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Coronakrise:Wie die Akademien in Tutzing mit dem Leerlauf umgehen

Die zwei Bildungshäuser versuchen, ihre abgesagten Tagungsprogramme ansatzweise mit Online-Angeboten auszugleichen. Im Schloss könnten Notquartiere entstehen.

Von Manuela Warkocz

Monatelang bereiten Mitarbeiter Tagungen und Seminare an den beiden renommierten Akademien in Tutzing vor. Namhafte Referenten - prominente Politiker, Wissenschaftler, Medienvertreter und Künstler - sowie Teilnehmer reisen aus ganz Deutschland an. Jetzt macht Corona sowohl der Evangelischen Akademie als auch der Akademie für Politische Bildung einen Strich durch die Rechnung.

Zwar sind in beiden Einrichtungen alle Mitarbeiter wohlauf, die meisten arbeiten im Home-Office. Aber alle Veranstaltungen wurden gemäß den Vorgaben abgesagt, bei der Evangelischen Akademie, einer Einrichtung der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern, seit 13. März zunächst bis 19. April. Die Politische Akademie hat sogar über dieses Datum hinaus bereits vollständig geplante und zum Teil ausgebuchte Tagungen gecancelt. "Aber wir versuchen, zumindest einige dieser Veranstaltungen Ende des Jahres oder 2021 nachzuholen", zeigt sich die Direktorin, Professorin Ursula Münch, zuversichtlich. In der Evangelischen Akademie schließt Direktor Udo Hahn nicht aus, im Corona-Notfall im Schloss Tutzing Räume zur Verfügung zu stellen: "Sollte seitens das Staates Bedarf an Notquartieren bestehen, werden wir mit unserem Träger klären, wie unser Beitrag aussehen kann."

Udo Hahn, 2016

Direktor Udo Hahn bedauert in der Evangelischen Akademie Tutzing die vielen Absagen. Er muss einen neuen Haushalt für 2020 aufstellen.

(Foto: Georgine Treybal)

Wirtschaftlich bedeutet die Programmstreichung für die Evangelische Akademie herbe Einbußen. Jährlich zählt sie allein rund 10 000 Teilnehmer an eigenen Veranstaltungen, dazu kommen zahlende Gäste von Fremdveranstaltern und Privatleute, die etwa ihre Hochzeit im Schloss feiern. 60 Prozent ihres Budgets muss die Akademie mittlerweile aus eigener Kraft erwirtschaften. Weil Einnahmen fehlen, aber weiterhin Ausgaben zu Buche schlagen, "müssen wir jetzt die Planungen für das laufende Haushaltsjahr aktualisieren", sagt Hahn.

Dessen ungeachtet seien alle voller Tatendrang. "Wir versuchen gerade, unsere Online-Aktivitäten auszubauen, etwa indem wir die Kanzelrede von Doris Dörrie als Audio-Podcast anbieten", schildert Hahn gegenwärtige Angebote. Julia Wunderlich vom "Jungen Forum" plane ein Digitalformat mit jungen Leuten. Aktuelle Beiträge gibt es zum Nachlesen unter www.ev-akademie-tutzing.de, etwa "Überlegungen zur Postwachstumsgesellschaft angesichts der Corona-Krise" von Professorin Irmi Seidl. Zudem betreibt Hahn mit Studienleitern der Akademie einen Blog zu aktuellen Themen. Hahn selbst beschäftigt sich aktuell im "Rotunde-Blog" mit der Frage "Werden wir die Corona-Krise meistern?" und beleuchtet sie auf verschiedenen Ebenen.

Ursula Münch in der Akademie für Politische Bildung in Tutzing, 2019

Professorin Ursula Münch hält die Akademie für Politische Bildung in der Zeit nach Corona für sehr bedeutsam.

(Foto: Georgine Treybal)

Die Politische Akademie teilt mit, die Direktorin und das wissenschaftliche Kollegium arbeiteten derzeit noch intensiver als sonst an wissenschaftlichen Publikationen, Tagungsbänden und Forschungsprojekten, die neben dem Tagungsbetrieb ebenfalls zum gesetzlichen Auftrag der Akademie gehörten. Münch und ein kleiner Kreis von Mitarbeitern sei weiterhin vor Ort. Sie entwickeln gerade intensiv Online-Konzepte. Die Hauswirtschaft nutze die Zeit für Reinigungsarbeiten. Viele könnten jetzt auch ein Polster an Urlaub und Überstunden abbauen. "2019 war für uns wegen der sehr hohen Zahl an Tagungen und Gästen - rund 11 000 einschließlich Außenveranstaltungen - ein erfreuliches Rekordjahr, und noch im Januar und Februar haben wir zeitaufwendige Tagungen veranstaltet", erklärt Münch. Die Bauarbeiten zur Modernisierung des Gästehauses laufen unterdessen weiter. Sie sind Münch zufolge dem Zeitplan sogar voraus, da keine Rücksicht auf den Tagungsbetrieb genommen werden müsse. Wegen der Beeinträchtigungen durch die Sanierungsarbeiten hält die Direktorin eine etwaige Nutzung des Gästehauses für Patienten auch für nicht sinnvoll.

Von den wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise sieht sich die Politische Akademie als 1957 gegründete Anstalt des öffentlichen Rechts, deren Finanzierung durch das Akademiegesetz des Bayerischen Landtags gesichert ist, weniger akut betroffen als andere Branchen. "Aber natürlich ist uns bewusst", so Münch, "dass die öffentlichen Haushalte für längere Zeit unter immensem Druck stehen werden". Für die Zeit nach der Krise sieht die Professorin die Politische Akademie als wichtiger denn je an, um die politische Urteilskraft zu stärken: "Schließlich stellt die Pandemie große Herausforderungen an unser politisches System, den Rechtsstaat und die Gesellschaft insgesamt". Politische Bildung sei kein Luxus, sondern durchaus systemrelevante Arbeit.

© SZ vom 31.03.2020
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