bedeckt München
vgwortpixel

Tischtennis:Flieder blüht

Tischtennis Bundesliga

Mit ihr ist zu rechnen: Diese Botschaft ist Sabine Winter (hier im Doppel mit Mateja Jeger) gleich zu Saisonbeginn in Schwabhausen losgeworden.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Trotz ihrer 3:6-Heimniederlage feiern Schwabhausens Tischtennis-Frauen gegen Kolbermoor eine gelungene Rückkehr in Liga eins.

Das Fachpublikum in Reihe eins bewies ein ausgezeichnetes Gespür. Der euphorische Applaus war gerade verebbt, da sprach ein kleines Mädchen recht laut und entschieden zu seiner Sitznachbarin, mitten hinein in die Stille vor dem nächsten Ballwechsel: "Ich glaube, dass die Rosane gewinnt."

In diesem Moment war das noch eine mutige These. Die Spielerin in jenem Rosa, das unter Anwendung der allerstrengsten Maßstäbe vielleicht doch eher als Mix aus Magenta- und Fliedertönen bezeichnet werden musste, führte gerade 10:3. Allerdings war es der erste Satz, und knapp eine Woche zuvor hatte es dieses Duell im Ligapokal schon einmal gegeben - da hatte die Spielerin in Blau gewonnen, Lily Zhang, einer der Zugänge beim SV-DJK Kolbermoor, dem Titelaspiranten der ersten Tischtennis-Bundesliga der Frauen. Aber was soll man sagen? Einige Zeit später standen die beiden Mädchen auf und gingen nach draußen. Beim Stand von 2:1 in Sätzen und einer 8:3-Führung hatten sie vorerst offenbar genug gesehen. Die Rosane würde gewinnen. War ja klar.

Die beiden Mädchen waren noch nicht alt genug, um zu wissen, dass sie einer feierlichen Heimkehr beiwohnten. Sabine Winter, die deutsche Nationalspielerin, ist beim TSV Schwabhausen groß geworden, war mit ihm schon einmal in der ersten Liga, ehe sie nach Kolbermoor ging, wo sie sieben Jahre lang spielte - mehrmals mit einer der besten Ligabilanzen. Ihre Rückkehr hatte dann ihren Verein dazu bewogen, seinerseits in die erste Bundesliga zurückzukehren. Es war natürlich eine feine Sache, dass ihre erste Partie für Schwabhausen gleich das Derby gegen Kolbermoor war. Auch wenn es am Ende 3:6 verloren ging, waren alle zufrieden. Der Rückkehrer aus dem Landkreis Dachau wird sich an anderen Gegnern messen müssen als dem Vorjahreszweiten, der sich für die Fortführung des Zweikampfs mit Serienmeister Berlin neuerlich verstärkt hat. Aber das war vorher klar gewesen. Die Gastgeber konnten dennoch zeigen, dass sie in der ersten Liga konkurrenzfähig sind.

1231 Tage seien vergangen seit dem letzten Auftritt in Liga eins, rechnete Schwabhausens Abteilungsleiter und Hallensprecher Helmut Pfeil vor, doch es wäre gelogen gewesen zu behaupten, dass alles so war wie früher. Das sollte es auch gar nicht. Die Verantwortlichen hatten sich viele Gedanken gemacht, wie es gelingen könnte, mehr Zuschauer und Stimmung in die Halle zu bekommen. Sie sperrten die Empore, auf der sich die wenigen treuen Zuschauer in den vergangenen Jahren in kaum wahrnehmbaren Kaffee- und Kuchenkränzchen verloren, bestuhlten stattdessen großflächig die Halle, bewarben die Veranstaltung offensiv, und so fanden sich - auch dank der Gäste aus Kolbermoor - trotz Ausflugswetter und Wiesn-Eröffnung immerhin knapp 200 Zuschauer in der Heinrich-Loder-Halle, die riefen und pfiffen, die ihre Klatschpappen malträtierten und in engen Situationen mit rhythmischem Beifall halfen. Sabine Winter gab noch rasch ein Interview fürs Fernsehen, dann sagte sie strahlend: "Ich hoffe sehr, das wird so beibehalten, es hat sehr viel Spaß gemacht."

