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Leichtathletik:Ruhiggestellt

Leichtathletik, Deutsche Leichtathletik-Hallenmeisterschaften2020 , Hallen DM 2020 , 22.-23.02.2020, Arena Leipzig,Leip

Weinen und lachen gleichzeitig: Laura Gröll beim Gewinn der deutschen Hallenmeisterschaften vor etwas mehr als einem Jahr.

(Foto: Gladys Chai von der Laage/imago)

Die ambitionierte weibliche Hochsprunggruppe der LG Stadtwerke fällt wegen gravierender Verletzungen bis in den Sommer aus. Für Laura Gröll geht damit eine Pechsträhne weiter, die im März mit einer Covid-Erkrankung begann.

Von Andreas Liebmann, München

Die Bildauswahl war nicht allzu schwierig, schließlich hatten sich die Fotografen damals förmlich an ihr abgearbeitet. Also suchte sich lilalaug für den Eintrag auf ihrer Instagram-Seite eines jener Fotos heraus, auf denen man sie weinen sieht. Zu dem, was Laura Gröll - so heißt die Hochspringerin der LG Stadtwerke München im echten Leben - zu verkünden hatte, passte dieses Motiv leider perfekt.

Damals waren es eigentlich Freudentränen, die in ihren Augen standen, aber der Unterschied ist kaum zu erkennen. Die Bilder zeigen nämlich ihren bislang größten sportlichen Erfolg. Am 23. Februar 2020 hatte Gröll in der Arena Leipzig vor knapp 4000 Zuschauern 1,86 Meter übersprungen, sie gewann damit die deutsche Hallenmeisterschaft, konnte es kaum fassen, dass die Latte im dritten Versuch liegengeblieben war. So emotional hat sie damals reagiert, dass die anwesenden Fotografen später ganze Serien von ihren Tränen verschickt haben, "ich bin völlig ausgerastet". Nur einen Tag später, so lange ist das schon her, erklärte dann Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, dass sich das Coronavirus seiner Meinung nach auch in Deutschland ausbreiten könne. "Durch die Lage in Italien ändert sich auch unsere Einschätzung der Lage: Corona ist als Epidemie in Europa angekommen", stellte er damals fest. Die Auswirkungen ahnte noch niemand.

Die Diagnosen klingen fürchterlich: Riss in der Achillessehne, Schienbeinkopffraktur, Bizepssehnenanriss

Inzwischen ist hinlänglich bekannt, was die Pandemie mit der Welt angestellt hat. In der Leichtathletik ließ das Virus nicht allzu viel zu in der folgenden Freiluftsaison, und die nächstfolgende Hallenrunde ließ Gröll, die vor wenigen Tagen ihren 23. Geburtstag feierte, dann aus freien Stücken aus, um sich auf die Prüfungen an der Uni zu konzentrieren. Zu diesem Zeitpunkt habe sie Leistungssport eher als Belastung gesehen, erklärt sie ihre Auszeit im Januar. Danach aber sei es im Training wirklich gut gelaufen, "es hat mega viel Spaß gemacht", sie habe Selbstvertrauen gehabt und sei zuversichtlich gewesen, bald endlich diese 1,90 Meter zu schaffen - bislang liegt ihre Bestleistung bei 1,88. Doch dann begann ihre Pechsträhne, und nun, unter dem Instagram-Bild, schrieb sie: "Entschuldigt mich, ich geh kurz weinen." Es ist nämlich nicht mal klar, ob sie in diesem Sommer überhaupt noch einmal wird springen können.

Kurz vor Ostern spürte Gröll Schmerzen an ihrem linken Fuß, ihrem Sprungfuß. Die Diagnose, die sie inzwischen bekommen hat, klingt niederschmetternd: Die Achillessehne weist einen kleinen Riss auf. Ihre Schmerzen verursachte wohl "ein riesiges Ödem am Fersenknochen", dazu habe sie eine Zyste und einen entzündeten Schleimbeutel. Mindestens sechs Wochen Belastungspause, sagte der Arzt, danach Reha.

"Wir sind schon glimpflich davongekommen", sagt Laura Gröll. Sie meint das Virus

Gravierende Verletzungen sind nicht ganz neu für die 1,86 Meter lange Athletin, die aus Mittelfranken stammt und in München Gesundheitswissenschaften studiert. 2015 und 2018 hatte sie je einen Ermüdungsbruch im Fußwurzelknochen, "alle drei Jahre" also, wie die Bundeskaderathletin nun feststellt. Aber das Pech hat ja nun nicht nur sie erwischt, sondern gleich ihre ganze Münchner Hochsprunggruppe - und das hatte nicht mal nur mit Verletzungen zu tun.

