Triathlon Synchronisierter Spagat

„Du darfst den Kopf nie ausschalten“, sagt Mathias Flunger. Triathlon sei ein Sport „mit viel Taktieren“ – gerade auf Hawaii.

(Foto: Tobias Burger)

Der Münchner Mathias Flunger wechselt fließend zwischen Sport und Alltag. Bei seiner dritten Ironman-WM auf Hawaii will der 37-Jährige nach ganz vorne.

Von Tobias Wirth

Mathias Flunger sitzt vor einem Münchner Café. Er genießt die warmen Sonnenstrahlen, nippt an einer Tasse Cappuccino und erzählt von der Bucht von Kailua-Kona, wo er an diesem Samstag sein wird. Von palmengesäumten Straßen und tropischen Wassertemperaturen. Kurz: Es wirkt, als würde Flunger einem Freund beim gemeinsamen Kaffee gerade von seinen Urlaubsplänen vorschwärmen. Doch Mathias Flunger reist nicht der Erholung wegen nach Kailua-Kona. Die Kleinstadt an der Westküste Hawaiis ist jährlich der Austragungsort des wohl härtesten Sportwettkampfs der Welt, der Ironman-Weltmeisterschaft. Und Flunger nimmt dieses Jahr zum dritten Mal daran teil.

Der 37-jährige Münchner ist seit 20 Jahren Triathlet mit "Leib und Seele", wie er sagt. Nach vier Jahren Hawaii-Pause greift er nun wieder in den Kampf um die Krone des besten Amateurtriathleten ein. "Das Erlebnis auf Hawaii ist einfach unbeschreiblich und es ist etwas sehr Besonderes, überhaupt dabei sein zu dürfen", sagt Flunger beinahe ehrfürchtig. Denn bereits die Qualifikation bleibt für die allermeisten ein unerfüllter Traum.

Flunger qualifizierte sich gleich bei erster Gelegenheit: Nur einen Tag nach der Ironman-WM auf Hawaii im vergangenen Jahr nahm er am 15. Oktober am Ironman Louisville teil und wurde in seiner Altersklasse mit 287 Startern Erster - das Ticket nach Hawaii war gelöst. "Jeder der rund 2300 Starter in Hawaii muss sich mit einer Top-Platzierung bei einer Ironman-Veranstaltung im abgelaufenen Jahr qualifizieren. Man tritt also gegen die Besten der Besten an, der Respekt voreinander ist riesig", erklärt Flunger die Besonderheit des Wettkampfs auf Hawaii. Denn der Trainingsumfang eines Altersklassenathleten für einen solchen Erfolg ist so enorm, dass er dem eines professionellen Triathleten kaum nachsteht.

Es ist ein langer und beschwerlicher Weg, der den Schwaben aus seinem Heimatort Heiningen bei Göppingen bald nach München und schließlich auf die Triathlonstrecken der Welt gebracht hat. "In der Jugend war ich, wie viele Jungen, recht ballverliebt, ohne in festen Vereinsstrukturen zu spielen. Ein Schulfreund nahm mich dann mal mit ins Lauftraining. Das war mein erster Berührungspunkt mit dem Ausdauersport", erinnert sich Flunger. Es sollte nicht der letzte bleiben.

Nach dem Wehrdienst absolvierte er seinen ersten Triathlon und studierte in München Sportwissenschaft. Vor allem das Schwimmen sei damals die größte Herausforderung für ihn gewesen, aber auch Ansporn. Gemeinsam mit seinem Mitbewohner Thomas Freimuth, mittlerweile einer der weltbesten Langdistanz-Skilangläufer, nutzten sie die Studienzeit zu zahlreichen gemeinsamen Trainingseinheiten in der "Sportler-WG", wie Flunger sie nennt. Auch der Studienkollege Johannes Schuster, damals ambitionierter Mitteldistanzläufer im Bayernkader, "brachte mich läuferisch im Training auf ein ganz neues Level". Die harte Schule in München zeigte schnell Wirkung - noch während seiner Studienzeit wurde Flunger Mitglied im Triathlon-Bundesligateam seines Heimatvereins AST Süßen und professionalisierte seine Karriere. Die Zeit im Ligateam habe vor allem die nötige Wettkampfhärte für die späteren Langdistanzrennen geschult. "Vor allem die Flexibilität und Unabhängigkeit von festen Vereinsstrukturen" schätzt der Ausdauerathlet an seinem Sport. "Du kannst allein oder in der Gruppe trainieren, bist dein eigener Herr und für deine Erfolge total selbst verantwortlich."

