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Wasserball:Tief im Verborgenen

Ja, wohin denn? Die SG-Wasserballer treten sich im viel zu engen Anton-Fingerle-Bad auf die Füße - und die Zuschauer werden regelmäßig nass.

(Foto: Claus Schunk)

Zweitligist München kämpft um Aufmerksamkeit - und eine bessere Infrastruktur

In der Schlierseestraße, nicht weit entfernt vom Giesinger Bahnhof, tut sich eine kleine Einfahrt auf. Sträucher flankieren den schmalen Durchgang, eingequetscht zwischen einem Gebäude und einer Tiefgarage, der für Ortsunkundige leicht zu übersehen ist. Wer ihn doch durchquert, tritt in einen düsteren Hinterhof und stößt nach wenigen Metern auf eine Tür, hinter der sich eine Treppe ins Untergeschoss des tristen Gebäudes hinabschlängelt. Zwei weitere Türen versperren den Weg, ehe dann, tief verborgen im Anton-Fingerle-Bildungszentrum, plötzlich eine Schwimmhalle auftaucht. Viel zu klein eigentlich, um Spitzensport zu beheimaten. Doch wer in München Wasserball spielt, der nimmt, was er kriegen kann.

Gerade haben die Zweitliga-Wasserballer der SG Stadtwerke München, wegen Umbaumaßnahmen aus dem Olympiabad vertrieben, mal wieder dort ihr Quartier aufgeschlagen. Und die Zuschauer, die ihnen bis in den Keller der Schlierseestraße 50 gefolgt sind, sehen die SG so gut spielen wie lange nicht mehr. Am Sonntag haben sie den Rivalen aus Nürnberg 22:5 abgefertigt. Nur der SV Weiden steht in der Südstaffel der zweiten Liga vor München.

Dass sich eine junge, talentierte Mannschaft in einem Kellerbad entwickeln muss, versteckt vor der Öffentlichkeit, beschreibt ganz gut den Zustand des Wasserballsports in Deutschland. "Wir sind Kummer gewohnt", sagte Rainer Hoppe, der Abteilungsleiter Wasserball des Deutschen Schwimm-Verbands (DSV), neulich im Deutschlandfunk. Doch der Kummer ist gerade dabei, sich in Panik zu steigern - ausgelöst durch die Leistungssportreform des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Diese greift zwar erst schrittweise, doch die Verbände rüsten sich für die drohenden finanziellen Kürzungen. Der DSV stärkt seine Paradedisziplinen Schwimmen und Turmspringen - auf Kosten des Wasserballs. Momentan fehlt dort sogar das Geld, um einen hauptamtlichen Bundestrainer zu beschäftigen. "Das erinnert an die ehemalige DDR", kritisierte Hoppe, "1968 haben die sich vom Wasserball verabschiedet, weil die Wahrscheinlichkeit geringer ist, Medaillen zu gewinnen."

In München beobachten sie diese Entwicklung mit Sorge, wenngleich ihnen noch keine "direkten" Konsequenzen drohen, wie SG-Spielertrainer Ivan Mikic sagt. Weil der DSV in der bayerischen Landeshauptstadt keinen Wasserball-Stützpunkt unterhält, können dort auch keine Fördermittel gestrichen werden. Es sind jedoch die "indirekten Folgen", die Mikic fürchtet. "Wenn die Präsenz weiter wegfällt, dann können wir die Jugendlichen nicht mehr begeistern." Und der Nachwuchs, das betont Mikic, "ist unser Fundament".

Die SG-Wasserballer nehmen diesen Grundsatz, im Sport gerne mal dahingesagt, ziemlich ernst. Die Talente Anton Bander, 16, Stefan Kovacevic, 17, und Aaron Katona, 17, erhielten gegen Nürnberg auffällig viel Einsatzzeit. Der 16-jährige Filip Barisic durfte erstmals das Tor hüten. Die erste Liga würde die Jungen noch überfordern, doch in zwei, drei oder vier Jahren peilt die SG den Aufstieg an.

Um weiter Nachwuchs auszubilden und auf Spitzenniveau zu trimmen, bedarf es einer funktionierenden Infrastruktur, und da werden aus den indirekten Konsequenzen der Leistungssportreform auch in München direkte. Akut bleibt die Hallensituation. Als Notlösung geplant, scheint das winzige Anton-Fingerle-Bad derzeit fast alternativlos. Auf die Unterstützung der zum Sparen gezwungenen Verbände kann die SG in der Hallenfrage kaum hoffen.

Und auch im eigenen Verein wird jeder Zusatz-Euro umkämpft sein. Denn: Anders als beim Wasserball besitzt München einen olympischen Schwimmstützpunkt. Sollten dort Fördermittel entfallen, muss die SG selbst einspringen, um ihr elitäres Schwimmprogramm nicht zu schwächen. "Das könnte in München ein großes Problem werden", warnt Andreas Füchsl, Vorsitzender der SG Stadtwerke. Noch mehr Last käme auf den Hauptsponsor zu.

Die SG-Wasserballer ringen daher nicht nur mit der fehlenden Öffentlichkeit, sondern auch mit den Abteilungen im eigenen Verein. Sollten sie tatsächlich aufsteigen, müsste auch ihr Etat wachsen. "Dann würden wir alles tun", verspricht Füchsl, "es geht uns darum, Leistungssport zu fördern." Bis es soweit ist, werden die Wasserballer weiter nehmen, was sie kriegen können. "Und wenn wir im Freibad trainieren müssen", sagt Ivan Mikic, "dann ist das halt so."

© SZ vom 26.01.2017
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