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Serie "Arbeit ist das halbe Leben":Harte Tage im Büro

Businessanzug oder Boxhandschuh? Zwischen seinen beiden Lebenswelten als Immobilienexperte und Profisportler liegt für Alem Begic nur eine halbe Umdrehung.

(Foto: privat / oh)

Alem Begic kann als Immobilienökonom gut leben. Aber auch als Boxer hat er ehrgeizige Ziele. Von einem, der sich nicht nur so durchschlägt.

Von Benedikt Warmbrunn

Ja, es gibt die Millionäre, die alles vergolden lassen, was man fahren, fliegen oder essen kann. Sie sind die Ausnahme. Die meisten Sportlerinnen und Sportler müssen arbeiten: für ihren Traum von der Profikarriere, für die Zeit danach - oder weil sie gerade an anderer Stelle dringender benötigt werden. In loser Serie stellt die SZ Athletinnen und Athleten zwischen Sport und Beruf vor und fragt, wie sie die Doppelbelastung meistern.

Um seine beiden Welten miteinander zu verbinden, muss Alem Begic nur wenige Schritte gehen. Er steht dann auf in seinem Büro, dreht sich um, und kaum hat er den Schreibtisch im Rücken, hat er all das, was er in seiner anderen Welt braucht, vor sich. Sportklamotten, Hantel, Handschuhe, einen Sandsack. Kurz umgezogen, und schon wird aus dem Immobiliengutachter Begic der Profiboxer Begic.

Umgekehrt würde es natürlich auch funktionieren, aber in Sportklamotten an den Rechner setzen? So weit würde der Immobiliengutachter Begic nun wirklich nicht gehen.

Das Profiboxen ist ein zäher, gnadenloser, oft auch schlecht bezahlter Sport. Natürlich, es gibt Ausnahmen wie die Klitschko-Brüder, die Millionen verdienen, manche streichen auch acht- und neunstellige Summen an einem Abend ein, zumindest wenn sie Floyd Mayweather heißen. Aber das sind eben: Ausnahmen. Die meisten Profiboxer leben nicht von ihrem Sport, wer mehr als tausend Euro für einen Kampf bekommt, der hat es schon ziemlich weit geschafft. Er hat dann aber womöglich monatelang dafür trainiert. Die Boxer, die keinen TV-Partner haben, müssen also alle nebenbei arbeiten oder nebenbei trainieren, je nachdem. Im Klischee sind das Jobs, die harte körperliche Arbeit sind, ein bisschen so wie im Film "Die Faust im Nacken", in dem Marlon Brando als der gescheiterte Boxer Terry Malloy sich als Hafenarbeiter durchschlägt.

Ein Boxer aber, der Architektur studiert hat, der einen zusätzlichen Studiengang zum Immobilienökonom draufgepackt hat und der nun einen angenehmen Job hat, von dem er gut leben kann? Ein Boxer also, der sich all das Zähe und Gnadenlose eigentlich nicht mehr antun müsste? Das ist dann noch einmal eine Ausnahme in die ganz andere Richtung.

24 Kämpfe hat der Münchner Begic, 33, bislang bestritten, ein Kampf endete unentschieden, die 23 anderen gewann er; zuletzt erboxte er sich den sogenannten International-Titel des Weltverbandes IBO. Er ist also so erfolgreich, dass er auch vergleichsweise gut im Boxen verdient, rein finanziell gesehen, würde ihm ein kleiner Nebenjob reichen. Aber das, was vielen reicht, ist Begic noch nicht genug.

"Viele unterschätzen ja, dass im Boxen auch der Kopf ganz schön gefordert wird", sagt Begic. "Wenn ich vom Boxen abschalten will, brauche ich also auch etwas, was meinen Kopf beschäftigt. Denn wenn ich etwas ganz bestimmt nicht gebrauchen kann, dann ist es Langeweile." So, wie er sich inzwischen sein Leben strukturiert, fehlt ihm für Langeweile ohnehin die Zeit.

Morgens geht Begic eine Stunde lang joggen oder auf den Fahrradergometer, dann radelt er ins Büro. Dort macht er dann das, was so ansteht, er telefoniert, schaut sich Grundstücke an, vergleicht Preis- und Marktentwicklungen, wertet Immobilien auf und Immobilien ab (spezialisiert hat er sich auf große Grundstücke wie Hotels), und in seinem Kopf rattern Zahlen und rattern und rattern. Wenn dann die Kollegen nach Hause gehen oder vielleicht erst auf ein Bierchen, radelt Begic weiter zur nächsten Trainingseinheit. Das kann eine spezifische Boxeinheit sein oder Krafttraining im Fitnessstudio. Natürlich, gesteht er, an manchen Tagen sei das schon sehr viel "und vielleicht auch mal stressig". Er sagt aber auch: "Wenn ich merke, dass ich einen effektiven Tag im Büro und beim Sport hatte, dann schiebt mich das richtig nach vorne."

Seit Dezember, seit er den sogenannten International-Titel gewonnen hat, hat Begic nicht mehr geboxt, für ihn als Boxer ist das schwer zu ertragen. Er hatte große Pläne, wollte richtig durchstarten, vielleicht ein Kampf in den USA; er pflegt einen engen Kontakt zu einem ehemaligen Klitschko-Manager. Eventuell klappt es mit dem Kampf dennoch, aber wohl frühestens nächstes Jahr, und auch das ist dann noch abhängig von den Infektionszahlen in den USA. Vor wenigen Tagen hatte er zudem das Angebot bekommen, kurzfristig in England zu boxen. Die Gage wäre nicht schlecht gewesen, aber Begic hätte sich nicht angemessen vorbereiten können - also leistete er sich den Luxus, das Angebot auszuschlagen. Andere hätten schon aus finanziellen Gründen zusagen müssen, Begic genießt da mehr Freiheit. Er weiß aber auch, dass er sich als 33-Jähriger keine Rückschläge mehr erlauben kann, falls er noch einmal um größere Titel kämpfen will.

Für ihn als Immobiliengutachter aber waren die vergangenen Monate besonders produktiv. "Ich habe mich ganz darauf konzentrieren können, und dabei habe ich gemerkt, wie erholsam es sein kann, wenn ich mich nur auf eine Sache konzentrieren muss." Gerade während der Abstandsmonate im Frühjahr war Begic oft der einzige im Büro, er ist manchmal hin gejoggt, hat geduscht, sich an den Schreibtisch gesetzt. Und dann hat ihn nichts abgelenkt, kein Gedanke an einen möglichen Kampf, aber auch kein Kollege, der einfach nur plaudern wollte. Weil auch das Fitnessstudio geschlossen hatte, ging Begic nach der Arbeit ein paar Schritte zurück, zog sich um, und dann trainierte er in seinem Büro.

Zum 1. Oktober fängt Begic nun einen neuen Job an, er wird Bau-Projektmanager, berät Investorengruppen beim Kauf oder bei der Bebauung eines Grundstücks. Aufs Boxen verzichten wird er aber weiterhin nicht - beim Vorstellungsgespräch, sagt er, sei es erst einmal nur um Sport gegangen.

Bisher erschienen: Michaela Henry, Beachvolleyballerin und Klinikärztin (22. Juni); Patrick Englhart, Footballer und Lebensmittel-Transporteur (2. Juli); Michael Plattner, Tischtennisspieler und Chirurg (13. Juli), Sebastian Mainzer, Handballer und Zahnarzt (24. August), Martin Wild, Handball-Trainer und Lehrer (10. September).

© SZ vom 26.09.2020

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