Tipps für den erfolgreichen Hobbygärtner gibt's kostenlos.

Ganz normal läuft das Geschäft auch bei der Uttinger Gärtnerei Streicher - denn sie gehört zu den ganz wenigen Betrieben der Branche, die auch im Lockdown nicht schließen mussten. Zu verdanken ist dies dem angeschlossenen Viktualienmarkt, der frisches Obst und Gemüse anbietet. "Die Leute kamen und waren glücklich, dass wir offen hatten", sagt eine Mitarbeiterin. Inzwischen haben auch die Frühlingsblüher beträchtlichen Anteil am Umsatz: Hornveilchen, Primeln und auch Tulpen werden in Utting selbst aufgezogen.

Annika Stroers, deutsche Blumenfee und Mitarbeiterin der Gärtnerei Streicher in Utting, mit einem Osterstrauß.

(Foto: Arlet Ulfers)

Gut möglich, dass dabei die amtierende deutsche Blumenfee mit Hand angelegt hat: Seit Oktober ist Annika Stroers bei Streichers angestellt. Die 23-Jährige kommt aus Ammerland - aber nicht vom Starnberger See, sondern aus dem gleichnamigen Landkreis im Nordwesten Niedersachsen. Vor gut einem Jahr bereitete sie sich dort auf die Meisterprüfung vor und bewarb sich zugleich um das Ehrenamt als Blumenfee des Zentralverbands Gartenbau. Das Auswahlverfahren - auch Fachwissen und gestalterisches Können waren gefragt - bedeutete seinerzeit zusätzlichen Stress für Stroers. Und auch ihre erste Amtsperiode begann mit zwei bis drei monatlichen Auftritten. Bevor aber noch der "Kölner Frühling" als erstes Highlight anstand, setzte Corona allen Veranstaltungen ein Ende. Die Pandemie ist auch der Grund dafür, dass Stroers heuer noch ein zweites Jahr amtiert.

Zum Valentinstag stellte sie in Utting einen Blumenstrauß für Bundeskanzlerin Angela Merkel zusammen. Im Herbst steht zur Bundesgartenschau der Amtswechsel an, bis dahin hofft die Fee, doch noch die eine oder andere öffentliche Veranstaltung begleiten zu dürfen. Vom Stellenangebot in Utting hatte sie über ein Inserat in der Fachpresse erfahren: "Bayern hat mich schon immer angezogen", sagt Stroers, die auch schon in Neuseeland und Kanada Joberfahrung gesammelt hat. Im Uttinger Familienbetrieb sei sie jetzt "sehr herzlich aufgenommen worden."

Das Ehepaar Hans-Peter und Bianca Hübsch hatte sich bei der Wiedereröffnung seiner Gärtnerei in Inning ebenfalls schon darauf eingestellt, dass es keinen Massenandrang an Kunden geben würde. Genauso sei es dann auch gekommen, sagt Hans-Peter Hübsch. Der Grund liege darin, dass die Supermärkte ihre Pflanzenbestände aufgestockt und viele Kunden bereits dort ihre Frühlingsausstattung gekauft hätten. Für sie als Gärtner sei das besonders frustrierend gewesen, weil sie ihre eigenen Blumen wegwerfen mussten, so Hans-Peter Hübsch. Bianca Hübsch glaubt, dass viele Kunden ihren Einkauf auf die nächsten Wochen verschieben werden, um den ersten Andrang zu umgehen.

Es ist angerichtet: Ulrich Pirzer von der Gärtnerei in Drößling.

(Foto: Arlet Ulfers)

Trotzdem sind die Hübschs nach der "sehr herausfordernden Zeit" froh, wieder öffnen zu dürfen. Das Click & Collect-Prinzip funktioniere bei Gärtnereien nicht: "Pflanzen sind Freude und Emotionskäufe, die möchte man sehen, die möchte man riechen", erklärt Bianca Hübsch. Sie hätten mit Click & Collect nur zehn bis 15 Prozent ihres üblichen Umsatzes gemacht - dafür lohne sich der große logistische Aufwand nicht, meint Hans-Peter Hübsch.

Aus Angst vor einer erneuten Schließung hat das Ehepaar in der Gärtnerei ein Hygienekonzept umgesetzt, das strenger sei, als es die Regierung vorschreibt. Nun blicken die beiden dem Sommer positiv entgegen: 2020 hatten auch die Hübschs die Erfahrung gemacht, dass die Menschen durch die Corona-Krise wieder mehr Lust am Gärtnern bekommen und besonders sogenanntes Naschgemüse wie Gemüse und Beeren anpflanzen.

© SZ vom 03.03.2021
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