Starnberg-Klischees:Der Kini und der Ku-Klux-Klan

Die meisten Sportwagen? Klar, in Starnberg! Dort fährt man Cabrio statt S-Bahn, manche kommen auch in Booten und halten Fackeln in den Händen. Welche Klischees stimmen und was Unfug ist.

Von Gerhard Summer

Ein Wiedergänger des Kini treibt tot im Wasser, so wie 1886 der echte Märchenkönig Ludwig II. Die Polizei ermittelt und stößt dabei in eine bizarre Welt vor: Der Geheimbund der Ludisten vollzieht düstere Rituale im Fackelschein und plötzlich verschwindet die Millionärstochter mit dem geschichtsträchtigen Namen Sisi. Im Heimatkrimi "Die reichen Leichen", den der Bayerische Rundfunk an diesem Samstag um 20.15 Uhr ausstrahlt, spielt Regisseur Dominik Graf mit Klischees über Starnberg und den See. Solche gibt es zuhauf über den Landkreis, in dem so viele Millionäre leben - doch was ist Wahrheit und was Fiktion, was ist Wirklichkeit und was Übertreibung?

Die Wohltäter

Bei Dominik Graf und Drehbuchautor Sathyan Ramesh heißt sie Maggie: eine typische Starnbergerin, Mitte 60, die sich im Rolls-Royce durch die Stadt kutschieren lässt. Und doch entspricht sie nicht dem Klischee der selbstsüchtigen Millionärin: Maggie ist nämlich Mäzenin. Sie hat der Polizei im Film eine Wahnsinns-Espressomaschine spendiert, und ohne sie "wären das Kunstmuseum längst zu und die Bücherei auch". Gut, die echte Starnberger Polizei hat nur einen Kaffeevollautomaten nachrangiger Güte; damit kann man keinen vernünftigen Espresso machen. Aber Maggie gibt es: Denn für soziale Zwecke, sei es für die Starnberger Tafel oder die Almeida-Stiftung für Menschen in Not, spenden wohlhabende Starnberger reichlich. Dafür machen sie für Sport oder Kultur so gut wie keinen Cent locker. Die letzte große Spende hierfür ging 2008 ein: Damals sagte ein Bürger der Stadt 400 000 Euro zu, wenn sie endlich ihren zentralen Kirchplatz umbaut, eine Steinwüste. Der Mann hielt Wort, das Gelände ist längst fertig. Ob sich das Ganze gelohnt hat? Hm, Steinwüste bleibt Steinwüste.

Die reichen Leichen. Ein Starnbergkrimi

Der Tod von Ludwig II. im Wasser - eine Szene aus dem Heimatkrimi "Die reichen Leichen" - inspiriert Verschwörungstheoretiker und Filmemacher.

(Foto: Julia von Vietinghoff)

Die Millionäre

Im April 1999 entführt ein Mann aus Bochum in seinem Auto eine Anhalterin aus Tutzing. Die damals 20-jährige Schülerin kann in Geiselwind bei Würzburg flüchten, die Polizei schnappt den Mann. Im Verhör sagt der Koch aus, dass er eine "spektakuläre Polizeiaktion" inszenieren wollte. Und, ach ja: Er habe ein Mädchen aus Tutzing entführt, weil doch alle am Starnberger See reich sein müssen.

So wollen es der Film und das Klischee: Wer es in diesen Landkreis der Schönen und Reichen geschafft hat, der muss ausgebeulte Taschen haben und ein Schnösel sein, der köpft schon zum Frühstück die erste Flasche Veuve Clicquot und kann sich mit seinem Geld so gut wie alles kaufen. Also womöglich auch eine kleine Baugenehmigung und das Abitur für die Tochter. Klar, es gibt sie tatsächlich, die Neureichen, die in ihrem Bübchen ein Wunderkind sehen, das unbedingt aufs Gymnasium gehen muss, und den Lehrern sofort mit dem Advokaten drohen, wenn die Übertrittsnoten nicht passen. Geld ist ja genug da. Es gibt auch den Kaufmann und Großwildjäger mit Geschäftsbeziehungen nach Südafrika, der den Abbruch von Schwarzbauten auf seinem riesigen Gelände seit Jahren hinauszögern kann, weil er über das nötige Kleingeld für Rechtsanwälte verfügt. Oder den 13-jährigen Schnösel, der bei der Polizei zu Protokoll gibt, dass er gar nichts sagt, bis der Anwalt der Eltern aufmarschiert ist.

