Starnberg-Klischees:Der Kini-Kult

Zu einem Märchenkönig gehört auch eine Märchen-Prinzessin - im Film heißt eine Millionärstochter Sisi. Der Starnberger See hat tatsächlich beides zu bieten: Sisi, die spätere Kaiserin von Österreich, wuchs in Possenhofen bei Pöcking an der Westseite des Sees auf. Ludwig II. verbrachte an der Ostseite, auf Schloss Berg, seine Ferien und seine letzten Stunden. Beide verband offenbar eine Seelenverwandtschaft und die Liebe zu Heinrich Heine, Edgar Allen Poe oder James Fenimore Coopers "Lederstrumpf". Sie nannten sich Adler und Möwe. Und trafen sich immer wieder zum romantischen Stelldichein auf der Roseninsel bei Feldafing. Beide reisten gern mit dem Zug. Majestät bevorzugte eigene luxuriöse Waggons und das später in "Tristan" umgetaufte Dampfschiff "Maximilian". Und beide sind längst zu unsterblichen Figuren der Geschichte geworden, wobei sich vor allem an Ludwig II. die Geister scheiden.

Königstreue gedenken Todestag von Ludwig II.

Ludwig II. verehren sie am Starnberger See noch heute

(Foto: dpa)

War er nun wahnsinnig, nur bausüchtig oder einfach ein technikbegeisterter menschenscheuer Mann? Ein Hüter des europäischen Friedens, oder ein Regent, der so gut wie nicht regierte und seine eigene "Neuroseninsel" hatte, wie es in Grafs Film heißt. Beging er Suizid? War es Mord? Oder ein Unfall? Die Theorien sind so zahlreich wie die Ludwig-Forscher selbst. Und zu den größten Kennern und Verteidigern des Monarchen gehörte Albert Widemann aus Leutstetten an der Würm, ein gebürtiger Münchner, der 2004 im Alter von 90 Jahren starb. Widemann könnte das Vorbild für die Figur des Privatgelehrten Josef Haufferding in Grafs Krimi gewesen sein. Auch er widmete dem Kini 40 Jahre seines Lebens. Keine Mutmaßung über Ludwig II. blieb von ihm unkommentiert. Aber der kleine, schmale Mann war kein Fanatiker. Er verstand sich als Aufklärer und Faktensammler. In seinem Haus stapelten sich die Unterlagen zu Ludwig II. und Sisi - sogar das Klo diente als Bücherdepot.

Der Stau

Der Stau gehört zum Stadtbild wie die Blaualge zum See, er tritt aber noch häufiger auf. In "Die reichen Leichen" lassen die Kommissare entnervt ihren Wagen stehen, weil es gar nicht mehr vorwärts geht - und marschieren einfach zu Fuß weiter. Das größte Nadelöhr im Ort heißt Tutzinger-Hof-Platz. An diesem Punkt mitten in der Stadt verengen sich zwei Fahrbahnen auf nur noch eine Spur. Und morgens oder abends, wenn der Starnberger zu neuen Taten aufbricht oder erschöpft nach Hause will, stehen dann die Autos Stoßstange an Stoßstange, manchmal sogar schon zwei, drei Kilometer vor der Stadtgrenze. Der Starnberger fährt nämlich grundsätzlich Auto. Dass es Busse, S-Bahnen und Fahrräder gibt, hat er allenfalls wohlwollend registriert. Sagt das Klischee. Und es hat nicht ganz unrecht. Seit etwa 30 Jahren wird darüber geredet, dass mit einem Tunnel alles besser würde. Und vor Jahren hat die Polizei vorgeschlagen, alle Ampeln zu synchronisieren, um den Stau aufzulösen. Passiert ist bisher nichts. Schlimmer noch als die Blaualge und die Autoschlange ist derzeit aber der kommunalpolitische Stau. Seit der Kommunalwahl im März drehen sich die Stadträte nur noch um sich selbst.

Die Todeswand

Taucher nennen sie die "Kante", die anderen sprechen von der Steil- oder Todeswand. Sie ist in Allmannshausen am Ostufer des Starnberger Sees zu finden, verläuft meist parallel zum Ufer und reicht in eine Tiefe von etwa 80 Metern hinab. Es gibt überhängende Bereiche, Terrassen und Vorsprünge. Hier, wo das Wasser von einer Tiefe von etwa 40 Metern an nur noch vier Grad warm ist, findet im Krimi eine Geldübergabe statt. Die Steilwand gehört zu den beliebtesten und gefährlichsten Tauchrevieren Süddeutschlands. In den vergangenen 20 Jahren sind dort 19 tödliche Unfälle registriert worden, darunter auch von erfahrene Tauchern. 44 Sportler wurden verletzt aus dem Wasser gezogen.

Dass die Toten geborgen werden müssen, hat hauptsächlich mit ihrer schweren Ausrüstung zu tun: Bleigewichte und Druckluftflaschen ziehen sie nach unten. Aber auch havarierte Skipper oder untergegangene Schwimmer treiben oft nicht nach oben. Wegen des hohen Drucks und der konstanten Wassertemperatur bilden sich nämlich bei der Verwesung nicht so viele Gase. Fachleuten zufolge finden sich deshalb auf dem Grund des Sees einige Schiffe, Boote und grob geschätzt 20 Leichen. Darunter auch die eines Mannes, der sich mit einem Tau an den Mast seines Katamarans gebunden hatte und samt Boot untergegangen war. Starnberg kann ganz schön gruselig sein.

© SZ vom 18.10.2014/ahem
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