Ringen:Eine Frage der Augenhöhe

Ringen: Manche Hallbergmooser Ringer wie Thomas Kopp (links) haben es in diesem Jahr schwer, in der ersten Liga mitzuhalten.

Manche Hallbergmooser Ringer wie Thomas Kopp (links) haben es in diesem Jahr schwer, in der ersten Liga mitzuhalten.

(Foto: Marco Einfeldt)

Die Hallbergmooser Ringer liebäugeln mit ihrem Ausstieg aus der Bundesliga. Es wäre bereits der zweite nach 2013 - und die Argumente sind fast dieselben wie damals.

Von Andreas Liebmann, Hallbergmoos

Entschieden ist noch nichts, sagt Michael Prill, natürlich könne noch alles Mögliche passieren in den nächsten Wochen. Gleich an diesem Sonntag zum Beispiel, bei der Bundesligatagung der Ringer in Würzburg. Und klar, bei den anschließenden vereinsinternen Gesprächen könne sich auch eine ganz andere Mehrheitsmeinung herausstellen. Aber eigentlich - und daraus macht der Vorsitzende des SV Siegfried Hallbergmoos keinen Hehl - hat er sich doch schon recht genau mit einem Szenario beschäftigt, das vielen rund um den Traditionsklub aus dem Landkreis Freising wie ein Déjà-vu vorkommen dürfte: Dass nämlich er, Prill, seinen Verein in einigen Wochen aus der Bundesliga abmelden wird, zum zweiten Mal nach 2013. Und dieser Gedanke löst in ihm keinerlei Unbehagen aus, ganz im Gegenteil: "Ich bin sehr entspannt", versichert Prill.

Der SV Siegfried hat mit einem solch entschiedenen Schritt ja auch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Gerade 21 war Michael Prill, als er damals für den Vereinsvorsitz kandidierte und das mit der Ankündigung verband, er würde im Falle seiner Wahl mit der ersten Mannschaft einen Neustart in der viertklassigen Bayernliga wagen, nachdem der Klub gerade 49 Jahre lang ohne Unterbrechung erst- oder zweitklassig gewesen war. Kaum vier Jahre danach war er wieder zurück in Liga eins und hatte sich unterwegs all der finanziellen Belastungen des überteuerten Profibetriebs entledigt. "Damals war das schon mutig", sagt Prill, "vor allem weil ich so jung war."

Inzwischen ist er 28, aber das ist nicht der einzige Unterschied zu 2013. Damals ging es gleich um vier Ligen nach unten. Aktuell kämpft die zweite Hallbergmooser Mannschaft um den Verbleib in der Oberliga, der zweithöchsten Klasse. Und es sieht gut aus. Um ganz sicherzugehen, sollte sie noch das ausstehende Derby gegen Freising gewinnen, dann könnte der Verein seine ersten beiden Teams gemütlich in der zweiten Liga zusammenführen. "Wenn es doch die Bayernliga wird, wäre das eine andere Situation", sagt Prill vorsichtig.

Die Gründe für seine Überlegungen sind denen von damals allerdings erstaunlich ähnlich. 2013 sei es so gewesen, dass außer Ergün Aydin kein einheimischer Ringer das erforderliche Niveau für die Bundesliga gehabt habe. Inzwischen ist das fast wieder so. Bis auf Aydin und Andreas Walter könnten nur die ausländischen Verstärkungen wirklich mithalten, sagt Prill. Vor drei Jahren hatte sich nach der Abspaltung einer kleinen Profiliga eine dreigleisige neue Bundesliga gebildet, die eine aus Hallbergmooser Sicht gute Richtung einschlug. Es gab eine (allerdings freiwillige) Etat-Obergrenze sowie ein Punktesystem, das den Einsatz von heimischen Ringern fördern sollte. Doch beides greift nicht so recht. "Am Anfang war das Niveau schon niedriger", stellt Prill nun fest. "Aber plötzlich sieht jeder Verein die Möglichkeit, in die Playoffs zu kommen. Fast alle haben personell nachgelegt, und diese Tendenz wird sich auch nicht wieder ändern." Zu allem Überfluss wurden die drei regionalen Gruppen vor dieser Saison leistungsmäßig sehr ungleich zusammengestellt, weshalb der SV Siegfried, der im Vorjahr in den Playoffs stand, nun gegen den Abstieg kämpft. Nach dem ersten Heimsieg der Saison vom vergangenen Samstag gegen Lichtenfels dürfte die Gefahr gebannt sein, dennoch klagt Prill: "Wir haben die absolut stärkste Gruppe, da gibt es keine Chancengleichheit." Weder finanziell noch sportlich.

