bedeckt München

Tischtennis:Videogruß aus der Garage

"Sie will sich entwickeln": Emine Ernst soll für Schwabhausens Erstligamannschaft aufgebaut werden.

(Foto: ITTF / oh)

Der TSV Schwabhausen verpflichtet Emine Ernst. Die 17-Jährige ist eines der größten holländischen Talente und will Profi werden.

Von Andreas Liebmann, Schwabhausen

Der "weibliche Falck"? Diese Umschreibung bedarf wohl einer Erklärung. Mattias Falck ist Schwede, ein 29-jähriger, blonder Schlaks von 192 Zentimetern Länge und Zweiter der Tischtennis-Weltmeisterschaft von 2019 im Einzel. Neuerdings dient er also als Vergleichsmuster - für eine gewisse Emine Ernst, bei der es sich allerdings um eine 17-jährige, eher dunkelhaarige und nicht auffallend hoch aufgeschossene Holländerin handelt, die auch noch keine großen WM-Erfolge vorweisen kann. Immerhin: Beide spielen Tischtennis.

Natürlich hat sich Alexander Yahmed etwas bei diesem Vergleich gedacht, auch wenn er spontan und mit etwas Augenzwinkern vorgetragen war, aber dazu gleich: Emine Ernst jedenfalls wird für die kommende Saison zum Tischtennis-Bundesligisten TSV Schwabhausen stoßen. Eingeplant ist sie erst einmal für die zweite Mannschaft, aber mit dem Ziel, sie rasch für die erste aufzubauen.

Wie es mit der Drittligamannschaft genau weitergeht, ist ungewiss. Klar ist nur: "Sie ist uns wichtig."

Das Besondere an Mattias Falck ist, dass dessen Spielweise vielen Gegnern auch in der TTBL, der Tischtennis-Bundesliga der Männer, Schweißausbrüche bereitet, weil er auf seine rotationsreiche Rückhand setzt, während er auf der Vorhand mit einem Kurznoppenbelag nah am Tisch attackiert, der ihn unempfindlicher für gegnerischen Effet macht. An sich kein Hexenwerk, aber doch ein ungewöhnliches System, zu dem es vielen Gegnern an Erfahrung und vergleichbaren Trainingspartnern mangelt. Falck erzählt, er habe früher nie viel Spin in seine Vorhand bekommen, daher die Idee mit der Noppe. Emine Ernst jedenfalls hat, aus welchem Grund auch immer, einen ähnlichen Belag auf der Vorhand. Dass trotzdem nicht alles aussieht wie bei Falck, ist Trainer Yahmed bewusst, Emine Ernst steht beidseitig eng am Tisch und attackiert. Aber in Richtung des Falckschen Spielsystems könne man da einiges ausbauen, glaubt der Trainer. "Sie spielt sehr taktisch und aggressiv", hat er festgestellt.

Emine Ernst ist das stärkste Mädchen der Niederlande. Bei den Frauen taucht sie noch nicht in der Weltrangliste auf, ist nach Auskunft des Schwabhauser Abteilungsleiters Helmut Pfeil aber die Nummer vier ihrer Heimat. Das ist beachtlich und wohl eine Erklärung dafür, wieso der Verein diesen Wechsel bereits verkündet, noch während die alte Saison läuft. Wobei: Eigentlich läuft sie ja nur in der ersten Liga. Die dritte Bundesliga, in der Ernst künftig antreten soll, wurde Ende Oktober zunächst unter- und dann abgebrochen. Spielerinnen wie Eva-Maria Covaciu und Christina Feierabend durften weiter trainieren, weil sie zum Erstligakader hinzugezählt werden, wo sie jederzeit als Ersatz benötigt werden könnten. "Sie sind erfahren genug", glaubt Yahmed, um mit dieser Situation klarzukommen. Jüngere, die zum Teil nicht trainieren dürfen, oder die seit Herbst trainieren, ohne Punktspiele zu haben, die treffe die aktuelle Lage härter. "In diesem Alter braucht man Wettkämpfe", sagt Yahmed. Nicht nur in seiner Sportart werde die Pandemie alle "weit zurückwerfen".

Der Teenager wird künftig im schwedischen Halmstad und in Oberbayern trainieren

Wie es mit der Drittligamannschaft weitergehe, wisse man nicht genau, erzählt er, möglicherweise wollten die erstligaerfahrenen Covaciu und Feierabend kürzertreten. Also werde man das Team künftig um Emine Ernst und Sarah Diecke herum aufbauen, wobei der TSV viele Optionen hat. Auch aus der ersten Liga kann mal Verstärkung geholt werden. Denn: "Die zweite Mannschaft ist uns wichtig." Sie ist das Sprungbrett nach oben, ideal, um Talente an den Profibereich heranzuführen, solche wie Ernst, aber auch den heimischen Nachwuchs. Auch Covaciu, geborene Maier, ging einst diesen Weg, sie spielt übrigens sogar beidseitig mit kurzen Noppen.

Emine Ernsts Spielweise passt in eine Garage, das ist nicht nur so dahingesagt, weil sie eng am Tisch steht. Auf ihrer Facebook-Seite sieht man sie in einem Trainingsvideo mit ihrem Vater üben, "zurück in der Garage, in der alles begann", wie sie schreibt. Kaum Platz bis zu den Wänden. Corona-Training eben. Sie macht gerade ihr Abitur, in Lochem, Gelderland. Danach, weiß Yahmed, will sie erst einmal versuchen, alles auf Tischtennis zu setzen. Sie habe deshalb bewusst den Kontakt nach Deutschland gesucht, wird künftig im schwedischen Halmstad und im oberbayerischen Schwabhausen trainieren. "Sie will sich entwickeln, das passt gut zu uns als Ausbildungsverein, und sie passt gut in unsere junge Trainingsgruppe", sagt Yahmed. Ein Videotelefonat gab es, und natürlich habe er sich Videos von ihren Matches angeschaut. Normalerweise besteht der Trainer auf einem persönlichen Kennenlernen mit Probetraining, doch das sei nicht gegangen wegen der Pandemie. Was soll's, Falck kennt er ja auch nur von Videos.

© SZ/sewi
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema