Tennis Aufbruch ins Abenteuerland

Eine höhere Returnquote und mehr Konstanz, so lauten die Nahziele von Kevin Krawietz (rechts) und Andreas Mies, hier bei ihrem Auftritt in Wimbledon 2018.

(Foto: Juergen Hasenkopf/imago)

Mit Andreas Mies hat Kevin Krawietz den ersten Doppel-Titel auf der ATP-Tour gefeiert. Gemeinsam wollen sie nun durchstarten. Aber auch mit dem TC Großhesselohe hat Krawietz viel vor.

Von Matthias Schmid

Ein Tennisprofi eignet sich im Lauf seiner Schaffenszeit gewisse geografische Kenntnisse an. Das hat auch Kevin Krawietz erfahren. Sein Beruf hat den Bundesligaspieler des TC Großhesselohe schon in die entlegensten Winkel des Planeten geführt. Er kennt nicht nur Städte, die ein Tourist im Leben niemals besuchen würde, er weiß zum Beispiel auch, dass New York wie Neapel auf dem 40. Breitengrad liegt. Doch zuletzt überraschte ihn der Temperaturunterschied dann doch, als er von New York City nach Delray Beach flog. In New York hatte er noch in der Halle aufgeschlagen, bei Außentemperaturen um den Gefrierpunkt, um dann plötzlich im Hochsommer Floridas zu landen und bei 30 Grad Celsius unter freiem Himmel zu spielen. "Das war schon eine große Umstellung", erzählt Krawietz.

Mit seinem Doppelpartner Andreas Mies aus Köln ist der 27-Jährige gerade auf großer Entdeckungstour. Alles ist neu und aufregend für die beiden. Sie stellen sich nun auch auf den größeren Bühnen der Profitour vor, nachdem sie sich im vergangenen Jahr noch vornehmlich auf der zweitklassigen Challenger-Ebene bewegt und dort fünf Turniersiege gefeiert hatten. Die Eingewöhnung fällt ihnen nicht allzu schwer, wenn man auf die nackten Resultate blickt: Das 250er-ATP-Turnier im Nassau Veterans Memorial Coliseum von Long Island, der Heimstatt des Eishockeyklubs New York Islanders, haben Krawietz und Mies als Gewinner der Doppelkonkurrenz verlassen - ohne im Wettbewerb einen einzigen Satz abzugeben. "Es könnte kaum besser für uns laufen", sagt Krawietz. Dass sie gleich den Sieg holen und sich so einen Namen in der Weltklasse erwerben würden bei ihrem erst dritten gemeinsamen Auftritt auf der ATP-Tour, hätten auch sie nicht erwartet. "Aber wir haben sehr gut gespielt", fügt der gebürtige Coburger hinzu, "und das Level ist ähnlich wie bei den Challenger-Turnieren auch."

"Unser nächstes Ziel muss sein, dass wir in die Top 20 vorrücken."

Es sind Kleinigkeiten, die auf diesem Niveau über Sieg und Niederlage entscheiden. Nach dem Erfolg in New York verbesserte sich Krawietz in der Doppel-Weltrangliste auf Rang 50, er ist damit hinter Davis-Cup-Spieler Jan-Lennard Struff der zweitbeste deutsche Profi. Wie nah Krawietz und Mies schon an der Weltspitze sind, haben sie dann im tropischen Delray Beach hautnah erleben dürfen. Mike und Bob Bryan standen ihnen da gegenüber: Das Brüderpaar gehört zu den besten und erfolgreichsten Duos der Welt. 16 Grand-Slam-Titel haben sie feiern dürfen und viele Jahre die Weltrangliste angeführt. "Gegen sie bekommt man kaum Chancen", sagt Krawietz, der sich mit Partner Mies nach verlorenem ersten Satz (6:7) dennoch im zweiten Durchgang bei einer 5:4-Führung zwei Breakbälle erspielen konnte, die gleichbedeutend mit zwei Satzbällen waren. Doch die Bryans wehrten sie ab und gewannen im Tiebreak 7:6. Krawietz imponiert vor allem, wie geschickt sie ihre Platzhälfte abdecken und sich so geschmeidig vorne am Netz bewegen, dass sich kaum Lücken ergeben, um den Ball an ihnen vorbeizuspielen. "Das sieht auch optisch sehr eindrucksvoll aus", schwärmt Krawietz. Ihr Premierensieg auf der ATP-Tour hat natürlich Begehrlichkeiten geweckt, sie wollen nun regelmäßig bei den Masters- und Grand-Slam-Turnieren mitmischen.

Im vergangenen Jahr hatten sich Krawietz und Mies in Wimbledon schon mal aus der Qualifikation in die dritte Runde vorgespielt. Inzwischen träumen sie davon, bei einem Major auch mal im Halbfinale dabei zu sein. "Unser nächstes Ziel muss sein, dass wir in die Top 20 vorrücken", sagt Krawietz. Sie wollen bei den großen Turnieren nicht nur Zuschauer bleiben, sondern aktive Stammgäste werden. Er und Mies harmonieren auf dem Platz sehr gut, beide sind exzellente Aufschläger. Während der Franke Krawietz eher der ruhigere von beiden ist, geht der Westfale Mies mehr aus sich heraus und spielt emotionaler. Gemeinsam wollen sie nun an ihren Schwächen arbeiten, "wir müssen eine höhere Returnquote erreichen", erklärt Krawietz, "und wir müssen konstanter über das gesamte Jahr spielen."

Anders als Mies verfolgt Krawietz dabei noch ein anderes Ziel: Er will auch im Einzel vorankommen, was er bereits mehr als ordentlich spielt. Im vergangenen Dezember führte ihn der ATP-Computer auf Rang 211, seine bisher höchste Platzierung. Obwohl er nun ein paar Plätze zurückgefallen ist, hofft er, dass er es unter die besten 200 schafft. Alle spielerischen Anlagen bringt er dafür mit. Aus diesem Grund haben sich Mies und er in der vergangenen Woche getrennt - nur vorübergehend natürlich. Für Krawietz nämlich hatte sich kurzfristig die Möglichkeit aufgetan, beim 500er-Turnier in Acapulco in der Einzel-Qualifikation mitzumachen, diese Chance wollte er sich nicht entgehen lassen. Auch wenn er in der ersten Runde das Nachsehen hatte, ist sein Plan, in Paris und Wimbledon sowohl im Einzel auch im Doppel anzutreten. In Melbourne zu Beginn des Jahres war er schon mal in diesen Genuss gekommen.

Seine besonderen Fähigkeiten als Allrounder machen ihn natürlich auch als Stammspieler in der Bundesliga unentbehrlich. Nach dem Aufstieg im vergangenen Sommer hat der TC Großhesselohe in der Beletage viel vor. "Wir haben eine sehr gute Mannschaft", findet Krawietz mit Blick auf die einheimischen Zugänge Peter Gojowczyk und Daniel Brands. "Wenn die ersten Spieltage gut für uns laufen, ist alles möglich." Sogar der Titel.