Rein sportlich war die große Überraschung schon kaum mehr möglich, nachdem zu Beginn beide Doppel verloren wurden. Die heimische Nummer zwei Mateja Jeger bekam den Unterschied zur zweiten Liga zu spüren, wo sie zu den Besten zählte, sie unterlag sowohl der US-Amerikanerin Zhang als auch der deutschen Nationalspielerin Kristin Lang, wobei sie in beiden Partien mit Satzgewinnen unterstrich, dass sie solche Kontrahentinnen durchaus auch bezwingen kann. Die 17-jährige Laura Tiefenbrunner, die im Doppel gegen die Abwehrpaarung Ding Yaping und Svetlana Ganina herausragend agierte, aber leer ausging, weil ihre Partnerin Alina Nikitchanka entscheidende Schüsse vergab, konnte dann im Einzel nur lernen. Der Routine ihrer 52-jährigen Gegnerin Ding hatte sie wenig entgegenzusetzen. Nikitchanka wiederum, Schwabhausens manchmal etwas wild wirkende Abwehrspezialistin aus Weißrussland, war nach den vergebenen Siegchancen im Doppel verkrampft, unterlag im ersten Satz auch der 17-jährigen Anastasia Bondareva. "Sie war völlig zu", schilderte Trainer Alexander Yahmed, "ich habe gesagt: ,Versuch zu atmen, Alina!'" Nikitchanka, 22, atmete, bezwang Bondareva und war dann auch gegen die legendäre Ding erstaunlich nah an einem Sieg. Ding, die mit einer unfassbaren Ruhe nah am Tisch verteidigt, die nie laufen muss, weil alle Bälle freiwillig dorthin fliegen, wo sie ohnehin gerade steht, und die ihre Schüsse derart souverän ansetzt, als wüsste sie drei Schläge vorher, wie der Ballwechsel sich entwickeln würde, musste schwer kämpfen. Nikitchanka wehrte sicher ab, griff mutig an, und Krisztina Toth, die Kolbermoors Cheftrainer vertrat, lobte: "Alina hat all ihre Möglichkeiten genutzt. Es ist schön, dass die Jungen es schaffen, die Älteren zu ärgern." Nur Nikitchanka selbst war nicht ganz zufrieden. Sie spiele gern gegen Abwehr, erklärte sie, schon bei ihrer Niederlage im Pokal habe sie erkannt, dass sie Chancen habe. Und dann ergänzte sie, dass sie doch erstaunt sei, wie die mehr als doppelt so alte Gegnerin bisweilen fast gelangweilt und bis zuletzt frisch gewirkt habe, während sie selbst sich völlig verausgabt habe.

Toth war vor allem von Sabine Winter beeindruckt. Die bezwang nach Zhang auch ihre langjährige Wegbegleiterin Kristin Lang, mit der sie mal Doppel-Europameister war, und der sie seit Jahren fast immer unterlag, sogar im Training. 11:6, 4:11, 11:5, 11:4. "Viel besser geht es nicht", lobte Toth. "Sie wollte heute sicher zeigen, dass mit ihr weiter zu rechnen ist." Winter, die ihren Lebensmittelpunkt vorübergehend wieder nach Bayern verlegt hat, die vor allem international kürzertritt und nun regelmäßig und intensiv mit Yahmed üben kann, grinste noch lange nach dem Spiel. Sie verriet, dass ihr Trainer eigens für das Duell Spielzüge mit ihr geübt habe, die sie "so vorher nie gespielt" hat. "Es kann einen großen Unterschied machen, wenn man einen guten Trainer dabeihat", sagte sie. Das war tatsächlich fast wie damals, vor acht Jahren.