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Dießen:Filmreife Übergabe

Philipp Brauckmann und Eduard Geybel knien sich rein und schrauben mit Ratschen die Kinosessel ab.

(Foto: Arlet Ulfers)

Die Kinowelt Ammersee trennt sich von ihren alten Stühlen und überlässt sie Retro-Fans

Die Szene findet man so vermutlich in keinem Film: Etwa 20 Personen sind im Saal der Kinowelt Ammersee mit Inbusschlüsseln und Schraubendrehern zugange und nehmen Reihe für Reihe, Stuhl für Stuhl den Zuschauerraum auseinander. Das ist ganz im Sinne des Dießener Kinos, das zu der Demontage aufgerufen hatte und am Samstagmorgen nicht auf der Leinwand, sondern im Saal Action entfesselte.

Weil die alte Bestuhlung rausmusste, entschied sich das Kino, die Sessel kostenlos Selbstabholern zu überlassen. Ganze WGs und Familien sind gekommen, um einen oder gleich mehrere der kultigen Kinosessel zu ergattern. Auf dem Boden unter der Leinwand sitzt ein kleines Mädchen und klappert mit Teilen eines Stuhls herum, die in ihrem Schoss liegen. Der Bestand an Kinostühlen nimmt minütlich ab.

Dass viele Kinos das anders machen und ihr altes Mobiliar verkaufen, weiß auch Betreiberin Doris Apell-Kölmel. Das hätte sich auch gut mit den Dießener Stühlen machen lassen, denn die befinden sich trotz der 20 Jahre Spielzeit in präsentablem Zustand. Einzig unter den Sitzen haben sich allerlei Artefakte von trockenem Popcorn bis hin zu einer 50-Pfennig-Münze angesammelt.

Die Demontage läuft schneller, als das Apell-Kölmel erwartet hätte: Nach einer halben Stunde findet man die ersten Reihen nicht mehr im Kinosaal, sondern in Kombis gequetscht oder auf Anhänger gegurtet. Dabei ist auch eine WG, die sich aus dem Chiemgau für die begehrten Sitze an den Ammersee aufgemacht hat und nun die Sitze zehn, elf und zwölf in ihrem Wagen verfrachtet. Die Dießener Philipp Brauckmann und Eduard Geybel, beide 26, wollen sich mit den neuen Stühlen ihr eigenes Heimkino einrichten, Beamer und Leinwand haben sie schon. Im halbbestuhlten Saal wurden am Samstag und Sonntag noch Filme, darunter "Fritzi - eine Wendewundergeschichte" und "Eine ganz heiße Nummer 2.0" geboten. Am Sonntagabend wurde dann auch die hintere Saalhälfte geräumt. Für die Anschaffung der neuen Kinosessel mit Kosten in Höhe von 30 000 Euro kommt das Bundesministerium für Kultur und Medien zu 80 Prozent auf, um die Kinos zu retten, bevor sie aussterben, weil die Menschen Filme zu Hause auf der Couch aus dem Internet streamen.

Die neuen Stühle werden bereits für den kommenden Donnerstag, 24. Oktober, erwartet. Noch bis Mittwoch wird das Kino wegen des Einbaus der neuen Sitze geschlossen bleiben. Vielleicht zieht die neue Inneneinrichtung mit mehr Beinfreiheit und Pärchensesseln in den letzten Reihen sowie Getränkehaltern an jedem Platz auch wieder mehr Kundschaft an, sodass der ironische Kommentar eines Kinomitarbeiters an diesem Samstagmorgen "Der Saal ist voll, die Leute gehen ins Kino" auch auf andere Tage zutrifft.