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Volleyball:Vom Ergebnis befreit

"Grundsätzlich war es heute das, was wir im Moment können": Trainer Patrick Steuerwald blickt beim Spiel gegen Berlin zerknirscht auf seine Taktiktafel, Jonas Sagstetter hält sich die Hände vors Gesicht.

(Foto: Claus Schunk)

Unterhachings Volleyballer bekommen bei ihrem Erstliga-Comeback gegen Meister Berlin deutlich die Grenzen aufgezeigt - und können gut damit leben.

Von Katrin Freiburghaus, Unterhaching

Ein rauschendes Fest war das Erstliga-Comeback der Volleyballer vom TSV Unterhaching als eigenständige Mannschaft nicht, allerdings hatte das auch niemand ernstlich erwartet. Nach 14-tägiger Quarantäne hatte das junge Team lediglich eine Woche lang trainieren können, die Zuschauerzahl war wegen der Hygieneauflagen auf 100 limitiert und der Gegner am Sonntag kein geringerer als der deutsche Meister Berlin Volleys. Spieler und Verantwortliche hatten sich deshalb schon vor dem 0:3 (12:25, 12:25, 13:25) bemüht, die Erwartungen zu dämpfen.

"Der Fokus liegt darauf, uns an das Niveau heranzuspielen", hatte Zuspieler Benedikt Sagstetter gesagt, "das lernt man, indem man von Topteams die Grenzen aufgezeigt bekommt." So gesehen hatten die Hachinger in Berlin, das mehr als doppelt so viele Punkte machte, dann doch den perfekten Auftaktgegner, nachdem das erste Spiel gegen Bühl wegen Hachings Quarantäne verschoben worden war. Die unerfahrne TSV-Mannschaft hielt dank einer konzentrierten Annahme in allen Sätzen jeweils bis zur ersten technischen Auszeit annähernd Gleichstand, danach zogen die Gäste schnell davon. Trainer Patrick Steuerwald fand dennoch "okay, was wir gemacht haben". Das Spiel habe Impulse fürs Training gebracht, "und grundsätzlich war es heute das, was wir im Moment können".

Sagstetter stand nach einer noch nicht vollständig verheilten Bänderverletzung im Sprunggelenk zwar im Kader, der 19-Jährige spielte aber nicht zu. Das erledigte Eric Paduretu, ehe er im dritten Satz von einem Angriff hart im Gesicht getroffen und vom erst 16-jährigen Severin Brandt vertreten wurde. Sagstetters Bruder Jonas war dagegen mit sechs Punkten noch der erfolgreichste Spieler in einer überforderten Angriffsabteilung. Steuerwald schockte auch das nicht. Das hohe Niveau am Netz könne man "im Training aktuell nicht simulieren" sagte er, "genau um das zu bekommen, spielen wir ja".

Während sich das Hachinger Low-Budget-Projekt für Talente wie Brandt fraglos auszahlt, weil sie sehr jung zu Erstliga-Einsätzen kommen, hatte die Verpflichtung von Coach Steuerwald, aber auch die der Sagstetter-Brüder, in der Szene aufhorchen lassen. Sie alle verdienen ja erklärtermaßen kein Geld mit ihrem Engagement und verschlechterten sich sportlich - zumindest, wenn man sportlichen Wert an Ergebnissen festmacht. Ihre Entscheidung für Haching zeigt aber, wie weit Außen- und Binnenwahrnehmung manchmal auseinanderliegen. Von außen betrachtet coachen respektive spielen sie für ein Team auf verlorenem Posten, das nach eigener Aussage darauf setzt, dass der Gegner einen schlechten Tag erwischt, und davon profitiert, dass niemand absteigt. Trotzdem sagt Jonas Sagstetter: "Das wird für mich und den Benni ein mega Jahr".

So etwas hört man derzeit ziemlich selten, denn die Corona-Lage macht langfristiges Planen unmöglich. Wer jedoch Ziele verfolgt, die von Ergebnissen befreit sind, kann ein solches Jahr durchaus für sich nutzen. Jonas Sagstetter spielte in der vorletzten Saison schon einmal in Unterhaching, als der TSV noch lizenzgebende Filiale der Alpenvolleys war - aber er spielte in der Startruppe eben nicht. Um das zu ändern, wechselte er zum Aufsteiger Eltmann, wo nach wenigen Wochen wegen gravierender Finanzlücken das Chaos ausbrach. Der Klub stand unter immensem Ergebnisdruck, weshalb der 21-Jährige auch dort weniger spielte als erhofft.

Dasselbe galt für seinen Bruder, der in Herrsching große Wertschätzung genoss, aber trotzdem keine Chance hatte, an Kapitän Johannes Tille vorbeizukommen. Denn auch Herrsching spielt ja längst nicht mehr einfach mit, sondern hat Ambitionen, die an Tabellenplätzen hängen. Man kann also sagen, dass beiden die Leistungsansprüche ihrer Teams im Weg standen - etwas, das in Unterhaching erstmal nicht passieren wird. Dort gehören sie zu den wenigen Erstligaerfahrenen und nehmen Führungsrollen ein. Auch Steuerwald stand als Co-Trainer der österreichischen Nationalmannschaft und in Friedrichshafen in prominentem Umfeld an der Linie, aber nicht in der Hauptverantwortung.

Für sie alle ist es eine Spielzeit, in der sie aus dem Schatten treten. Wenn auch mit der Aussicht auf kräftigen und andauernden Gegenwind. Denn die Niederlage gegen Berlin war zwar für sich genommen keine Standortbestimmung, die Art und Weise indes schon. Trotzdem bleibt Jonas Sagstetter bei seiner Einschätzung und nennt Unterhaching "einen der besten Schritte, die ich machen konnte".

© SZ vom 26.10.2020
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