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Volleyball:"Das ist nicht mehr nachvollziehbar"

„Abgeschmettert“: Kapitän Roy Friedrich musste in der ersten Oktoberhälfte mit seinem Team in Quarantäne.

(Foto: Claus Schunk)

Hachings Volleyballer zeigen gute Ansätze in Bühl, verlieren aber auch ihr drittes Saisonspiel 0:3. Mehr ärgern sie sich über die Gesundheitsbehörden.

Von Sebastian Winter, Bühl/Unterhaching

Roy Friedrich hatte es sich bequem gemacht im Reisebus, es war kurz vor 23 Uhr am Donnerstag, Unterhachings Volleyballer fuhren gerade an Ulm vorbei in Richtung Heimat. Ein bisschen Zeit war also noch für den Kapitän, endlich einmal das zu schauen, wofür ihm zu Hause bei seiner Familie meistens ebendiese fehlt: "Star Trek - Deep Space Nine". 176 Episoden tragen die Serie über sieben Staffeln hinweg, es geht um eine in der Milchstraße befindliche Raumstation, um Wurmlöcher und um politische und religiöse Machtkämpfe, die sich Klingonen, Romulaner und Ferengi liefern. Weit weg ist das von Friedrichs sportlichem Alltag, was ihm vielleicht ganz recht ist, denn der besteht gerade darin, unter strengen Hygieneauflagen zu trainieren und in zuschauerlosen Hallen immer wieder 0:3 zu verlieren. "Generell ist das eine komische Situation", sagt Friedrich: "Ohne Publikum fehlt etwas. Und selbst wenn 150 Zuschauer da wären, käme keine richtige Stimmung auf."

Im badischen Bühl prangte am Donnerstag einsam ein Banner mit dem Kopf eines roten Bison-Büffels auf der Tribüne, Bisons, so nennen sich die Bühler ja, bei denen inzwischen die früheren Alpenvolleys-Spieler Niklas Kronthaler und Florian Ringseis angeheuert haben. Die Bisons hatten vergangenen Samstag völlig überraschend den Serienmeister Berlin 3:1 geschlagen, sie sind ebenso überraschend Tabellenführer, und so darf man es schon als Erfolg bezeichnen, dass sich die Hachinger beim dritten 0:3 (22:25, 19:25, 20:25) im dritten Saisonspiel energisch gegen die Niederlage stemmten. Zweimal 20 Punkte hatten sie jedenfalls weder in Berlin noch in Giesen erreicht. "Wir waren heute nah an einem Satzgewinn. Wegen fehlender Erfahrung und zu vieler einfacher Fehler reicht es bislang aber nicht", sagte Friedrich.

Im ersten Satz stand es mal 7:8, im dritten holten die jungen Hachinger einen Sechs-Punkte-Rückstand zwischenzeitlich fast auf. Jonas Sagstetter machte die meisten Punkte für sein Team (11) und die zweitmeisten des Spiels hinter Bühls Edvinas Vaskelis (18), Blocker Fabian Suck gelangen drei Asse - das sind positive Eckdaten. Ihnen gegenüber stehen Annahmefehler in Serie, zu wenig Druck und Konzentration im Aufschlag, taktische Mängel. All das, was völlig normal ist für ein Team, das im Schnitt 21,9 Jahre jung ist und in dem sechs Teenager spielen. "Wir sind immer wieder zurückgekommen, waren aber nicht konstant genug", sagte auch Trainer Patrick Steuerwald, "das spiegelt unseren aktuellen Leistungsstand wider."

Das Spiel war damit schnell abgehakt, die Stimmung im Bus nicht schlecht, manche spielten zusammen Karten oder duellierten sich beim Handyspiel. Aber man merkte auch, dass nach wie vor etwas in den Köpfen schwirrt, was nicht so einfach verschwinden will - die zweiwöchige Quarantänezeit in der ersten Oktoberhälfte, hervorgerufen durch den positiven Coronafall eines Hachinger Funktionärs bei der Mannschaftsvorstellung in der Bavaria Filmwelt am 1. Oktober. Zwar wurden alle Spieler in der Folge negativ getestet, doch die einsamen Tage haben im Team Spuren hinterlassen, auch beim 32-jährigen Erstliga-Haudegen Friedrich: "Die Quarantäne hat richtig reingehauen und uns sehr zurückgeworfen. Die Spritzigkeit ist während der zwei Wochen zu Hause flöten gegangen, die Abstimmung hat gefehlt, wir haben fast bei null wieder angefangen."

Gerade für manch jüngeren Spieler, der im Gegensatz zu Friedrich oder Steuerwald nicht mit Familie unter einem Dach wohnt, war es auch mental eine belastende Zeit. Das Nichtstun drückt ja irgendwann aufs Gemüt, wenn man vorher durch feste Trainingszeiten einen festen Tagesablauf hatte. "Benny Sagstetter durfte wegen der Quarantäne ja nicht mal in Behandlung", sagt Coach Steuerwald - Sagstetter war vor der Teamvorstellung umgeknickt und hätte dringend Physiotherapie benötigt.

Der Ärger der Hachinger erstreckt sich längst auch auf die Gesundheitsbehörden, die "alles abgeschmettert haben, was wir angefragt haben. Zum Beispiel, ob wir denn nicht innerhalb unseres Teams weitertrainieren dürfen nach dem ersten oder zweiten Negativtest", sagt Steuerwald: "Das ist nicht mehr nachvollziehbar. Da wird mit zweierlei Maß gemessen."

Die Hachinger regen sich auch aus folgendem Grund massiv auf: Während sie selbst als Profisportler 14 Tage in Quarantäne mussten, wurden bei Profifußballklubs, die weit engmaschigere Corona-Tests haben, samt Schnelltests, in vielen Fällen nur einzelne Spieler in Quarantäne gesteckt, nicht aber das gesamte Team.

Interessiert blickten die Volleyballer auch auf ihre Fußball-Nachbarn von der SpVgg, die Ende vergangener Woche einen Corona-Fall im Team hatten und das Spiel in Halle absagen mussten. Bereits am Montag waren sie nach dem ersten Negativtest plötzlich wieder im Training. Aus einem simplen Grund, wie eine Sprecherin des Landratsamtes München der SZ bestätigte: Der Positivtest hatte sich als falsch herausgestellt, die Quarantäne wurde deshalb aufgehoben.

© SZ vom 06.11.2020

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