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Wuchtig zugeschlagen: Oscar Otte, 1,97 Meter groß, gewann erst gegen Cedric-Marcel Stebe und am Mittwoch gegen Maximilian Marterer.

(Foto: Claus Schunk)

In Oscar Otte gewinnt der einzige Finalist, der nicht an der Base in Oberhaching trainiert, beide Spiele in Großhesselohe und ist nun Favorit beim Turnier der DTB German Pro Series.

Von Ralf Tögel, Pullach

Und plötzlich flog ein Ball vom Nebenplatz auf das Feld. Eigentlich keine nennenswerte Begebenheit im Tennis, in diesem Fall aber kann sie beispielhaft für die außergewöhnlichen Umstände stehen. Auf dem Centercourt des TC Großhesselohe duellierten sich gerade der Davis-Cup-Spieler Cedric-Marcel Stebe und Yannick Hanfmann, beide zählen zu den besten Profis, die Deutschland zu bieten hat. Auch der Wettbewerb war elitär, es war Tag zwei des Männer-Finalturniers der DTB German Pro Series, nach einer Vor- und einer Zwischenrunde war erneut der Klub am Isarhochufer Gastgeber. Und natürlich wird auch das Finale unter strengen Hygienemaßnahmen ausgetragen. So musste Hanfmann den störenden Ball einsammeln - Ballkinder sind keine erlaubt.

Damit hatte er ebenso wenig Probleme wie mit dem Match, das die Nummer 134 der Welt gegen seinen zehn Plätze besser notierten Kumpel mit 6:4 und 6:1 gewann. Womit sich der 28-Jährige im Rennen um den ersten Titel, den der DTB nach der Corona-Pause vergibt, zurückgemeldet hat. Sein erstes Match gegen Maximilian Marterer (ATP 376) hatte er trotz 4:1-Führung im zweiten Satz noch aus der Hand gegeben und mit 7:6, 6:7 und 1:6 verloren. "Komisch" sei das schon, erklärte Hanfmann nach seinem Sieg, denn weil auch Marterer an der Oberhachinger Tennisbase beheimatet ist, hat er bisher nur gegen Trainingspartner gespielt, man kenne sich aus dem Effeff. "Cedi war ein bisschen angeschlagen heute", nahm Hanfmann seinen Partner nach dem klaren zweiten Satz in Schutz. In der Tat merkte man Stebe einen Trainingsrückstand an. Bis zum Endspiel des Halbfinalturniers in Meerbusch war er sehr stark aufgetreten, dann knallte er sich den Schläger auf sein Knie, musste auf das Finale verzichten und konnte in der vergangenen Woche nicht trainieren.

Dennoch bot der 29-Jährige dem befreundeten Kontrahenten einen großen Kampf im ersten Satz, musste sich dann aber zusehends den wuchtigen Grund- und harten Aufschlägen von Hanfmann geschlagen geben. Auch Stebe hatte sein erstes Match verloren, er unterlag Oscar Otte (ATP 217) in drei Sätzen und ist damit schon fast aus dem Rennen. Als Hanfmann die "komischen Umstände" ansprach, meinte er nicht nur die bestens bekannten Gegner, für einen Tennisprofi sei derzeit nichts normal. "Ich glaube aber, ich habe einen ganz guten Weg gefunden, die Emotionen, die sonst von den Zuschauern kommen, in mir selbst zu finden." Anfangs habe er sich noch schwergetan, so Hanfmann, denn "im Normalfall spielst du nach einer Niederlage nicht gleich am nächsten Tag". Er sei daher "etwas schwer" ins Spiel gekommen, habe dann aber bald seinen Rhythmus gefunden und schließlich "wirklich gut gespielt".

Komische Umstände: In Stebe, Hanfmann und Marterer sind drei Spieler Trainingspartner

Die Spiele finden erneut unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, Zuschauer sind bei Sportveranstaltungen in Bayern nach wie vor nicht erlaubt. Zwar konnte der TC Großhesselohe mit einem Kniff 200 Vereinsmitgliedern einen Platz anbieten, doch es tummelten sich nur etwa 50 Tennisfans auf der Tribüne. Möglich war das, weil der TCG das Turnier bei der Gesundheitsbehörde als Privatveranstaltung angemeldet hatte, für solche sind im Freien 200 Teilnehmer erlaubt. Zwischenzeitlich hatte diese Zahl beim Verband Irritationen ausgelöst, was aber schnell aufgeklärt wurde, wie Pressesprecher Robert Frank erklärte: "Es ist genehmigt und behördlich abgesegnet."

Im zweiten Match des Tages verlor Marterer gegen Otte, den einzigen Teilnehmer, der nicht in Oberhaching trainiert. Der Kölner war zwei Tage vor Turnierbeginn angereist, um sich zu akklimatisieren, wie er erzählte. Denn der Höhenunterschied zwischen seiner Heimatstadt Köln und der Anlage in Pullach sei nicht zu unterschätzen. Was den Laien oder Amateur verwundern mag, spielt für Profis auf diesem Niveau ein Rolle. Der Luftdruck ist höher, die Bälle schneller und damit schwerer zu returnieren, was dem 1,97 Meter großen und sehr starken Aufschlagspieler Otte entgegen kam. Marterer mühte sich nach Kräften, musste sich aber letztlich in zwei Sätzen mit 4:6 und 2:6 geschlagen geben. Otte ist nach zwei Siegen Favorit in dem mit 20 000 Euro dotierten Turnier, in dem jeder gegen jeden spielt. Hanfmann, der gegen Otte antreten muss, und Marterer (gegen Stebe) haben je einen Sieg, somit ist rein rechnerisch vor dem letzten Tag, selbst für den bisher sieglosen Stebe, noch etwas möglich.

© SZ vom 23.07.2020

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