Volleyball Lehren mit Risiko

"Er hat gemerkt, dass es heute nur geht, wenn er Verantwortung übernimmt": Tim Peter (Mitte) steigerte sich im Laufe der Partie gegen Rottenburg deutlich. Zuspieler Leon Dervisaj (hinten rechts) wurde sogar zum wertvollsten Herrschinger gewählt.

(Foto: imago/Oryk Haist)

Herrsching erkämpft sich drei Punkte gegen den Vorletzten Rottenburg. Während sich Kapitän Bauer eine Verletzung zuzieht, übernehmen andere die Führungsrollen.

Von Katrin Freiburghaus, Herrsching

Für Max Hauser begann das neue Jahr sportlich so, wie er es erwartet hatte, was zunächst jedoch weder für ihn noch für seine Erstliga-Volleyballer eine gute Nachricht war. "Eine junge Mannschaft in der Favoritenrolle - das ist immer schlecht", sagte der Trainer der WWK Volleys Herrsching, nachdem sie sich gegen den Tabellenelften aus Rottenburg zu einem 3:1 (29:31, 25:20, 25:21, 25:21) gequält hatten. Zwar sei er mit dem Ergebnis der Hinrunde, die Herrsching als Siebter abschloss, "sehr zufrieden", mit der spielerischen Leistung an diesem Abend dagegen "gar nicht".

Diese Einschätzung war Hauser während der Partie deutlich anzusehen. Herrsching hatte nicht ins Spiel gefunden, der 35-Jährige bereits nach zehn Punkten mit vor der Brust verschränkten Armen düster aufs Feld geblickt und diese Körpersprache ausdauernd beibehalten. "Wir haben von Anfang an nicht richtig konzentriert gespielt und nicht gemacht, was wir besprochen hatten", begründete er seine mäßige Laune, die durch den Ausfall von Mittelblocker Lukas Bauer zur Satzmitte noch schlechter geworden war.

Bauer war nach einem Block mit Diagonalangreifer Griffin Shields kollidiert. Er hatte sich noch eine Weile durch den ersten Satz geschleppt, beim Stand von 22:24 aber aufgegeben und seinen linken Schuh gegen Tapeverband und Eisbeutel getauscht; eine Diagnose steht noch aus. Bauers Vertreter Norbert Engemann, für den das Spiel der erste lange Bundesliga-Einsatz war, nahm Hauser allerdings als einen der Wenigen von seiner Generalkritik aus. "Das war stark von ihm, er hat unseren Kapitän ersetzt, ohne dass wir gleich riesig an Qualität verloren hätten", lobte er.

"Entweder wird er jetzt besser, oder wir verlieren": Trainer Hauser setzt Sushko unter Druck

Nachdem sich Herrsching von 22:24 auf 24:24 herangekämpft, weitere vier Satzbälle abgewehrt, den Durchgang aber trotzdem abgegeben hatte und im zweiten nicht signifikant besser zurechtgekommen war, hatte Hauser auch Shields und Zuspieler Johannes Tille vom Feld genommen und durch das Duo Nicholas West und Leon Dervisaj ersetzt. Zuspieler Dervisaj brachte mit einer starken Aufschlagserie inklusive zwei Assen frischen Wind, vor allem aber erstmals eine deutliche Führung (24:19) für die favorisierten Gastgeber. Dass Dervisaj später zum wertvollsten Herrschinger gewählt wurde, untermauerte Hausers Einschätzung, "dass es heute die Leute rausgerissen haben, die sonst nicht die Führungsspieler sind".

Allerdings ließ Hauser selbst zwei dieser Führungsspieler trotz durchwachsener Leistungen und Alternativen auf der Bank durchspielen. Der Grund? Weiterbildungsmaßnahmen. Außenangreifer Artem Sushko, auf dem hohe Erwartungen ruhen, der nach seinem Intermezzo in Südkorea aber noch nicht die Durchschlagskraft entfaltet, die sich die Herrschinger von ihm erhoffen, nahm sich Hauser in den Auszeiten immer wieder zur Seite, wechselte ihn aber nicht aus. Er fasste die Kurzbesprechungen so zusammen: "Ich habe ihm gesagt: Entweder wird er jetzt besser, oder wir verlieren." Sushko reagiert offenbar positiv auf Druck, denn er wurde besser, wenn auch nicht spielentscheidend. "Das hätte auch nach hinten losgehen können", räumte Hauser ein, "aber wir wollen die Spieler ja entwickeln."

Das gilt auch für Tim Peter, den zweiten Mann im Außenangriff, der wie Sushko 15 Punkte für sich verbuchte. Der 21-Jährige war in dem zerfahrenen Spiel neben Libero Ferdinand Tille eine Bank in der Annahme und verlässliche Anlaufstelle für beide Zuspieler. Doch auch mit ihm war der Trainer insbesondere in der Anfangsphase unzufrieden gewesen - auch ihn ließ er nachsitzen. Mit gutem Ausgang, wie er befand. Peter habe sich "reingefuchst und gemerkt, dass es heute nur geht, wenn er Verantwortung übernimmt".

Peter selbst, der in der vergangenen Saison sportlich einen beeindruckenden Sprung gemacht hatte und nun beim Übernehmen von Führungsaufgaben nachziehen soll, sah das ähnlich. "Es hilft mir dabei, besser zu werden, wenn ich es muss", sagte er und ergänzte: "Das war heute ein Pflichtsieg, und dafür war es zu knapp." Vor dem Hintergrund dieses Fazits wurde Hausers Konzept noch besser nachvollziehbar. Es entsprang nicht etwa ausgeprägter Risikobereitschaft, sondern einem nüchternen Blick auf die nächsten Ansetzungen. Die Duelle mit den Tabellennachbarn Bühl und Düren sind keine Pflichtsiege, angesichts der klaren Herrschinger Hinrundenniederlagen gegen die Spitzenteams aber womöglich trotzdem schon vorentscheidend im Kampf um die Playoff-Plätze. Die erzwungene Leistungssteigerung stand also gewissermaßen im Lehrplan.