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Synchronschwimmen:Nixen auf dem Trockenen

Die Münchnerin Marlene Bojer wollte mit Daniela Reinhardt in Tokio starten. Nun wird das Duett auf 2021 vertröstet - und übt per Videokonferenz.

Marlene Bojer ist gerade zu Hause bei ihrem Freund, kürzlich sind sie in München zusammengezogen, und es gibt viel zu tun. Eine Garderobe muss aufgebaut werden, ein Regal, ein Hocker, außerdem hat Bojer die Türstöcke noch gestrichen. "Wir räumen hier viel auf und um", sagt Bojer. Welch Glück, es gäbe wohl kaum einen besseren Zeitpunkt für das Paar, um solche Dinge nun zu erledigen. Bojer, 27, die beste deutsche Synchronschwimmerin, muss aber gerade noch woanders aufräumen: in ihrem Kopf.

Mit Daniela Reinhardt bildet Bojer die einzige deutsche Olympiahoffnung in diesem Sport, der abseits der Sommerspiele ein Schattendasein fristet. Aufmerksamkeit bekommt er dann meist nur, wenn mal wieder ein Synchronschwimmer im Leistungssport auftaucht, was selten passiert. Oder wenn es bei einer Weltmeisterschaft ein Mixed-Duett gibt. Dabei verlangt dieser extrem trainingsintensive Sport den Frauen (und vereinzelten Männern) alles ab, oft müssen sie eine halbe Minute unter Wasser bleiben und dabei perfekt synchronisierte Bewegungen zeigen. Dann wieder schießen sie bis zur Hüfte aus dem Wasser heraus, nur durch die eigene Körperspannung. Zwei Jahre lang haben sich Bojer und Reinhardt vorbereitet auf Tokio, 25 Stunden pro Woche. Doch jetzt ist alles anders, Liegl, die das Synchronschwimmen auch bei der SG Stadtwerke München, wo sie trainieren, koordiniert, sagt: "Für die beiden sind das zwei Jahre in den Wind."

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„Für die beiden sind das zwei Jahre in den Wind“: Marlene Bojer (re.) und Daniela Reinhardt bei der Weltmeisterschaft 2019 in Südkorea.

(Foto: Giorgio Scala/imago)

Denn am Dienstag hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) nach langem Zögern dem Wunsch von Gastgeber Japanzugestimmt, die Sommerspiele wegen der Corona-Krise um ein Jahr auf 2021 zu verschieben. Endlich, möchte man sagen, zuletzt war der Druck der Verbände und Athleten auf das IOC, diese Entscheidung zu fällen, gewaltig gewachsen. Am 30. April wäre eigentlich der einzige und entscheidende Qualifikationswettkampf im Synchronschwimmen für die Sommerspiele gewesen - ausgerechnet in Tokio. Der Termin wurde dann verschoben, auf Ende Juni, nun ist er obsolet. Und für Bojer und Reinhardt fällt zumindest für dieses Jahr das übergeordnete Ziel weg. Wann sie wieder im Wasser trainieren können, ist ohnehin völlig ungewiss. "Wir sitzen wie ein Fisch auf dem Trockenen, es ist eine Katastrophe", sagt Bundestrainerin Ramadan desillusioniert: "Die beste Lösung wäre, es hätte Corona nie gegeben."

Synchronschwimmen ist auch konzeptionell ein sehr anspruchsvoller Sport, der irgendwo zwischen Schwimmen, Turnen, Ballett und Tanzen angesiedelt ist. Musik spielt eine zentrale Rolle, es dauerte Monate, wenn nicht Jahre, um eine Choreografie einzustudieren. Bojer und Reinhardt haben ihre Kür zu "Toxic", einem Remix des Songs von Britney Spears, kürzlich noch einmal umgestellt, mehr Tempo und Spannung in das Ende der Darbietung gebracht.

Und nun? Fährt Bojer mit dem Rad aus München raus und joggt, wenn sie sich nicht gerade als Handwerkerin betätigt. Außerdem hat das Fitnessstudio, in dem sie normalerweise trainiert, auch ihr Cybertraining für zu Hause angeboten. Reinhardt ist zu ihren Eltern nach Pfullingen gezogen, an den Rand der Schwäbischen Alb. Übungen stimmt das Duett online ab, per Videokonferenz mit Bundestrainerin Ramadan gibt es auch Live-Stehproben.

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„Es ist eine Katastrophe“: Bundestrainerin Doris Ramadan wollte Bojer und Reinhardt für die Olympia-Qualifikation in Tokio präparieren. Nun muss auch sie ihre Arbeit neu justieren.

(Foto: DOSB/OH)

In den vergangenen Wochen war das noch irgendwie zu rechtfertigen, die Olympischen Spiele waren ja noch nicht verschoben, die Athleten wollten zumindest ihr Fitnesslevel behalten. Nach der IOC-Entscheidung dürften aber viele in ein mentales Loch fallen - und womöglich auch in ein körperliches. "Es ist schon scheiße jetzt, das muss man ehrlich sagen", verdeutlicht Bojer: "Man hat kein Ziel mehr vor Augen." Oder irgendwie doch, aber greifbar ist es nicht mehr. Das Training muss ja weitergehen, die Athleten sollten fitbleiben, damit sie in diesem Bereich nicht später wochenlang hinterherhetzen. Doch wann wieder Normalität herrscht, dass weiß eben niemand, und es vergrößert auch die Ziellosigkeit bei Bojer und Reinhardt. Die EM in Budapest ist auf den Spätsommer verschoben, aber warum sollte dieser Termin gehalten werden, wenn nun schon Olympia verschoben wird. "Wenn die EM nicht stattfindet, ist unsere Saison gelaufen", sagt Bojer. Liegl, die Landestrainerin, geht zugleich davon aus, "dass wir vor Herbst nicht mehr schwimmen können". Sie meint damit vor allem das Training in den nun geschlossenen Münchner Bädern.

2015 war Bojer erstmals bei einer WM, Platz 18 sprang in Kasan im Solo heraus - eine Disziplin, die es bei Olympischen Spielen nicht gibt. Im Duett mit Reinhardt muss sie bei der Qualifikation unter die besten 20 kommen, um in Tokio dabei zu sein. Es wäre ihre erste Olympiateilnahme, nun wohl 2021, mit dann 28 Jahren.

Bojer möchte nicht aufhören, sondern weiterkämpfen. So viele Widerstände hat sie überwunden: Streits mit dem Nordrivalen Flensburg, wer das beste deutsche Duett stellt; ein ewiges Hin und Her um bescheidene Fördermittel und die Einstufung in den Olympiakader; die prekäre Bädersituation in München. "Jetzt aufzugeben, das wäre uncool, ein madiges Ende. Ich kann mir vorstellen, bis 2021 weiterzumachen", sagt Bojer. Ihre Duettpartnerin Reinhardt sei derselben Meinung.

Bojer wäre jetzt in Belek im Trainingslager und bald in Tokio bei der Olympia-Qualifikation. Stattdessen streicht sie Türstöcke und baut Regale auf. Und muss überlegen, ob sie jetzt ihre Masterarbeit in ihrem Studienfach Druck- und Medientechnik vorzieht. Diesen Herbst wollte sie damit beginnen, nach Olympia.

© SZ vom 26.03.2020
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