Volleyball Illusionslos nach Berlin

„Stefan, sei nicht traurig“: Alpenvolleys-Trainer Chrtiansky ärgert sich mit seinen Spielern Niklas Kronthaler (M.) und Danilo Gelinski über die verpasste Chance, das Schlüsselspiel gegen Berlin zu gewinnen.

(Foto: Andreas Pranter/imago)

Nach dem 1:3 im Schlüsselspiel gegen den Titelverteidiger müssen die Alpenvolleys Haching in der Hauptstadt gewinnen, um doch noch eine Chance aufs Finale zu haben.

Von Sebastian Winter, Innsbruck

Florian Ringseis ließ es sich dann doch nicht nehmen, eine Nachspeise vom Buffet zu stibitzen, kleine Schälchen mit Kaiserschmarrn und Apfelmus gab es ja, das war dann doch zu verlockend für den vollbärtigen Libero der Hypo Tirol Alpenvolleys Haching. Ringseis aß sie am späten Mittwochabend mit einer Mischung aus Zufriedenheit und Erstaunen, nicht wegen ihres Geschmacks, sondern wegen des Spiels, das er zuvor erlebt hatte - dieses 1:3 ( (19:25, 19:25, 25:16, 18:25) im dritten Spiel des Playoff-Halbfinales gegen Berlin. "Ich persönlich bin zufrieden, wir verteidigen unglaublich und spielen unser stärkstes Spiel dieser Serie. Gerade deswegen ist die Niederlage so bitter, auch die Klarheit überrascht mich."

Der deutsche Meister war zu entschlossen gewesen an diesem Abend in der ausverkauften Innsbrucker Olympiahalle vor der Rekordzahl von 2400 Zuschauern - Dutzende hatten die Verantwortlichen wieder nach Hause schicken müssen, als eine Stunde vor Spielbeginn auch noch die 60 Restkarten an der Abendkasse vergriffen waren. Die Alpenvolleys spielten im dritten Satz wie vom anderen Stern, ansonsten aber so irdisch, dass Berlin sie ohne größere Schwierigkeiten in Schach hielt. Die Blocks waren diesmal ein ausschlaggebender Faktor, 13 gelangen den Berlinern, ganze sechs den Alpenvolleys, bei denen Kapitän Douglas Duarte da Silva einen ziemlich schwarzen Tag hatte. Alpenvolleys-Sportdirektor Mihai Paduretu fand die Spieler "sehr verkrampft, sehr nervös". Gegen den deutschen Meister und den "Messi des Volleyballs" - er meinte Berlins großartigen Zuspieler Sergej Grankin - "muss man den Abend genießen. Aber wir wollten zu viel. Ich habe schon beim Aufwärmen gesehen, dass Berlin lockerer ist."

Die Ansichten von Paduretu und Ringseis deckten sich nicht unbedingt, der österreichische Nationalspieler hatte den Abend durchaus genossen, eine solche Kulisse hatte es in Innsbruck ja ohnehin noch nicht gegeben bei einem Volleyballspiel. Aber Ringseis musste auch anerkennen, dass man es nun mit dem wohl stärksten Gegner zu tun hat, den es in der Bundesliga gibt, mit dem Meister der Jahre 2016, 2017 und 2018. "Wir sind an ihnen dran, aber sie gehen mit einer ganz anderen Erfahrung in diese Serie", sagte Ringseis.

Sein recht geknickt vor einem Gläschen Weißwein sitzender Trainer Stefan Chrtiansky fand noch einen anderen Faktor, der den Alpenvolleys gerade das Leben schwer macht und den schon Paduretu hervorgehoben hatte: "Berlin hat jetzt wirklich Selbstvertrauen, mit Grankin ist das eine ganz andere Mannschaft. Er verteilt die Bälle unglaublich gut."

Der russische Olympiasieger war erst Ende Januar von Dynamo Moskau in die Hauptstadt gewechselt, weil Volleys-Manager Kaweh Niroomand zuvor auch fehlende Hierarchie und Struktur im Team beklagt hatte. Am Mittwoch führte der 34-Jährige nicht nur den Alpenvolleys-Block ständig an der Nase herum, sondern ärgerte auch deren Annahme mit seinen variablen Sprungaufschlägen.

An diesem Samstag (17.30 Uhr/Sport 1) ist Spiel vier der bislang so hochklassigen Best-of-five-Serie in Berlin, der mit 2:1 führende Meister hat Matchball - für die Alpenvolleys endet im Falle einer Niederlage in der Hauptstadt die Saison. Eine Spielzeit im Übrigen, in der sie die meiste Zeit über Tabellenführer waren, diese Spitzenposition ganz am Ende aber an Friedrichshafen abgaben, das am Mittwoch ziemlich entspannt mit drei Siegen gegen Lüneburg ins Finale eingezogen ist. Die Alpenvolleys tragen daher selbst Schuld daran, dass sie bereits im Halbfinale dem Meister gegenüberstehen, sie hätten es einfacher haben und Friedrichshafen ins Duell mit Berlin schicken können. Zumal die Alpenvolleys selbst noch nie in Berlin gewonnen haben - in den bisherigen drei Vergleichen seit ihrem Wechsel 2017 aus Österreich in die Bundesliga verloren sie alle drei Auswärtsduelle, 1:3, 0:3 und 0:3.

Hannes Kronthaler, ihr General Manager, kennt die Statistik, und fliegt mit wenig Hoffnung aus Tirols Hauptstadt nach Berlin: "Man glaubt es manchmal nicht, aber ich bin schon auch Realist. Wir spielen jetzt unbeschwert, aber ich gehe nicht davon aus, dass wir gewinnen. Wir bekommen am Samstag die Bronzemedaille umgehängt." Am Mittwoch habe er sich noch mit Trainer Chrtiansky unterhalten, "der sah so traurig aus, aber ich habe nur zu ihm gesagt: ,Stefan, sei nicht traurig, wir müssen ja nächstes Jahr auch noch etwas zu tun haben.'"

Das auf drei Saisons angelegte Alpenvolleys-Projekt ist im Soll, nächste Saison soll der Finaleinzug gelingen - mit deutlich verändertem Personal, wie Kronthaler andeutet. Er hat die aktuelle Spielzeit offenbar schon abgeschlossen und bläst zum nächsten Angriff.