Ringen:Achterbahn ins Nichts

HALLBERGMOOS: SV Siegfried Hallbergmoos-Goldach 1922 / RINGEN *** Training

Am Ende ist da nur Niedergeschlagenheit: Ringer wie hier der Hallbergmooser Abdullah Hasani müssen sich vorerst mit Training begnügen. Vielleicht ein paar freundschaftliche Begegnungen, um den Nachwuchs nicht ganz zu verlieren.

(Foto: Johannes Simon)

Wenige Tage vor dem Start wird die Saison abgesagt.

Von Stefan Galler

Schon in den vergangenen Tagen hatten sich die dunklen Wolken am bayerischen Ringer-Himmel kumuliert. Am Wochenende dann kam die offizielle Bestätigung: Wegen der weiterhin ungebremst steigenden Corona-Infektionszahlen wird die Ligasaison komplett abgesagt. Die Entscheidung sei das Ergebnis einer Umfrage unter den Vereinen gewesen, teilte der Bayerische Ringer-Verband (BRV) mit. Einige Vereine hätten ringen wollen, andere seien durch die aufwendigen Hygieneschutzmaßnahmen in die Knie gezwungen worden. "Die Anzahl der verbliebenen Teams lässt uns hier leider keine andere Wahl, als diesen drastischen Schritt zu gehen", sagt Ligareferent Jens Heinz. "Die Zahlen der Infektionen steigen rasant an." Damit seien die von den Vereinen mit viel Einsatz erarbeiteten Schutzmaßnahmen "leider Makulatur", sagt der Regensburger.

Eine bittere Nachricht für die beiden erfolgreichsten Ringervereine aus der Region München: Sowohl beim SV Siegfried Hallbergmoos (SVS) als auch beim SC Isaria Unterföhring hatte man in den vergangenen Monaten alles versucht, um Wettkampfsport möglich zu machen. "Wir hätten perfekt im Zeitplan gelegen, die Jungs waren total heiß aufs Ringen", sagt Georg Daimer, der Vorsitzende des Bayernligisten Isaria. Sein Verein hätte die Saison notfalls auch ohne Publikum durchgezogen und einen Livestream für die Zuschauer zu Hause angeboten, selbst in einer "Restliga" mit allen willigen bayerischen Klubs. Eine solche gemischte Kampfklasse war das letzte Hintertürchen gewesen. Auch die Hallbergmooser, die sich nach der vergangenen Saison aus der Bundesliga zurückgezogen haben und den Platz ihrer zweiten Mannschaft in der Oberliga hätten einnehmen wollen, wären dazu bereit gewesen, in dieser bunten Liga mitzumischen. SVS-Vorstand Michael Prill hatte bis zum endgültigen Saison-Aus um diese Lösung gekämpft. "Die letzte Woche war wirklich wie eine Achterbahnfahrt. Jeden Tag gab es neue Informationen", sagt Prill. "Für uns ist das ein harter Einschnitt, eine Woche vor dem geplanten Saisonstart steht man praktisch vor dem Nichts."

Um wenigstens einen Hauch von Wettkampf zu bekommen, will sich der 29 Jahre alte Chef des SV Siegfried um freundschaftliche Begegnungen mit anderen Vereinen bemühen. "Wir wollen Werbung für unseren Sport machen, zumindest so lange, wie das Ringen noch nicht verboten ist. Wir müssen abwarten, was die Politik entscheidet", sagt Prill.

Dabei ist dem deutschen Juniorenmeister von 2011 klar, dass die nächsten Monate schwer werden könnten. "Die große Angst, die alle Ringervereine umtreibt, ist, dass der Trainingsbetrieb wieder eingeschränkt werden könnte." Denn dann könnte ganz schnell das Interesse der Sportler nachlassen und sich vor allem die Jugendlichen anderen Disziplinen zuwenden. Das sehen sie auch in Unterföhring so: "Klar ist die Gefahr groß, dass die Jungen abwandern, etwa zum Tennis, wo es wegen des Abstands gar keine Probleme gibt", sagt Georg Daimer. Er hatte mit seinen Kollegen in der Klubführung am Hygienekonzept gearbeitet. "Das Problem ist, dass im Ringen nach jedem Kampf die Matte komplett desinfiziert werden muss", erläutert der Isaria-Präsident. Nimmt man dazu hochprozentige Mittel, sei die Gefahr groß, die Oberfläche der Matte zu beschädigen. "Und wenn man Reinigungsstoffe mit wenig Alkohol nimmt, dauert es ewig, bis der Untergrund trocknet", sagt Daimer. Manche Vereine hätten dann die Idee gehabt, den Boden mit Laubbläsern zu trocken. "Dass sie dabei auch gleich noch alle Aerosole in der ganzen Halle verteilen, kam ihnen nicht in den Sinn."

Schlimm genug, dass sich Funktionäre im Ringerjahr 2020 mit solchen Themen auseinandersetzen müssen. Denn eigentlich haben sie andere Aufgaben wie die Kaderzusammenstellung. Beide Klubs hatten ihre Planung für die neue Saison abgeschlossen. "Nach unserem bewussten Rückzug aus der Bundesliga wären wir mit nur einem Ringer aus dem Ausland ins Rennen gegangen. Es hätte uns interessiert, wie konkurrenzfähig wir gewesen wären, aber vielleicht können wir das ja dann nächstes Jahr zeigen", sagt Prill, der selbst weiterhin im griechisch-römischen Stil (80/86 kg) dabei sein wird.

In Unterföhring hatte man Lücken im Kader durch den vom Verband geschaffenen Pool all jener Ringer geschlossen, deren Klubs vorzeitig angekündigt hatten, wegen der Hygienevorschriften, der finanziell unklaren Situation und der Ansteckungsgefahr auf die Saison zu verzichten. Darunter wäre auch die SpVgg Freising gefallen. Prompt hatte sich Isaria mit drei Aktiven von dort, dem Schwergewichtler Richard Zehentleitner, Rückkehrer "Fritzi" Ibrahimi und Navid Saifi, verstärken wollen. Doch auch das hat sich erledigt. Nun gelte es, wirtschaftlich die Kurve zu bekommen, sagt Daimer. Er ist zuversichtlich, dass das gelingen kann.

Ähnlich sieht das Prill. Gerade kam das Vorschauheft heraus, voll mit Inseraten der Gönner und Sponsoren des SV Siegfried Hallbergmoos. "Wir haben wirklich Glück, dass die Gemeinde und unsere Werbepartner uns so unterstützen. Zumindest finanziell sollten wir mit einem blauen Auge aus dieser schwierigen Zeit kommen."

© SZ vom 22.10.2020
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