Aktuell setzt sich der Kader wie im Vorjahr aus drei bis vier echten Hallbergmoosern zusammen, pro Kampf drei bis vier Ausländern und einigen Ringern aus der näheren Umgebung. Prill spürt auch am eigenen Leib, wie viel sich außerhalb seines eigenen Teams verändert hat. Im Vorjahr, sagt er, hätten Thomas Kopp und er etwa je die Hälfte ihrer Kämpfe gewonnen. "Jetzt habe ich gerade mal einen Sieg und Thomas noch gar keinen." Er habe bereits vor Saisonbeginn die Sorge geäußert, dass die eigenen Ringer in dieser ersten Liga künftig "überfordert" sein könnten.

Es gibt bis zur Entscheidung noch eine Menge abzuwarten. Für die Tagung in Würzburg steht die Idee einer neuen zweiten Bundesliga auf dem Plan, so etwas fände Prill "superinteressant". Er glaubt allerdings nicht recht an deren Zustandekommen. "Jeder Verein denkt an sich selber", weiß er. Das gelte auch für jene Punkteregelung, die alle Erstligateams auf einen Wert von 28 beschränkt. Jeder fremde Ringer hat einen bestimmten Wert, einheimische werden mit Minuspunkten gegengerechnet. Prill findet 28 viel zu hoch, "da kann man mit zehn fremden Ringern antreten". Andere finden den Wert zu niedrig.

Michael Prill weigert sich, Erfolge "künstlich herbeizuführen - das bin ich nicht, das will ich nicht"

Prill sagt nun Sätze, die hätte er wortgleich auch vor sechs Jahren von sich geben können. "Alle unsere Ausländer sind sehr nett, die geben hier ihr Bestes. Aber es kann nicht unser Ziel sein, uns nach deren sportlichen Ambitionen zu richten." Ihm gehe es um die Ambitionen und Möglichkeiten derjenigen, die in Hallbergmoos das Ringen gelernt haben. Denen solle es Spaß machen, denen wolle er "Kämpfe auf Augenhöhe" ermöglichen. Das alles, sagt er, klinge nach außen wahrscheinlich eher negativ, aber so sehe er das gar nicht. "Sieben sehr erfolgreiche Jahre" lägen hinter ihnen, das laufende mit vielen spannenden Duellen eingeschlossen. Auch finanziell sei der Verein solide unterwegs, er habe Sponsoren, die Rücklagen sogar vergrößert. Aber das Geld solle eher der Jugend zugute kommen als dem Versuch, in der ersten Liga "Erfolg künstlich herbeizuführen", wie er das nennt. "Das bin ich nicht, das will ich nicht, und dazu haben wir auch nicht die Möglichkeiten." Überdies stelle der Bundesligabetrieb für viele im Verein auch eine enorme Arbeitsbelastung dar.

Wie gesagt, entschieden ist noch nichts. Vielleicht wolle ja auch jemand, der anderer Auffassung sei, selbst in die Verantwortung gehen. Er persönlich jedenfalls glaube, dass es "für den Verein besser wäre, diesen Schritt zurück zu gehen". Und sofern sich in den kommenden Wochen nichts Gravierendes tue, "kann ich mir nicht vorstellen, dass sich meine Meinung ändert".

© SZ vom 27.11.2019
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