Die Cabrio-Dichte ist wirklich beeindruckend hoch

Klar ist auch: In Starnberg mögen mehr Porsches herumkurven als in ganz Österreich. Die Cabrio-Dichte ist wirklich beeindruckend hoch, und auf 10 000 Einwohner kommen hier 14 Menschen, die mehr als eine Million Euro im Jahr verdienen. In Starnberg macht das also etwa 30 Millionäre, im ganzen Landkreis ungefähr 182. Und was Dominik Graf zeigt, gibt es ebenfalls: die alten prachtvollen Villen mit Erkern und Spinnweben an den Fenstern und die parkähnlichen Grundstücke. Wobei die schönsten zwei, das Gelände der Politischen Akademie und das Areal des alten Schlosses in Tutzing, der evangelischen Kirche und der Deutschen Rentenversicherung Süd gehören.

Aubergine-Eröffnung im Vier Jahreszeiten

Auswärtige verbinden Starnberg auch mit einem Leben im Luxus.

(Foto: Franz X. Fuchs)

Aber: Die wirklich Reichen bleiben unter sich und protzen nicht. Es ist eher unwahrscheinlich, dass der eine oder andere mal auf die Idee kommt, der Abiturnote der Tochter nachzuhelfen. In den vergangenen 20 Jahren jedenfalls ist kein einziger Bestechungsfall in den Rathäusern oder bei der Polizei bekannt geworden.

Die Guglmänner

Sie kommen in Booten, halten stumm Wache mit gekreuzten Fackeln in den Händen und verbreiten ihre Botschaften auf Tafeln in Schildform. So unvermutet, wie sie auftauchen, so schnell sind sie wieder verschwunden. In Grafs Starnberg-Krimi heißen sie "Ludisten", in Wirklichkeit Guglmänner. Im Film entführen sie einen Kommissar. Die bayerische Abart des rassistischen Ku-Klux-Klans? Weit gefehlt. Die Königsgetreuen sind zwar ein Geheimbund mit Hang zur fotogenen Aktion. Und wer hinter den Kutten und Kapuzen mit Augenschlitzen steckt, den Gugln, gehört zu den letzten wohlgehüteten Starnberger Geheimnissen. Doch die Männer in Schwarz haben nur ein Ziel: Ludwig II. posthum Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Der Zirkel ist davon überzeugt, dass der bayerische König ermordet wurde.

Zum Todestag des Regenten am 13. Juni, wenn sich vor der Votivkapelle in Berg und der von einem Kreuz markierten Stelle im See, wo der König ertrunken sein soll, ein paar hundert Royalisten versammeln, haben sie meistens ihren Auftritt. Mal fordern sie Ludwigs Exhumierung. Mal verbreiten sie die Nachricht: Ludwigs Sarg in der Fürstengruft in St. Michael sei leer. Wie groß der Zirkel ist, wissen nur seine Mitglieder. Ein Foto auf der Homepage der Guglmänner zeigt etwa 80 Schwarzgewandete vor der Bavaria in München, aber das könnte auch eine Montage sein. Klar ist zumindest: Die Guglmänner sind harmlos, sie haben noch nie einer Fliege ein Haar gekrümmt. Richtig ist allerdings: Wie im Krimi hatte ein Starnberger Polizist einmal einen Kollegen verdächtigt, dem Geheimbund anzugehören. Der Beamte wies den Verdacht von sich. Heute kann ihn niemand mehr befragen, er ist vor zwei Jahren gestorben.

Der Kini-Kult

Zu einem Märchenkönig gehört auch eine Märchen-Prinzessin - im Film heißt eine Millionärstochter Sisi. Der Starnberger See hat tatsächlich beides zu bieten: Sisi, die spätere Kaiserin von Österreich, wuchs in Possenhofen bei Pöcking an der Westseite des Sees auf. Ludwig II. verbrachte an der Ostseite, auf Schloss Berg, seine Ferien und seine letzten Stunden. Beide verband offenbar eine Seelenverwandtschaft und die Liebe zu Heinrich Heine, Edgar Allen Poe oder James Fenimore Coopers "Lederstrumpf". Sie nannten sich Adler und Möwe. Und trafen sich immer wieder zum romantischen Stelldichein auf der Roseninsel bei Feldafing. Beide reisten gern mit dem Zug. Majestät bevorzugte eigene luxuriöse Waggons und das später in "Tristan" umgetaufte Dampfschiff "Maximilian". Und beide sind längst zu unsterblichen Figuren der Geschichte geworden, wobei sich vor allem an Ludwig II. die Geister scheiden.

