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Turnen:Unterschlupf für Olympiasieger

Fabian Hambüchen

"Wenn du ihn nicht ausüben kannst, brennst du für deinen Sport": Fabian Hambüchen bringt sich in Form.

(Foto: Thierry Roge/dpa)

Wie Unterhachings Turner von Fabian Hambüchen profitieren - und umgekehrt.

Von Stefan Galler, Unterhaching

Zum Gruppenbild versammelt sich ein halbes Dutzend Nachwuchsturner, alle im Grundschulalter. Beim Zusammentreffen mit ihrem Idol zeigen sie nur wenig Scheu, einer spannt sogleich den Bizeps an, um Muskelpaket Fabian Hambüchen zu zeigen, dass er auch schon ganz schön stark ist. Ein anderer Bub, der sich für das Foto kein Lächeln abringen kann, bekommt einen Spruch vom Reck-Olympiasieger ab: "Du bist wohl zu cool für diese Welt?"

Dass in der Sportarena am Unterhachinger Utzweg alle recht gelassen mit der Anwesenheit des Stars umgehen, hat einen einfachen Grund: Hambüchen ist zurzeit ziemlich oft da. Der 29-Jährige absolviert seine Reha nach einer Schulteroperation Anfang März praktisch komplett in Unterhaching. Der TSV hat das bisher nicht an die große Glocke gehängt, vor allem um die Privatsphäre des Champions zu schützen. "Das finde ich sehr nett", sagt Hambüchen.

Er wohnt bei seinem Kumpel Jakob Paulicks, den er 2014 in der Bundesligamannschaft des KTV Obere Lahn kennen und schätzen lernte. "Wir kommen super miteinander klar, Fabi ist ein total bodenständiger Typ", sagt Paulicks, den Hambüchen kurz vor seiner Operation kontaktiert hatte: "Ich habe ihn gefragt, ob er von März bis August verfügbar ist, weil ich mich bei ihm einquartieren wolle", erzählt Hambüchen. Paulicks, dessen Vater Oskar der Turnsparte des TSV Unterhaching vorsteht, sagte zu, und mittlerweile sind die beiden Athleten ein perfektes Gespann: Der malade Olympiasieger bereitete seinen 27 Jahre alten Herbergsvater auf die deutsche Turnmeisterschaft im Juni in Berlin vor - prompt holte Paulicks überraschend die Silbermedaille. "Das war über alle Erwartungen hinaus", sagt Jakob Paulicks. "Ich bin als Student nicht so unterwegs wie die Leistungssportler, die täglich sechs Stunden trainieren. Das war ein Mega-Erlebnis." Hambüchen reagiert einmal mehr unprätentiös: "Ich habe ihn zum Vizemeister gecoacht, jetzt hebe ich wirklich langsam ab", sagt er und lacht.

"Ich habe Sie doch gerade erst verabschiedet", sagt Kanzlerin Angela Merkel - und staunt

Hambüchens Operation an der bereits vor den Spielen lädierten Sehne in der rechten Schulter fand bei Professor Ulrich Brunner in Hausham statt, seine Rehabilitation absolviert er nun bei Physiotherapeut Cyrus Salehi in Unterhaching. "Ihn hatte ich schon bei meinem Olympiasieg in Rio dabei, kenne ihn schon seit fast 20 Jahren", sagt der Turner, dessen Plan steht: "Ich bin schon wieder bei 80 bis 90 Prozent. Jetzt noch bis August Reha und Training, dann Urlaub in Los Angeles, und im Oktober geht es dann mit der Bundesliga wieder los, da habe ich voll Bock drauf." Denn: "Wenn du ihn nicht ausüben kannst, brennst du für deinen Sport."

Die Frage drängt sich auf: Bleibt es tatsächlich beim Ende seiner internationalen Karriere, das Hambüchen nach seinem Olympiasieg angekündigt hatte? "Wir sollten diese Gerüchte erst mal weglassen", sagt er. "Ich freue mich auf die Liga, weil es um Teamspirit geht und ich mit Kollegen turne, mit denen ich gemeinsam groß geworden bin." Wie solle er außerdem der Kanzlerin verklickern, dass er doch weiter auf Medaillenjagd geht? Am Dienstag traf er Angela Merkel beim Sommerfest des Stützpunkts Kienbaum in Berlin. "Ich habe am Reck einen rausgehauen", sagt er und meint eine besonders spektakuläre Übung. "Dann kam Frau Merkel und sagte: ,Aber Herr Hambüchen, ich habe Sie doch gerade erst verabschiedet.'"

© SZ vom 21.07.2017

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