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Tennis:Hart besaitet

Challenger ATP Sopot Open in Gdynia, Poland - 31 Jul 2018

Rückschläge gehören dazu: Bei den Sopot Open in seiner Heimat Polen scheiterte Kamil Majchrzak am Dienstag in der ersten Runde 6:7 (2), 1:6 an dem Argentinier Pedro Cachin.

(Foto: Adam Warzawa/Epa-Rex/Shutterstock)

Der Pole Kamil Majchrzak will nach oben: mit dem TC Großhesselohe in die erste Liga und in der Weltrangliste. Dass der 22-Jährige Talent besitzt, zeigte er vor zwei Jahren, als er seinen Teamkollegen Florian Mayer schlug.

Pullach - Als der letzte Ball im Match gespielt war, schlug sich Kamil Majchrzak mit seinem Schläger zuerst an die Stirn, einmal, zweimal, viermal. Das tat weh, und es sollte wehtun. Es war die typische Geste eines Verlierers. Um die Schmerzen aber zumindest ein wenig abzufedern, nahm er bei seinem bisher letzten Auftritt gegen den TC Amberg nicht den Rahmen seines Rackets, um sich selbst zu züchtigen, sondern die Bespannung mit den Saiten. Dass er sich derart selbst malträtierte, verwunderte die Zuschauer aber doch, der Zweitligaspieler des TC Großhesselohe hatte den letzten Ballwechsel gegen den Österreicher Gabriel Schmidt nämlich für sich entschieden, er hatte die Partie gewonnen, sogar klar in zwei Sätzen. Mit seiner wilden Geste wollte er demonstrieren, "dass ich das Match viel früher hätte beenden können", wie er es später formulierte.

Majchrzak, aus dem polnischen Piotrkow, will seine Spiele nicht einfach nur irgendwie gewinnen. Er will überzeugend gewinnen. Und das gelang ihm zuletzt gegen Amberg nicht so, wie er sich das vorstellte. "Ich muss meine Konzentration bis zum Schluss hochhalten", sagte er.

Majchrzak ist ein aufstrebender, ziemlich begabter Profi, der sich nichts vormacht, aber noch viel vorhat. Der 22-Jährige will eines Tages zu den besten 100 Spielern gehören, auf den großen Plätzen vorspielen, in Melbourne, Paris, Wimbledon, New York. Das ist ein ambitioniertes Unterfangen, aber kein aussichtsloses. Er bringt viel mit von dem, was man braucht, um in die Weltklasse vorzustoßen. Er bewegt sich gut, seine Grundschläge sind hart und platziert und er kann Ballwechsel auch vorne am Netz abschließen. Für sein Alter spielt er ein variables, routiniertes Tennis.

Das hat auch Christopher Kas mitbekommen, der beim TC Großhesselohe als Teammanager für die Kaderplanung zuständig ist. "Ich kannte Kamil nicht persönlich, habe aber viel Positives über ihn gehört", sagt der frühere deutsche Davis-Cup-Spieler. Also überzeugte er den Polen davon, sich dem ehrgeizigen Zweitligisten anzuschließen. "Ich war gleich von der Vision des Klubs angetan", erzählt Majchrzak. Die Vision sieht vor, dass der TCG, der die Tabelle mit 10:0 Punkten anführt, in der nächsten Saison in der ersten Liga spielt. Die Beletage des deutschen Tennis kennt Majchrzak schon, im vergangenen Jahr schlug er für den Gladbacher HTC auf.

Für Großhesselohe will er so häufig wie möglich auflaufen. "Die Mitspieler, die Zuschauer und Mitglieder sind alle sehr nett hier", findet der Rechtshänder vor seinem nächsten Auftritt an diesem Freitag (13 Uhr) zu Hause gegen Ludwigshafen. Wie viele Spiele es am Ende werden, hängt auch davon ab, wie erfolgreich er sich in seinem Alltag auf der Tour bewegt. Als Weltranglisten-197. ist er vornehmlich auf der zweitklassigen Challenger-Ebene unterwegs. Über kleinere Turniere will er so viele Ranglistenpunkte wie möglich sammeln, damit er irgendwann auf der großen Tour in den Hauptfeldern mitmachen darf. Die Turnierplanung führt ihn dabei auch in Gegenden des Planeten, die man nicht zuerst mit Tennis in Verbindung bringt. In der vergangenen Woche zum Beispiel flog er nach Helsinki, um dann mit dem Zug weiter nach Tampere in den Süden Finnlands zu reisen. Jungprofis wählen bewusst eher exotische Turnierplätze aus, weil dann die Wahrscheinlichkeit höher ist, dass sie auf schwächere Gegner treffen. Denn es geht vor allem darum, möglichst viele Matches zu gewinnen, um das Punktekonto zu vermehren, Geld spielt da noch eher eine untergeordnete Rolle. Im Mai dieses Jahres hatte Majchrzak nach zwei Halbfinalteilnahmen sein bisher höchstes Ranking mit Platz 181 erreicht.

Verschiedene Verletzungen haben seinen Aufstieg immer wieder jäh gestoppt. Mal rissen die Bänder in beiden Sprunggelenken, ein anderes Mal streikte der Rücken oder das Knie. "Ich bin inzwischen schmerzfrei, aber ich muss vor allem meine Physis verbessern", sagt er. An seiner Athletik und an seinen Schlägen wie dem Aufschlag oder der Vorhand feilt er vor allem mit Tomasz Iwanski, einem der bekanntesten Trainer Polens. "In seinem Camp habe ich gute Bedingungen", sagt Majchrzak. Bisweilen vermisst er aber die passenden Sparringspartner. Deshalb ist er froh, wenn er ein paar Tage in Großhesselohe verbringen darf. Hier kann er dann unter anderem mit Florian Mayer trainieren, der in Wimbledon zweimal im Viertelfinale stand - und den er 2016, im Davis-Cup-Relegationsspiel in Berlin, in vier Sätzen schlug. Es war der Ausgleich zum 2:2, die Deutschen hatten 2:0 geführt, ehe Jan-Lennard Struff das erlösende 3:2 zum Klassenerhalt gelang. Mayer, damals 32, erklärte danach seinen Rücktritt aus dem Davis-Cup-Team.

Ganz unbekannt sind auch für den Polen die Plätze in London oder New York nicht. In den Juniorenwettbewerben durfte er da schon mitmischen. Überaus erfolgreich sogar. Die Doppelkonkurrenz bei den US Open beendete er 2003 als Sieger, bei den Olympischen Jugend-Spielen in Nanjing ein Jahr später gewann er im Einzel. "Aber", sagt Kamil Majchrzak, "Jugend- und Männertennis sind zwei unterschiedliche Sportarten." Schon der Einstieg in die unterste Profitour auf der Future-Ebene ist hart und wenig freudvoll: "Die Spieler sind alle so abgezockt und erfahren." Er weiß, dass er auf dem Weg nach oben Geduld braucht, "aber die gehört nicht gerade zu meinen Stärken".