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"Amaryllis Quartett":Durch Höllen und Paradiese

Meistersolisten im Isartal

"Amaryllis Quartett" plus: Bei der Klangwelt Klassik überzeugen die Musiker mit einem anspruchsvollem Programm.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Souveränes Konzert mit den Solisten Barbara Buntrock und Christoph Heesch

Es ist ein gutes Zeichen, wenn sich die Damen und Herren auf der Bühne zulächeln, bevor sie beginnen. In diesem Fall ist es die Bühne im Konzertsaal des Ickinger Rilke-Gymnasiums und das Lächeln ein fünffaches, denn das Amaryllis Quartett wird zu Beginn von Barbara Buntrock (Bratsche) verstärkt, später noch von Christoph Heesch (Cello). Zu Heiterkeit gibt es allen Grund. Denn das Ensemble spielt bei den "Meistersolisten im Isartal" souverän, stilsicher, packend, engagiert, kurzum: in jeder Hinsicht überzeugend.

Mit Mozarts Streichquintett Es-Dur (KV 614) geht es spielfreudig los. Und wer würde daran auch keinen Spaß haben? Der durchtrillerte Kopfsatz spielt sich ab zwischen fein gearbeiteten Melodien und energisch akzentuierten Akkorden. Das Quintett nimmt jeden Takt ernst und findet so zu einem bodenständig fröhlichen Musizieren, das dem Geist des 18. Jahrhunderts entspricht. Schließlich war auch dieses Streichquintett Unterhaltungsmusik im besten Sinne, Musik geschrieben für Kenner und Liebhaber.

Nach dem munteren Fiedeln kommt einer jener mozartschen Andante-Sätze, in denen eine fast beunruhigende Gelöstheit und Heiterkeit den Ton angibt. Die von Pausen durchsetzte Eingangsmelodie wird hier sanft getupft, bis sich die Gesanglichkeit dieser Phrasen auflöst in Umspielungen und Verzierungen.

In diesem Satz kommt das zur Geltung, was man, nach vielen Jahren des gemeinsamen Spiels, als Amaryllis-Klang bezeichnen darf. Einfach zu beschreiben ist er indes nicht. Nicht dick auftragend, aber auch nicht anämisch; nicht hitzig, aber auch nicht verkopft kühl; keine Schmelze von Streicherstimmen, aber auch kein multiples Solospiel. Man müsste es so formulieren: Die Musiker des Amaryllis Quartetts spielen jeden Takt angemessen. So bieder das Wort, so aufregend das Ergebnis. Die Fähigkeit, jeden Satz der Werke einer genauen Charakterprüfung zu unterziehen, um ihn dann mit makelloser Technik vorzustellen, macht den Abend zum Erlebnis. Mozarts Menuett wird so zum schwungvollen Tanz mit federnder Rhythmik, das Finale zum musikalischen Scherz à la Haydn.

Diese Stilsicherheit führt das Ensemble, jetzt noch mit Christoph Heesch an seiner Seite, nahtlos fort. Auch wenn David Philip Heftis "Monumentum", ein Auftragswerk von 2014, die sechs Musiker natürlich vor ganz andere Aufgaben stellt. Das Streichsextett in einem Satz ist ein Denkmal auf vielen Ebenen. Ausgangspunkt ist die Beschäftigung Heftis mit dem Werk von Käthe Kollwitz, die in ihren Skulpturen Trauerarbeit um den im Ersten Weltkrieg gefallenen Sohn leistete. Ferner greift Hefti Kollwitz' Begeisterung für Beethovens letzte Klaviersonate auf. Und mit Zitaten aus diesem musikalischen Intertext setzt das Stück auch ein. Motive wandern durch die Stimmen, durchkreuzen schräge Klangflächen. Saiten werden angerissen, geschlagen, der Instrumentenkorpus abgeklopft wie ein Brustkorb, dann mit dem Bogen gestrichen. Das Ergebnis ist eine vielschichtige Collage aus Klang und Geräusch. Das offene Spiel aus musikalischen und literarischen Zitaten, Spielweisen und Klangkonstellationen öffnet den Vorstellungsraum. Ob es tatsächlich raschelnde Blätter, das Pfeifen von Geschossen und Maschinenlärm sind, die man hört, oder nur ein ausgeklügelt konstruiertes Streichsextett, bleibt dem Publikum überlassen.

Im Lichte des letzten Programmpunkts scheint Heftis Werk noch ein weiteres Moment der Erinnerung eingeschrieben zu sein. Denn wie in Schuberts kammermusikalischem Opus magnum, dem (relativ) späten Streichquintett C-Dur, spielt hier der Umgang mit Zeit eine Rolle. Ein Umgang mit der gefühlten Zeit, die sich dehnen und spannen kann. Oder, wie im Falle Schuberts, ein völliges Auflösen dieser Kategorie. Das Amaryllis Quartett (mit zweitem Cello) trägt seinen Teil dazu bei. Im ersten Satz pocht das Cello, während sich hohe Streicher in Legato-Terzen darüberlegen und eine dieser Schubert-Melodien intonieren, eine dieser himmlischen, unbeschreiblichen. Später werden die Stimmen getauscht: ein Déjà-entendu, das die Zeit aufhebt. Im Adagio schließlich, einem Satz, vor dem sich Musikliebende (Künstler und Wissenschaftler eingeschlossen) seit jeher verneigen, geht noch weiter. Es ist, als hätte Schubert die Taktstriche ausradiert, weil sie Grenzen markieren. Und in diesem Satz sollen der Melodie keine Grenzen gesetzt sein. Als hätte sie schon immer geklungen, breitet sie sich in weitem Bogen aus. Das Quintett gestaltet mit Empfindung, doch ohne alle Süßlichkeit. Der Mittelteil ein verzweifelter Ausbruch aus der Idylle. In der Rückführung ins E-Dur-Paradies hält das Publikum den Atem an. Das mit grimmigem Witz präsentierte Scherzo holt auf den Boden der Tatsachen zurück und bietet den Einstieg zum Finale. Das ist veritable Tanzmusik, ungarisierend, mit brüsken Synkopen und den zahlreich eingesetzten vorschlagenden Nebennoten. Und auch wenn Schubert mit immer sich steigerndem Tempo durch die Tonarten jagt, bleibt das Ensemble sich treu - mit dem richtigen Maß an Entgrenzung und mit unverminderter Spielfreude.

Das überzeugt einen vollen Konzertsaal und inspiriert zu Bravo-Rufen und Beifall, der die Interpreten kaum von der Bühne lässt. Doch nach dieser Reise durch musikalische Höllen und Paradiese klänge jede Zugabe blass.

© SZ vom 26.11.2019
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