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Fünfseen-Filmfestival:Ständig in Bewegung

Seefeld Kino fsff: Wolf Gaudlitz und sein Cinemamobil

Gaudlitz springt gern hin und her - zwischen Cineasten und Cinemamobile.

(Foto: Nila Thiel)

Wolf Gaudlitz verkörpert mit seinem mobilen Kino das Festivalmotto

Von Sylvia Böhm-Haimerl, Seefeld

"Wir müssen das hier richtig einstellen", sagt der Filmemacher und Autor Wolf Gaudlitz zu seinem Assistenten. Im Rahmen des Fünfseenfestivals führt er mit seinem Cinemamobile Filmklassiker unter freiem Himmel in Weßling und im Innenhof von Schloss Seefeld vor. Seine Vorstellungen finden bei jedem Wetter statt. Am Donnerstag herrschen in Seefeld herbstliche Temperaturen, und es finden sich nur 15 Zuschauer ein. Es sind Filmenthusiasten, die sogar Kälte in Kauf nehmen, um das charakteristische Rattern der alten Vorführgeräte zu hören. Gaudlitz kennt inzwischen seine "Unverwüstlichen", wie er sie nennt, und begrüßt sie persönlich. Heute wird "Außer Atem" gezeigt, der erste Film von Regisseur Jean-Luc Godard aus dem Jahr 1960 mit Jean Seberg und einem so jungen Jean-Paul Belmondo, dass er von vorübergehenden Passanten nicht erkannt wird. Selbstverständlich läuft die nicht-digitalisierte Schwarz-Weiß-Variante. Darauf legt Gaudlitz Wert, weil er den Filmcharakter erhalten will.

"Nehmen Sie sich Decken, wir haben 200", fordert er die Zuschauer auf. Der Weltenbummler, der nach eigenen Angaben "eine Hand voll Sprachen" fließend spricht, hat sich eine Djellaba aus feinem Kamelhaar übergeworfen. "Mein Schlafsack gegen Hitze und Kälte, besser als Kaschmir", schwärmt er. Dann eilt Gaudlitz schnellen Schrittes zurück zu den Vorführgeräten, um die Schärfe auf dem 16 Millimeter Filmprojektor nach zu justieren, auf dem als Vorprogramm ein Stummfilm gezeigt wird. Weil dieses alte Vorführ-System täglich auf- und wieder abgebaut werde, müsse es jedes Mal neu eingestellt werden, erklärt er, während er an verschiedenen Kabeln und Knöpfen dreht. Die Vorführungen auf der mobilen Leinwand des zum rollenden Kino umgebauten Lastwagens, der gleichzeitig auch Wohnmobil ist, stehen unter dem Motto "Bewegung und Stillstand". Für ihn komme die Bewegung zuerst, sagt er. Das passt zu ihm. Denn der Filmemacher, der auf Sizilien lebt und Weinbau betreibt, ist selbst ebenfalls ständig in Bewegung. Auch beim Anmoderieren des Filmklassikers "Außer Atem" springt er von einem Thema zum anderen. Gaudlitz erklärt alte Filmtechnik und Unterschiede bei Bildwechselfrequenzen. Beim Stummfilm etwa nehme das menschliche Gehirn die 18 Bilder pro Sekunde als Ruckeln wahr, was den Slapstick-Effekt verstärke. Im Film "Außer Atem" seien es 24 Einzelbilder, was ruhiger erscheine. Ohne Übergang spricht Gaudlitz über die Entwicklung des Films in Deutschland, die unter Rainer Werner Fassbinder eine Renaissance erlebte ("heute haben wir keinen deutschen Film mehr"), um anschließend wieder zum Klassiker des französischen Films "Außer Atem" zurückzukommen. Dann wieder erzählt er, dass er vor ein paar Jahren die Vorführungen mit seinem Cinemamobile eingestellt habe. Doch als die Anfrage von Festivalleiter Matthias Helwig gekommen sei, habe sich gern in sein Cinemamobile gesetzt und sei die 1800 Kilometer nach Bayern gefahren. Zuerst stand das Cinemamobile in Weßling. Zur ersten Open Air Vorstellung habe es stark geregnet, für weitere Vorstellungen sei man daher in den Pfarrstadel ausgewichen. Das rollenden Kino ist bis Dienstag in Seefeld.

© SZ vom 05.09.2020

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