Königstreue gedenken Todestag von Ludwig II.

Ludwig II. verehren sie am Starnberger See noch heute

(Foto: dpa)

War er nun wahnsinnig, nur bausüchtig oder einfach ein technikbegeisterter menschenscheuer Mann? Ein Hüter des europäischen Friedens, oder ein Regent, der so gut wie nicht regierte und seine eigene "Neuroseninsel" hatte, wie es in Grafs Film heißt. Beging er Suizid? War es Mord? Oder ein Unfall? Die Theorien sind so zahlreich wie die Ludwig-Forscher selbst. Und zu den größten Kennern und Verteidigern des Monarchen gehörte Albert Widemann aus Leutstetten an der Würm, ein gebürtiger Münchner, der 2004 im Alter von 90 Jahren starb. Widemann könnte das Vorbild für die Figur des Privatgelehrten Josef Haufferding in Grafs Krimi gewesen sein. Auch er widmete dem Kini 40 Jahre seines Lebens. Keine Mutmaßung über Ludwig II. blieb von ihm unkommentiert. Aber der kleine, schmale Mann war kein Fanatiker. Er verstand sich als Aufklärer und Faktensammler. In seinem Haus stapelten sich die Unterlagen zu Ludwig II. und Sisi - sogar das Klo diente als Bücherdepot.

Der Stau

Der Stau gehört zum Stadtbild wie die Blaualge zum See, er tritt aber noch häufiger auf. In "Die reichen Leichen" lassen die Kommissare entnervt ihren Wagen stehen, weil es gar nicht mehr vorwärts geht - und marschieren einfach zu Fuß weiter. Das größte Nadelöhr im Ort heißt Tutzinger-Hof-Platz. An diesem Punkt mitten in der Stadt verengen sich zwei Fahrbahnen auf nur noch eine Spur. Und morgens oder abends, wenn der Starnberger zu neuen Taten aufbricht oder erschöpft nach Hause will, stehen dann die Autos Stoßstange an Stoßstange, manchmal sogar schon zwei, drei Kilometer vor der Stadtgrenze. Der Starnberger fährt nämlich grundsätzlich Auto. Dass es Busse, S-Bahnen und Fahrräder gibt, hat er allenfalls wohlwollend registriert. Sagt das Klischee. Und es hat nicht ganz unrecht. Seit etwa 30 Jahren wird darüber geredet, dass mit einem Tunnel alles besser würde. Und vor Jahren hat die Polizei vorgeschlagen, alle Ampeln zu synchronisieren, um den Stau aufzulösen. Passiert ist bisher nichts. Schlimmer noch als die Blaualge und die Autoschlange ist derzeit aber der kommunalpolitische Stau. Seit der Kommunalwahl im März drehen sich die Stadträte nur noch um sich selbst.

Die Todeswand

Taucher nennen sie die "Kante", die anderen sprechen von der Steil- oder Todeswand. Sie ist in Allmannshausen am Ostufer des Starnberger Sees zu finden, verläuft meist parallel zum Ufer und reicht in eine Tiefe von etwa 80 Metern hinab. Es gibt überhängende Bereiche, Terrassen und Vorsprünge. Hier, wo das Wasser von einer Tiefe von etwa 40 Metern an nur noch vier Grad warm ist, findet im Krimi eine Geldübergabe statt. Die Steilwand gehört zu den beliebtesten und gefährlichsten Tauchrevieren Süddeutschlands. In den vergangenen 20 Jahren sind dort 19 tödliche Unfälle registriert worden, darunter auch von erfahrene Tauchern. 44 Sportler wurden verletzt aus dem Wasser gezogen.

Dass die Toten geborgen werden müssen, hat hauptsächlich mit ihrer schweren Ausrüstung zu tun: Bleigewichte und Druckluftflaschen ziehen sie nach unten. Aber auch havarierte Skipper oder untergegangene Schwimmer treiben oft nicht nach oben. Wegen des hohen Drucks und der konstanten Wassertemperatur bilden sich nämlich bei der Verwesung nicht so viele Gase. Fachleuten zufolge finden sich deshalb auf dem Grund des Sees einige Schiffe, Boote und grob geschätzt 20 Leichen. Darunter auch die eines Mannes, der sich mit einem Tau an den Mast seines Katamarans gebunden hatte und samt Boot untergegangen war. Starnberg kann ganz schön gruselig sein.

© SZ vom 18.10.2014/ahem
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