Und davon hat der ehrgeizige Triathlet bereits einige gesammelt. Neben den zwei Teilnahmen auf Hawaii (Platz acht und zehn in der Altersklasse) stehen ein achter Gesamtplatz beim Ironman in Nizza 2014 und ein Sieg sowie ein fünfter Platz bei den Ironman-Europameisterschaften in Wiesbaden (2015) und Frankfurt (2013) zu Buche. Mit seinem langjährigen Mitbewohner und Trainingspartner Freimuth gründete Flunger zudem ein Unternehmen für Sportreisen und Trainingsplanung, das "Ausdauernetzwerk". Die beiden Talente schlüpften in die Rolle von Trainern und Geschäftsmännern und verlegten die Prioritäten zuletzt auf den Firmenausbau. "Wir haben im Sommer vor allem geführte Radtouren in den Bergen und im Winter Langlaufcamps im Programm", sagt Flunger. Darüber hinaus bieten sie mit ihrem Team individuelle Trainings- und Wettkampfplanung und -betreuung an. "Durch die sportliche Tätigkeit kann ich Beruf und Training auch ein Stück weit kombinieren", erzählt Flunger, der den letzten Radblock für die Ironman-Vorbereitung beispielsweise mit einer Pyrenäentour im September zusammenlegte. "Das ergänzt sich ganz gut, aber vor Hawaii muss ich mich vorrangig schon auf meine Vorbereitung konzentrieren. Da muss man einfach brutal intensiv trainieren." Im Optimalfall soll beim dritten Gastspiel auf Big Island ein Podiumsplatz her, eventuell gar der Amateur-Weltmeistertitel.

Das Radfahren bereite ihm wenig Sorgen. Seinen Fokus legt Flunger auf einen "soliden Marathon"

Trainer und Athlet, Geschäftsmann und Sportler: Die Grenzen in Mathias Flungers Leben sind fließend. Wie auch in seinem Sport, der gleich drei grundverschiedene Disziplinen vereint. Auf die Frage nach seinen Stärken nennt der Triathlet noch eine vierte maßgebliche Komponente: die Psyche. "Du darfst den Kopf nie ausschalten, Triathlon ist ein Sport mit viel Taktieren. Gerade auf Hawaii ist es entscheidend, sich seine Kraft stets gut einzuteilen und auf dem Rad nicht schon zu viele Körner zu verschießen", sagt Flunger. "Wer sich auf sein Gefühl verlässt, bezahlt das auf Hawaii teuer." Sein Tipp ist, "den Fokus auf einen soliden Marathon zu legen". Der Aufwand für eine minimal bessere Schwimmzeit sei ungleich größer als ein konstanter Temposchnitt auf den Beinen. "Beim Radfahren mache ich mir wenig Sorgen, als Bikeguide bin ich da mit meinen Touren ohnehin stets im Training", sagt der Trainer.

Auch einen direkten Trainingsauftakt gab es für seine Vorbereitung "eigentlich nicht". Nach der Qualifikation in Louisville stand zunächst eine Pause auf dem Programm. Im Winter machte der Unternehmer dann viele Langlauf-Camps mit. "Triathlon ist für mich sowieso generell eher eine Lebenseinstellung. Gesunde Ernährung und regelmäßiges Training sowie ausreichend Schlaf gehören für mich ohnehin zum Alltag. Dadurch verkürzt sich die Vorbereitungszeit." Dass das Konzept aufzugehen scheint, bewies der Sieg im Juni beim Tölzer Triathlon, Flungers erstem Wettkampf seit Louisville. Seitdem standen regelmäßig Intervall- und Koppelläufe auf dem Programm. Dazu lange Schwimmeinheiten und tägliches Stabilisationstraining. "Zusätzlich zu meiner beruflichen Tätigkeit circa zwölf Stunden die Woche", schätzt er das Trainingspensum ein. Dabei ist Konstanz in allen Bereichen erforderlich. Das passt sowohl zu seinem Sport als auch zu seinem beruflichen Werdegang.

Ein Leben für den Sport. Flunger scheint nicht permanent die Fronten zu wechseln, sondern einfach alle Aspekte seines vielschichtigen Daseins auf wundersame Weise abzustimmen und zu synchronisieren. Er sei ein Wettkampftyp, der sich gerne auf ein großes Ziel vorbereitet, sagt er. Er brauche in der Vorbereitung nicht ein Rennen nach dem anderen. Ihm gehe es vor allem um den Wettkampf mit sich selbst. Den geistigen. Und den mit den eigenen Grenzen. Und das nicht nur bis zur Ziellinie, sondern auch darüber hinaus. Die Rennen sind nur die Spitze des Eisberges.

"Wenn es aber nach Hawaii geht, ist die Aufregung natürlich da", sagt Flunger. "Die Spannung steigt mit jedem Tag, man sieht täglich neue Athleten eintreffen." Profis und Amateure akklimatisieren sich gemeinsam auf der Insel und treffen die letzten Vorbereitungen. "Das ist unbeschreiblich", wiederholt sich Flunger, wenn er an die besondere Atmosphäre in Kailua-Kona denkt. Und wirkt dabei fast wieder, als würde er bei einer Tasse Kaffee von einem anstehenden Urlaub schwärmen. Eine Woche zur Erholung will er sich tatsächlich gönnen. Danach.