Leichtathletik Ohne Salto und Klimbim

Entschlossen zur EM: Dreispringer Paul Walschburger.

(Foto: Claus Schunk)

Dreispringer Paul Walschburger qualifiziert sich mit seinem letzten Sprung bei der deutschen Meisterschaft für die U-23-EM in Schweden.

Von Andreas Liebmann, Wetzlar/München

Er lief weiter, als wäre nichts passiert. Gerade eben hatte der Dreispringer Paul Walschburger seinen sechsten Sprung in die Grube gesetzt. Meist rollt man im Sand zur Seite ab, überprüft während des Aufstehens mit einem raschen Blick die eigenen Abdrücke, reagiert irgendwie darauf, mit Jubel, Ärger, Verzweiflung. Walschburger aber war gar nicht erst mit dem Hintern im Sand gelandet. Er hatte seinen Sprung mit beiden Beinen abgefangen, war einfach weitergelaufen, hatte auf dem Rückweg beim Passieren der Grube einen skeptischen Blick nach links geworfen, nun schlenderte er die Anlaufbahn so unbeteiligt entlang, als befinde er sich bereits auf dem Weg zum Parkplatz. Doch dann durchzuckte es ihn. Urplötzlich drehte sich der 21-Jährige Richtung Tribüne, streckte breit grinsend beide Arme von sich, machte mit einer wedelnden Handbewegung eine tiefe Verbeugung, klatschte mit Konkurrenten und Trainingskollegen ab, umarmte manche, ballte die Fäuste und brüllte.

"So ein Sprung kann eine ganze Saison retten", weiß Trainer Richard Kick

Was so plötzlich passiert war? 15,96 Meter waren durchgesagt worden. Der junge Münchner von der LG Stadtwerke hatte damit zwar einmal mehr die 16-Meter-Marke knapp verpasst bei den deutschen Meisterschaften der Altersklasse U23 in Wetzlar. Doch er hatte nun nicht nur seine persönliche Bestweite überboten, sondern zugleich die Norm für die U-23-Europameisterschaften im schwedischen Gävle (11. bis 14. Juli) - um jeweils einen Zentimeter. Mit dem letzten Sprung. Wenige Tage vor Ablauf der Frist. Eine Punktlandung, wie sie ihm auf dem Weg zur U-20-EM vor zwei Jahren schon einmal geglückt war. "Riesig" fand er seinen Erfolg, und "eine gute Bestätigung", dass er es nun auch in der U23 zur EM gebracht hat.

Es war ein bemerkenswerter Wettkampf für Paul Walschburger. Als der Athlet mit den kurzen blonden Haaren und den fast bis zu den Knien gezogenen roten Strümpfen - seinem Markenzeichen - zum sechsten Sprung anlief, begleitet von rhythmischem Klatschen, da stand sein souveräner Sieg bereits fest. Bis dahin hatte er fünf gültige Versuche gehabt, als einziger aller neun Teilnehmer, von denen vier zu diesem Titelgewinn gereicht hätten. Dabei hatte er vor einem Jahr bei den deutschen U-23-Meisterschaften in Heilbronn als Favorit das ganz andere Extrem erlebt: Nach einem ordentlichen ersten Versuch brachte er keinen einzigen gültigen Sprung mehr zuwege, schlimmer noch: Einmal brach er den Anlauf ab, dreimal lief er zur Grube durch, ohne abzuspringen. Sein Trainer Richard Kick war "fassungslos", auch wenn der erste Versuch damals zur Silbermedaille reichte.

Kick ist nun erleichtert. Viele Nächte mit wenig Schlaf habe er hinter sich, erzählt der 72-Jährige. Es seien schwierige Wochen gewesen, ein "Nervenkampf", obschon Walschburger mehrere Sprünge knapp übertreten hatte, die sonst endlich deutlich über 16 Meter gegangen wären. Doch Walschburger war verunsichert. In den Trainingslagern mit Bundestrainer Charles Friedek war es um seine Technik gegangen. "Die vertreten da etwas andere Auffassungen, ein anderes Technik-Modell", erläutert Kick. Er habe deshalb viel tun müssen, damit sein Athlet ihm glaubt, denn wenn man anderswo vorgehalten bekomme, dass man etwas falsch mache, gerate man ins Zweifeln, "und mit Zweifeln ist es schwer". Walschburger sagt: "Da prallen unterschiedliche Schulen aufeinander. Wenn man dazwischen steht, ist es schwierig, den eigenen Weg zu finden." Der Erfolg von Wetzlar dürfte auch die Verbindung zwischen Trainer und Athlet wieder stärken. "Er hat sich diesmal nicht aus der Ruhe bringen lassen", lobt Kick, "ohne Salto und Klimbim" habe Walschburger seine Linie durchgezogen, ungeachtet wechselnder Winde. Und der feststehende Sieg vor seinem letzten Sprung habe dann Adrenalin freigesetzt. "So ein Sprung kann eine ganze Saison retten."

Walschburger war mit seiner Konstanz nicht ganz so zufrieden. Weiten um die 15,20 Meter, wie er sie gezeigt hatte, seien "nicht ernst zu nehmen". Dass auch sie zum Sieg gereicht hätten, spreche eher für die Probleme der anderen. Er ist nun jedenfalls der einzige Athlet der Münchner Leichtathletik-Gemeinschaft, der sich für die U-23-EM qualifiziert hat. Die 800-Meter-Läuferin Mareen Kalis, die in Wetzlar ebenfalls siegte, hat die geforderte Zeit von 2:03,80 Minuten noch nicht erreicht. Am Samstag in Tübingen ist ihre letzte Chance. Sie sei zuversichtlich, das noch zu schaffen, sagte sie in Wetzlar: "Schweden war schon mein Saisonziel." Auch dem Hochspringer Lucas Mihota, der in Wetzlar mit 2,08 Meter Zweiter wurde, fehlen mit seiner Saisonbestleistung von 2,18 Meter noch zwei Zentimeter zur Norm. Zwei Versuche will er noch starten, am Donnerstag in Essen beim "Tag der Überflieger" und sonst eben am Wochenende, wo auch immer. Das Saisonziel ist in Gefahr, Normen können gnadenlos sein.

Die Hürdensprinterin Paulina Huber etwa hat wegen eines Muskelfaserrisses ihre Chance in Wetzlar erst gar nicht ergreifen können und peilt die U-23-EM nun offenbar nicht länger an. Sie werde sich auf die zweite Saisonhälfte mit den deutschen Meisterschaften konzentrieren, heißt es bei der LG Stadtwerke.

In der U20 haben sich bereits Fabian Olbert (100 Meter), Elisabeth Hafenrichter und Linus Limmer (beide Speer) für die EM in Boras, Schweden, qualifiziert. Der 400-Meter-Läufer Vincente Graiani, die Kugelstoßerin Selina Dantzler und der Weitspringer Yannick Wolf hoffen noch auf eine Normerfüllung in den nächsten Tagen. Die zurzeit verletzte Dantzler und Richard Kicks Schützling Wolf haben zumindest eine Einladung für den Ausscheidungswettkampf in Mannheim erhalten. Beide hoffen noch auf den einen Versuch, der eine ganze Saison verändern kann.