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Turnen:Ein Berner für Oberbayern

Nicht ganz so hoch wie das Berner Münster, aber mit dem Scoresystem der Deutschen Turnliga vertraut: Noe Seifert, 20 Jahre jung, 1,63 Meter groß, verstärkt ab sofort das Turnteam Oberbayern.

(Foto: ATV/oh)

Der Schweizer Noe Seifert debütiert in Unterhachings Turner-Riege, bei Gegner KTV Ries wird dagegen der russische Top-Athlet Nikolai Kishkilev fehlen, weil er in einem Risikogebiet lebt.

Von Andreas Liebmann, Unterhaching

Es gibt da den Zytglogge, den Zeitglockenturm, eines der Wahrzeichen. Natürlich das Berner Münster, den höchsten Kirchturm der Schweiz. Und einen der weltweit ersten zehn Plätze in der Zufriedenheitsskala der Einwohner. Über Aargau ist etwas weniger bekannt, Burgen, Schlösser, fruchtbare Böden. Eigentlich gibt es aber auch nur drei wichtige Aspekte, die man über die Kantone Bern und Aargau wissen muss. Dass sich dort, erstens, der Trainings- und Wohnort von Noe Seifert befinden, einem jungen Schweizer Turner. Dass dieser Noe Seifert, zweitens, neuerdings im Zweitliga-Aufgebot von Exquisa Oberbayern steht, der Turngemeinschaft um den TSV Unterhaching. Und dass, drittens, beide Gegenden aktuell nicht als Corona-Risikogebiete gelistet sind. Letzteres hat den unschätzbaren Vorteil, dass Noe Seifert an diesem Samstag (18 Uhr) gegen die KTV Ries tatsächlich antreten dürfte. Und so ist es auch geplant.

Die Regeln sind streng in Unterhaching. Wer aus einem Risikogebiet anreist, darf die Halle nicht betreten, nicht mal, wenn er ein negatives Corona-Testergebnis vorzeigen kann. Zurzeit gilt das etwa für den Belgier Noah Kuavita, einen der wichtigsten Athleten der Vorsaison. Und ebenso für den Russen Nikolai Kishkilev, den die KTV Ries zurzeit als einzige ausländische Verstärkung im Kader führt. Deshalb, so sagt der Unterhachinger Turner Jakob Paulicks, könne er es "fast ausschließen", dass die Gäste am Samstag mit einem ausländischen Mehrkämpfer aufkreuzen. Vorausgesetzt natürlich, sie sind nicht auch noch auf die Schnelle in einem unbelasteten Teil der Schweiz oder Österreichs fündig geworden oder haben auf irgendeiner virenfreien Südseeinsel einen Weltklasse-Turner entdeckt und verpflichtet. Das hat Paulicks so nicht gesagt, sondern im Gegenteil betont, dass es eigentlich seiner Auffassung von Sportsgeist entspricht, wenn auch der Gegner in seiner bestmöglichen Aufstellung antreten darf. Aber zurzeit sind eben viele Dinge kompliziert.

Klar ist, dass die Oberbayern vor zwei Wochen mit einem 76:13-Erfolg ein eindrucksvolles erstes Schrittchen gemacht haben auf dem Weg zum eventuellen Aufstieg, während die KTV Ries sich mit 55:24 gegen die TG Allgäu durchsetzte. Wie wichtig ein ausländischer Legionär sein kann, zeigte das Vorjahresduell, als das Team Oberbayern ohne Verstärkung antreten musste, knapp mit 38:43 Punkten verlor und deshalb am Ende Dritter wurde hinter Meister Schiltach und eben der KTV Ries - für die Kishkilev an jenem Tag 16 Punkte holte und der Ungar Balasz Kiss weitere fünf. Wobei sich die Frage stellt, wie wichtig dem Gegner der Einsatz eines Legionärs und der angestrebte Mittelfeldplatz überhaupt sind in diesem besonderen Jahr, in dem die Südstaffel der Liga wegen der Pandemie zusätzlich in zwei Gruppen geteilt wurde und es keine Absteiger geben wird. Der Wettkampf in den Hachinger Trainingshallen wird wieder ohne Zuschauer stattfinden, aber im Livestream bei Sportdeutschland.tv zu sehen sein.

Mit Noe Seifert sind die Oberbayern nun noch ein Stück besser geworden im Vergleich zum Ligaauftakt vor zwei Wochen. Wenige Tage nach seinem Debüt wird der Schweizer seinen 21. Geburtstag feiern, er passe also ganz gut zum jungen Kader, sagt Paulicks, der Routinier. Er selbst hat gemeinsam mit Claudio Capelli, einem von Seiferts Trainern, einst beim FC Bayern geturnt, so kam der Kontakt zustande. Mit 1,63 Meter ist Seifert etwas kleiner als das Berner Münster, dafür arbeitet er gerade auf die EM-Qualifikation hin, weiß Paulicks, und freue sich über die Möglichkeit, in der Corona-Phase Wettkampfpraxis zu sammeln: "Es ist also eine Win-Win-Situation." Capelli kennt sich außerdem aus mit dem Wettkampf- und Scoresystem der Deutschen Turnliga, das für Neulinge oft irritierend ist, weil man nur für zwei der sechs Geräte eine Einturnphase bekommt und ansonsten auch mal recht spontan etwa zu einem Duell ans Pferd geschickt werden kann, je nachdem, wie der gegnerische Turner gerade abgeschnitten hat. "Das kann dann schon zu etwas Nervosität führen", weiß Paulicks, aber darauf werde Capelli Seifert vorbereitet haben.

"Wir sind optimistisch und wollen unser Potenzial abrufen", sagt Paulicks. Die Protagonisten des ersten Wettkampfs seien alle fit, nur der an der Schulter lädierte Jonas Olbrich soll möglichst geschont werden. Auch Paulicks selbst hatte zum Auftakt wegen pandemiebedingten Trainingsrückstands ausgesetzt; es werde besser, aber wenn es nicht nötig sei, wolle er abermals auf seinen Einsatz verzichten. Auch für die folgenden Wettkämpfe hätte das Team Oberbayern also immer noch Optionen. Paulicks lebt neuerdings in Stuttgart, die Corona-Fallzahlen dort sind hoch. Er dürfte aber antreten, wenn er wollte.

© SZ vom 22.10.2020

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