Architektur Das Erbe der Baumeister

Stefanie Knittl hat mit großem Aufwand ein baufälliges Haus an der Tutzinger Hauptstraße saniert. Zum Nachlass gehören Papiere, die eine 115-jährige Familien- und Firmengeschichte dokumentieren

Von Katja Sebald, Tutzing

"Entweder ich verkaufe jetzt alles oder ich mache was draus", dachte Stefanie Knittl, nachdem sie ein altes baufälliges Haus an der Tutzinger Hauptstraße, dazu ein großes Grundstück und mehr als ein Jahrhundert Familiengeschichte geerbt hatte. Die 50-Jährige ist die letzte in der Ahnenreihe der Baumeisterfamilie Knittl: Ihre Vorfahren betrieben einst das größte Baugeschäft weit und breit, sie haben unzählige Häuser und Villen gebaut und damit die Architekturlandschaft rund um den Starnberger See nachhaltig geprägt. Sie selbst hat sich am Ende entschieden, etwas aus ihrem Erbe zu machen: 2012 sanierte sie mit großem Aufwand das denkmalgeschützte Stammhaus der Firma Knittl und dokumentierte anschließend die Firmen- und Familiengeschichte.

Im Jahr 1864 hatte Herzog Ludwig in Bayern, Sisis ältester Bruder, den Tiroler Maurergesellen Josef Knittl nach Garatshausen geholt. Jahre lang beschäftigte er ihn beim Umbau des Schlosses, bis sich Knittl 1872 selbständig machte und eine Tutzinger Fischertochter heiratete. Damit begann die Geschichte der Baumeisterdynastie Knittl. Nach dem Bau der Eisenbahnlinie erlebte Tutzing einen wahren Bauboom, der Firmengründer hatte viel zu tun: Prägnante Bauten wie die Villa Trutz und die Villa Thudichum in Tutzing oder die Villa Reber in Pöcking entstanden, aber auch viele kleine Handwerkerhäuser. In der zweiten Generation wuchs die Firma in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg auf 350 Mitarbeiter an. Xaver Knittl war in der Prinzregentenzeit der "Platzhirsch" unter den Baumeistern rund um den See. Er realisierte mehr als 250 Bauprojekte, darunter das Tutzinger Kloster, die Grundschule, das Rathaus und beide Kirchen. Für die von ihm gebauten Villen und Landhäuser entwickelte er den typischen "Knittl-Stil" mit aufwendigem Zierfachwerk. Sein jüngerer Bruder Engelbert hatte in Feldafing das Baugeschäft von Johann Biersack übernommen, wo er nun ebenfalls an Villenbauten beteiligt war und unter anderem die mittlerweile denkmalgeschützte Badeanstalt entwarf. In der dritten Generation führte Carl Knittl das Tutzinger Baugeschäft bis in die 1950er Jahre. Unter Karl Xaver Knittl, Vater von Stefanie Knittl, endete 1987 die Baumeistertradition: Zuletzt konnte er - wie viele andere Handwerksbetriebe - dem Wettbewerbsdruck durch Billiganbieter nicht mehr standhalten.

Stefanie Knittl hat ein Buch über ihre Bautätigkeit ihrer Familie geschrieben. Hier steht sie vor dem Stammhaus der Knittls.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Für Stefanie Knittl, die den geschäftlichen Überlebenskampf ihrer Eltern hautnah erlebt hatte, stellte sich nie die Frage, ob sie das Familienunternehmen übernehmen sollte. Sie absolvierte ein Ingenieurstudium, studierte dann Politik. Heute ist sie Berufsschullehrerin in München und unterrichtet unter anderem Sozialkunde. Ihre Familiengeschichte, aber auch die Geschichte des Bauens und Wohnens am Starnberger See interessiert sie vor allem unter soziologischen Gesichtspunkten: "Mich fasziniert der Zusammenhang zwischen Architektur und Gesellschaft", sagt sie, "das Denken im Bau hat sich komplett verändert und damit auch das Verhältnis der Menschen zu ihren Häusern." Fortschrittsgläubigkeit, gesetzliche Vorgaben sowie wirtschaftliche Aspekte lassen nurmehr standardisierte, seelenlose Bauten statt individueller Häuser entstehen. Ein Haus wie das ihrer Familie könne man heutzutage nicht mehr bauen. Seit Jahren setzt sie sich deshalb für Denkmalschutz und den Erhalt alter Bausubstanz ein.

Bei der Sanierung ihres Elternhauses stieß sie auf handgeschriebene Betriebsbücher, historische Dokumente und Fotografien, aus denen sie 2016 eine Ausstellung im Tutzinger Ortsmuseum zusammenstellte. Viele Stunden hatte sie schon damals über alten Plänen im Staatsarchiv verbracht. Jetzt entstand aus ihrer Forschungsarbeit ein Buch, in dem sie auf 300 Seiten die von der Baumeisterfamilie Knittl in 115 Jahren Firmengeschichte realisierten Projekte nahezu lückenlos dokumentiert: Landhäuser, Villen, Wohn- und Geschäftshäuser, Hotels, Gastwirtschaften, landwirtschaftliche Gebäude, Brücken und Mauern, nicht nur Tutzing, Feldafing, Garatshausen und Pöcking, sondern auch in Starnberg, Bernried, Seeshaupt, am Ostufer und in den Voralpen. Das Buch erzählt aber auch von Erfolg und Ende einer typischen Handwerkerfamilie am Starnberger See. Und nicht zuletzt erzählt es die "kleinen Geschichten", wie Knittl sagt: Von Maurern, die 50 Jahre lang in der Firma beschäftigt waren und fast zur Familie gehörten. Von Krankheit und Tod, Heiraten und Kinderkriegen, Sparen und auch vom Scheitern: Diese Geschichten machen das Buch zu einem eindringlichen Stück Orts- und Regionalgeschichte.

Galt als "Platzhirsch" unter den Baumeistern am See: Xaver Knittl.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Das Buch "Häuser erzählen Geschichten. Die Baumeisterfamilie Knittl am Starnberger See (1872 - 1987)" von Stefanie Knittel kostet 39,80 Euro und ist über villaknittl.de erhältlich