Tölzer Löwen:Der Preis der Unabhängigkeit

Nach euphorischem Start wirkt das Team beim 2:9 in Frankfurt ausgezehrt. Während der Sponsor die DEL im Auge hat, scheint sich der Verzicht auf Kooperationspartner München zu rächen.

Von Johannes Schnitzler

Markus Berwanger ist zu beneiden. Er trainiert einen aufstrebenden Zweitligisten, der in ein paar Jahren, sobald das wieder möglich ist, in die DEL aufsteigen wird, er hat eine Reihe hochkarätiger Importspieler in seinem Kader und kann aus einem übervollen Reservoir schöpfen, denn die Tölzer Nachwuchsarbeit produziert so viele Talente, dass man sie glatt verkaufen müsste, wenn es denn im Eishockey so etwas wie Ablösen oder Ausbildungsentschädigungen gäbe. Kurz: Das Trainerleben von Markus Berwanger könnte sorgenfreier nicht sein. Theoretisch. Praktisch sieht's anders aus. Berwanger sagt: "Ich bin Realist."

Donnerstag vor einer Woche, Pressetermin beim Hauptsponsor. Cengiz Ehliz, ausweislich der Einladung "Visionär und Multi-Unternehmer", stellt vor, was er gerade so unternimmt, die Digitalisierung der Tölzer Arena etwa. Bargeldloser Zahlungsverkehr ist Ehliz' großes Thema, Bier und Bratwurst auf Karte. Das zweitgrößte: die Zukunft der Löwen. Und die soll mindestens so strahlend werden wie die Vergangenheit es war. Schließlich, das erwähnt Ehliz ganz beiläufig, war Tölz ja zwei Mal deutscher Meister. Dass das ein paar Jahre her ist, 56 respektive 52 Jahre, um genau zu sein, das ficht einen Visionär nicht an.

Im Gegensatz zu den Spielern (zu denen sein Neffe Yasin zählt) habe er auch die Niederlage der deutschen Nationalmannschaft im olympischen Finale gegen Russland (3:4 n.V.) noch nicht verkraftet, sagt Ehliz. Das Ziel müsse immer sein, den nächsten Schritt zu gehen. Für das Nationalteam heißt das: Gold. Und für die Tölzer Löwen? Ehliz grinst und schaut zu seiner Linken, wo Christian Donbeck sitzt, der Geschäftsführer der Tölzer Eissport GmbH, ein hemdsärmeliger Machertyp von üblicherweise kerngesunder Gesichtsfarbe. In diesem Moment aber wird selbst Donbeck ein bisschen blass. Er glaube, dass in und um Bad Tölz mit seinen 18 000 Einwohnern nicht das ökonomische Potenzial stecke für die DEL. Tölz tue gut daran, sich erst einmal in der DEL2 zu etablieren. Umso mehr - und damit kriegt Donbeck die Kurve - müsse man "Herrn Ehliz" für sein großzügiges Engagement danken.

Dass der Schritt, sich im Jahr zwei nach dem Aufstieg zunächst in der DEL2 zu etablieren, größer ausfallen könnte, das merken sie in Tölz gerade. Nach dem ersten Wochenende und sechs Punkten war die Euphorie groß, nach dem zweiten mit null Punkten habe er "ziemlich schlecht geschlafen", sagt Ehliz. Nun haben die Löwen eine Woche mit drei Spielen hinter sich, in denen sie gerade mal zwei Punkte holten, und allmählich dämmert es auch den Letzten, dass das Ziel Playoff-Teilnahme kein Selbstläufer wird. Und damit zurück in die Gegenwart, zur 2:9-Niederlage am Mittwoch bei den Löwen Frankfurt.