Anfang März nahm ihr Trainingspartner Tobias Potye an der Hallen-Europameisterschaft im polnischen Torun teil, Mitte März kam die Meldung, dass er zu jenen Sportlern zählte, die sich dort mit dem Coronavirus angesteckt hatten. Auch Gröll und ihr gemeinsamer Trainer Sebastian Kneifel wurden dann positiv getestet und hatten das, was man gemeinhin als "leichte Symptome" beschreibt, Hals-, Kopf-, Gliederschmerzen, Geschmacksverlust. Dass sich beide bei Potye angesteckt hatten, schien klar, inzwischen muss man das aber wohl revidieren. Gröll hat nämlich wie Kneifel die britische Mutante erwischt, erzählt sie, bei Potye war die ursprüngliche Variante festgestellt worden. "Dass wir zur selben Zeit Symptome entwickeln, ist aber ein seltsamer Zufall", findet Gröll. Als sie nach 14-tägiger Quarantäne ins Training zurückkehrte, begannen ihre Fußprobleme. Nun weiß sie wegen ihrer Verletzung zwar nicht, wie sie auf Trainingsbelastungen reagieren würde, aber dass sie schon nach normalen Alltagstätigkeiten schnell erschöpft ist, das stellt sie fest - knapp sechs Wochen nach der Erkrankung. Potye ist wieder im Training, von Erschöpfung berichte aber auch er. "Das wird uns alle wohl noch etwas länger begleiten, schätzt Laura Gröll, auch wenn gerne angenommen werde, dass Leistungssportler eine Infektion leichter wegsteckten. Trotzdem weiß sie: "Es hätte uns viel schlimmer erwischen können. Wir sind schon glimpflich davongekommen."

Im Januar ging es los mit einem Glatteis-Unfall von Luisa Tremel. Lavinja Jürgens' Schmerzen waren etwas rätselhafter

Trotzdem hat es ihre ambitionierte Hochsprunggruppe kräftig erwischt: Denn zurzeit sind ihre besten weiblichen Mitglieder schwer verletzt, auch die beiden Winterzugänge. Zunächst war Luisa Tremel Mitte Januar auf Glatteis ausgerutscht, dabei kugelte sie sich die rechte Schulter aus, das Labrum und ein Teil des Bizepssehnenankers rissen - OP, Ruhigstellung. Für Tremel, 18, ist Hochsprung eine Nebendisziplin, eigentlich ist sie Mehrkämpferin. Ob sie in diesem Sommer einen Speer werfen kann, ist fraglich.

Und dann wurde bei Lavinja Jürgens eine Schienbeinkopffraktur diagnostiziert. Bei den zurückliegenden deutschen Hallenmeisterschaften war der Zugang vom TSV Kranzegg noch Vierter mit 1,83 Meter, trotz der Verletzungsproblematik, die die 21-Jährige schon viel länger begleitet. Die Ursache aber war lange nicht entdeckt worden, die Diagnose bedeutete dann auch für Jürgens eine bis zu acht Wochen lange Ruhigstellung. Sie hält sich aktuell im Schwimmbecken fit, die Synchronschwimmerinnen der SG Stadtwerke haben ihr diese Möglichkeit eingeräumt. Lavinja Jürgens, heißt es bei der LG, hat die U23-EM im norwegischen Bergen (8. bis 11. Juli) zumindest noch nicht abgeschrieben.

"Unsere Gruppe steht unter keinem guten Stern", fasst Laura Gröll zusammen - und lacht. Sie selbst will nichts überstürzen, wenn es ein paar Wochen länger dauere, sei das eben so. "Ich hüpfe von Praxis zu Praxis", erzählt sie. Zurzeit weilt sie für ein paar Tage bei ihren Eltern nahe Nürnberg, "um mal vier andere Wände zu sehen". Laura Gröll klingt fröhlich, "Selbstmitleid bringt nichts". Mit jeder Verletzung wisse sie ihren Sport mehr zu schätzen, versichert sie. Also werde sie wiederkommen. Vielleicht klappe es ja noch mit der Rückkehr vor Saisonende. Inzwischen gibt es einen aktuelleren Instagram-Beitrag von lilalaug, daneben steht: "Smiling is my sunshine." Auf dem Bild sieht man sie lachen.

© SZ
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