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Leichtathletik:Ein Schuss, ein Treffer

74 Deutsche Jugendmeisterschaften U18 U20 Moenchengladbach 31 07 2016 v l Jana Reinert SV 1899

Drei kraftraubende Läufe, zweimal Gold: Die Neu-Münchnerin Mareen Kalis ist beim Saisonfinale in Topform.

(Foto: Imago)

Münchner 800-Meter-Staffel bricht 31 Jahre alten Rekord

Die Jüngste hätte am ehesten kneifen dürfen, doch gerade sie, Mareen Kalis, 19, war eine treibende Kraft. "Ich hätte sie eigentlich schonen wollen", gesteht ihr Münchner Trainer Daniel Stoll. Kalis ist 800-Meter-Läuferin, in Mönchengladbach standen am Wochenende die deutschen Meisterschaften der Altersklassen U18 und U20 an, und Stoll wusste: Kalis würde in zwei Läufen um den U-20-Titel mitmischen. Gleichzeitig aber war in diese Veranstaltung die 3×800-Meter-Frauenstaffel eingebettet, und für die hatte die LG Stadtwerke München nun mal ein großes Ziel: Der deutsche U-23-Rekord sollte fallen, eine drei Jahrzehnte alte Marke, 6:18,88 Minuten, aufgestellt 1985 vom VfL Ockenhausen. "Den hatten wir das ganze Jahr auf dem Zettel", berichtet Stoll, "diesmal hat endlich alles zusammengepasst."

Kalis ist seit Wochen in guter Form, Christina Hering kurz vor der Abreise zu den Olympischen Spielen sowieso, auch Christine Gess war gut drauf. Für Gess und Hering ist es das letzte Jahr in der Altersklasse U23, Mönchengladbach war daher auf absehbare Zeit die einzige Gelegenheit, diesen Rekord zu knacken. "Wir haben diese eine Chance, diesen einen Schuss", wusste Gess. Sogar LG-Stadtwerke-Chef Kurt Mühlhäuser soll dezent darauf gedrängt haben, doch bitte dieses Ziel noch anzugreifen. Und Kalis? Schonte ihre Kräfte in den beiden Einzelläufen, um noch als Startläuferin für die historische Staffel fit zu sein.

Mit einer Zeit von 6:17,08 Minuten siegten Kalis, Gess und Hering überlegen, mit mehr als fünf Sekunden Vorsprung. Mangels Gegnern zur Orientierung hatte vor allem Hering als Schlussläuferin viel schneller begonnen als üblich, die zweite Runde fiel ihr entsprechend schwer. Und Mareen Kalis durfte sogar doppelt jubeln, denn sie hatte es zwei Stunden zuvor trotz der Doppelbelastung geschafft, auch über 800 Meter deutsche Meisterin zu werden. In Abwesenheit der Rivalinnen Konstanze Klosterhalfen (Rio-Starterin über 1500 Meter) und Alina Ammann teilte sie sich ihre Kräfte geschickt ein. "Ich hatte ja selbst vorgeschlagen, dass wir die Staffel hier laufen", sagte Kalis, "wir haben so eine starke Trainingsgruppe, das will man ja auch zeigen." Beide Titel seien ihr wichtig gewesen, der Einzeltitel im letzten U-20-Jahr, den sie 2015 als Zweite knapp verpasst hatte, und der mit der Staffel, der ja ihr erster Frauentitel sei.

Erst zwei Wochen zuvor hatte Kalis in Polen das Finale der U-20-Weltmeisterschaft erreicht, nun ist sie so gut in Form, dass sie ihren Urlaub kurzerhand noch ein wenig verschoben hat, um an diesem Freitag beim Meeting in Neustadt an der Waldnaab ihre persönliche Bestzeit (2:04,77) anzugreifen. Diese Chance wolle sie noch mitnehmen. Und dann ausspannen. Windsurfen, Wassersport. "Ganz ohne Sport kann ich nicht", sagt die Medizinstudentin, die im Herbst aus Paderborn nach München zog und sich hier äußerst wohl fühlt: "Ich bin richtig froh, dass ich mich für München entschieden habe", sagt sie.

In der diesjährigen Gesamtwertung der deutschen Meisterschaften liegt die LG Stadtwerke nun sogar auf Rang eins vor Wattenscheid und Leverkusen. In der U20 gewann in Mönchengladbach auch Paulina Huber Gold über 100 Meter Hürden. In der Altersklasse U18 wurde Lorenzo Graf Barbero Dritter über 200 Meter, in der 4×100-Meter-Staffel wurde er mit Yannick Wolf, Nick Kocevar und Alexander Spencer Zweiter. Pech hatte Graf Barbero über 100 Meter, wo er in 11,00 Sekunden Vierter wurde - zeitgleich mit dem Dritt- und nur eine Hundertstelsekunde hinter dem Zweitplatzierten. Licht und Schatten gab es bei den U-18-Werferinnen. Amelie Döbler und Selina Dantzler blieben als Vierte und Fünfte im Kugelstoßen unter ihren Möglichkeiten, mit dem Diskus machten sie es besser: Döbler siegte, Dantzler wurde Dritte. "Wir müssen uns nicht mehr verstecken in Deutschland", bilanzierte Lauftrainer Stoll die Saison der LG Stadtwerke. Schon gar nicht angesichts des neuen Staffelrekords. Mal schauen, ob er wieder 30 Jahre hält.