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Volleyball:Zwischen Bauernhof und Bayern-Heim

Vier Wochen vor dem Saisonstart besetzt Herrsching die letzten Stellen. Das Team vom Ammersee will unter die Top Fünf.

Von Sebastian Winter, Herrsching

Ein bisschen traurig waren Herrschings Volleyballer schon, dass in diesem Jahr ein wesentlicher Teil ihrer Saisonvorbereitung ausgefallen ist. Der Dreikampf gegen die Münchner Eishockeyprofis und die 1860-Fußballer fiel ins Wasser: Wo keine Wiesn ist, können halt auch schlecht Bierfässer angezapft, Masskrüge gestemmt und Lebkuchen-Herzen bemalt werden. Die WWK Volleys hätten ihre Schmach der jüngsten beiden Jahre gerne wettgemacht, 2017 hatten sie den Gaudi-Wettbewerb letztmals gewonnen. Und sie hätten auch einen adäquaten Mann fürs Anzapfen gehabt: David Wieczorek, wuchtiger Armzug, 2,02 Meter groß.

herrsching volleyball audi dome

Herrschings WWK Volleys beim Testspiel gegen Aich/Dob (3:1) im ansonsten menschenleeren Audi Dome.

(Foto: GCDW/oh)

Wieczorek, 24, US-Nationalspieler, ist neben dem jungen, neuen Steller Justus Lembach das letzte Puzzleteil im Kader des Erstligisten, der am 17. Oktober ausgerechnet bei Wieczoreks bisherigem Klub Helios Grizzlys Giesen in die neue Saison startet. "Dave war schon vor seiner Zeit in Giesen auf meiner Liste, sein Potenzial ist sehr groß, er hat seine Stärken definitiv im Angriff und Block. Man muss in der Annahme und in Sachen Spielwitz aber noch sehr viel mit ihm arbeiten", sagt Herrschings Trainer Max Hauser, der zum zweiten Mal Nachwuchs bekommen hat, von München zurück nach Herrsching gezogen ist und temporär auf einem Bauernhof lebt, bis das eigene Häuschen fertig ist.

Deutschland - Frankfurt - 22.02.2020 / Volleyball - Hessen - 1. Bundesliga - Herren Saison 2019/2020 / United Volleys Fr; David Wieczorek Herrsching Volleyball

Neu in Herrsching: US-Nationalspieler David Wieczorek, 24, kommt aus Giesen.

(Foto: Marcel Lorenz/Imago)

Wieczorek ersetzt den früheren deutschen Nationalspieler Tom Strohbach, der die vergangene Saison wegen Arthrose im großen Zeh fast komplett verpasste, die Probleme klangen auch im Sommer nicht ab. Der Mann aus Chicago musste nach seiner Ankunft in Deutschland, wie auch sein Landsmann Jalen Penrose und der Kanadier Jori Mantha, erst einmal zwei Tage in Quarantäne und sich auf das Coronavirus testen lassen. Problematisch war für die drei Spieler aus Übersee auch, dass sie in der Heimat kaum trainieren konnten, weil alle Hallen gesperrt waren. Inzwischen hat sich Wieczorek auch mit der Unterstützung von Penrose und Mantha, die in der vergangenen Saison schon am Ammersee spielten, schon ein wenig in Herrsching akklimatisiert. Wie auch der erst 19-jährige Zuspieler Lembach vom Volleyballinternat Frankfurt, der den nach Unterhaching transferierten Benedikt Sagstetter ersetzt. Der serbische Blocker Dorde Ilic durfte erst vergangene Woche zurück zum Klub, nachdem es mit seinem Visum Probleme gegeben hatte.

Je 3:1 gegen Friedrichshafen und Österreichs Meister - der Anfang ist vielversprechend

Die Herrschinger starten nun mit einem Zwölferkader in die Saison, neben Wieczorek und Lembach sind die Blocker Iven Ferch (Mühldorf) und Luuc van der Ent (Eltmann) neu dabei, außerdem der erst 17-jährige Außenangreifer Laurenz Welsch, seit August deutscher U-18-Meister im Beachvolleyball. Die Schlüsselspieler sind alle geblieben - Kapitän und Zuspieler Johannes Tille, sein Bruder und Libero Ferdinand, sowie Außenangreifer Tim Peter. Das Team ist also eingespielt, die Säulen sind schon lange dabei, was Hauser für die neue Saison sehr optimistisch stimmt: "Ich erwarte ein ähnlich ausgeglichenes Feld wie im vergangenen Jahr, alle sind schlagbar, und ich denke schon, dass wir unter den Top Fünf landen können." Der VfB Friedrichshafen hat Herrschings Ambitionen bei einem Test in der vorvergangenen Woche schon zu spüren bekommen, den der 13-malige deutsche Meister mit 1:3 verlor.

Deutschland - Kriftel - 26.10.2019 / Volleyball - Hessen - 2 Bundesliga Süd - Herren Saison 2019/2020 / TuS Kriftel (rot; justus lembach herrsching volleyball

Zuspieler Justus Lembach, 19, war zuletzt in Frankfurt tätig.

(Foto: Marcel Lorenz/Imago)

Den bisherigen Etat kann der Klub laut Geschäftsführer Fritz Frömming nicht ganz halten, diese Saison müsse man mit "ein bisschen weniger" als den 600 000 Euro aus dem Vorjahr auskommen. Hinter den Zahlen steht ohnehin noch ein großes Fragezeichen, weil kaum planbar ist, mit wie viel Zuschauereinnahmen Herrsching rechnen kann. Für die Nikolaushalle hat der Klub inzwischen die Zusage, 20 Prozent der Hallenkapazität ausschöpfen zu können - was gerade einmal 200 Fans entspricht bei einem Fassungsvermögen von 1000 Besuchern. Und dann gibt es ja noch den Audi Dome, in dem Herrschings Volleyballer eigentlich im vergangenen April ihre Playoff-Premiere feiern wollten - die Nikolaushalle wäre dafür zu klein gewesen. Das Virus machte die Plane damals zunichte.

Inzwischen sind die Herrschinger für die kommenden drei Jahre reguläre Mieter in der Halle der FC-Bayern-Basketballer. Das erste Spiel gegen den deutschen Meister Berlin ist am 20. Dezember geplant. Acht Tage später schon soll am Münchner Westpark das nächste Duell gegen Giesen stattfinden, Mitte Januar sind die United Volleys aus Frankfurt im Audi Dome zu Gast, im März und April sollen dort Herrschings Playoff-Heimspiele stattfinden.

In der vergangenen Woche spielten die Volleys im Audi Dome gegen Österreichs Meister Aich/Dob und gewannen den Test 3:1, Tim Peter zeigte mit 16 Punkten und fünf Blocks die beste Leistung. Weitaus wichtiger noch für Herrsching: Der mehrstündige Aufbau funktionierte, samt neuer Stangen-Netz-Konstruktion, die mit schweren Metallplatten verankert wurde, da in den Boden keine Löcher gebohrt werden dürfen. "Ich war völlig überrascht, wie geil das alles aussieht", sagt Trainer Hauser, "die Halle ist wie für Volleyball gemacht." Die Sportart war dort zuletzt vor Jahrzehnten zu Gast, damals im Europapokal. Seither wurde in der Halle kein Volleyball mehr gespielt. "Ohne Zuschauer spielen wir dort aber nicht", macht Hauser hinsichtlich der wieder steigenden Corona-Zahlen klar. Die Kosten für Miete und Organisation wären schlicht zu hoch.

© SZ vom 24.09.2020

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