Frankfurt, sagt Markus Berwanger, "das ist nicht unsere Kragenweite". Wenn er sich die vier Reihen des Kollegen Matti Tiilikainen ansehe: "Wahnsinn." Tölz bot dagegen eine Mannschaft auf, die trotz der Saisonpremiere von Kapitän Philipp Schlager (nach Gehirnerschütterung) gerade einmal 16 Feldspieler umfasste. "Meine Abwehr ist, bis auf die Ausländer, im Schnitt 20 Jahre alt", sagt Berwanger. Tölz begann dennoch engagiert. Ein Fehlpass in der eigenen Zone ebnete Frankfurt allerdings früh den Weg zum 1:0 (5.). Tölz hatte danach Chancen, die beste durch Johannes Sedlmayr, der mit einem Penalty scheiterte (8.). Unter zunehmendem Druck leistete sich Tölz Strafzeiten, falsche Strafzeiten, so Berwanger, die dem Gegner nicht weh tun, sondern dem eigenen Team schaden. Nach 20 Minuten stand es 0:3, "und wenn du in Frankfurt 0:3 hinten liegst, ist es kaum möglich, noch einmal zurückzukommen". Nach 60 Minuten stand es 2:9 (0:3, 1:2, 1:4). Drei Tore für Frankfurt hatte Tim Schüle geschossen, der Anfang der Dekade als Förderlizenzspieler auch ein paar Mal für Bad Tölz aufgelaufen war. Kyle Beach (1:4/23.) und Andreas Pauli (2:9/59.) schönten das Ergebnis unwesentlich.

Angesichts des weiteren Programms - am Freitag gastieren die Löwen bei Titelverteidiger Bietigheim, am Sonntag (18.30 Uhr) empfangen sie Kaufbeuren - sieht der Tölzer Kader noch schlanker aus, als Donbeck ihn vor Kurzem selbst bezeichnete ("mit Sicherheit grenzwertig"), er wirkt schon jetzt regelrecht ausgezehrt. Das Debüt von Torjäger Lubor Dibelka (Innenbandverletzung) lässt auf sich warten, Verteidiger Niklas Heinzinger, mit 18 bereits Stammkraft, ist ein Kandidat für die U-20-WM im Dezember. "Das ist höchst, höchst anstrengend", sagt Berwanger. Umso hilfreicher wäre es, auf Förderlizenzspieler zurückgreifen zu können. "Ich finde es schade, wenn ich sehe, dass Tölzer wie Johannes Huß (Düsseldorf/Bad Nauheim, Anm. d. Red.) und Leon Hüttl (Köln/Frankfurt) gegen uns spielen oder ein Tobi Eder (München/Riessersee) in der Oberliga rumspringt", sagt Berwanger. Allerdings waren es die Tölzer, die eine Kooperation mit dem deutschen Meister EHC Red Bull München vor der Saison offiziell abgelehnt hatten.

Zweikampf zwischen Matthew Pistilli Loewen Frankfurt 36 links und Philipp Schlager EC Bad Toe; Eishockey

Läuft noch nicht rund: Kapitän Philipp Schlager (re.) feierte beim Tölzer 2:9 in Frankfurt (li. Matt Pistilli) seine Saisonpremiere.

(Foto: Eibner/Imago)

Man dürfe sich nicht von einem Partner abhängig machen und nur mit drei eigenen Sturmreihen in die neue Saison starten, sagte Geschäftsführer Donbeck Mitte Juli. "Bei allen Vorteilen, die sich aus einer Kooperation ergeben können, mussten wir schauen, was der Realismus für Bad Tölz ist." Tatsache ist: Tölz spielt derzeit nur mit drei Reihen, von denen nur jene mit Beach, Pauli und Stephen MacAulay konstant torgefährlich ist. Und für Zugänge fehlen offenbar die Mittel. "Ja", sagt Berwanger, "ganz klar", Verstärkung wäre schön. "Aber ich habe Vertrauen in die Geschäftsführung. Wenn man mir sagt, wir haben kein Geld dafür, muss ich das hinnehmen."

Seine Aufgabe sei es nun, die Mannschaft nach dem 2:9 in Frankfurt aufzurichten. Und was das Saisonziel betrifft: "Wenn alles passt und alle gesund bleiben, dann wäre der zehnte Platz ein Erfolg." Er sei ja Realist, sagt Berwanger.

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