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Leichtathletik:Doppeltes Saisonaus

Stadtwerke-Läufer Giehl und Gollnow müssen pausieren

Kurzes Schweigen. "Ähm" . . . Etwas längeres Schweigen. Vor mehr als einem Jahr hat Tobias Giehl in einem Fragebogen für die Internetplattform leichtathletik.de mal seinen Humor als hervorstechendste Charaktereigenschaft bezeichnet. "Aus jeder Situation muss ein Witz herausgekitzelt werden", steht da geschrieben. Doch just jetzt, wo er an diesen Satz erinnert wird, fällt ihm kein passender Witz ein. Nach einer Denkpause muss er zugeben: "Es fällt schwer, die aktuelle Situation mit Humor zu sehen." Es wird gerade Sommer, jedes Wochenende finden Wettkämpfe statt. In weniger als einem Monat werden in Nürnberg die deutschen Meisterschaften ausgetragen, sie beginnen exakt an Tobias Giehls 24. Geburtstag. Doch der 400-Meter-Hürdenläufer von der LG Stadtwerke hat seine Saison gerade beendet.

Er steht damit nicht allein, fast zur gleichen Zeit hat auch sein Vereinskollege David Gollnow, 2013 deutscher Meister über 400 Meter, sein Saisonaus verkünden müssen. Das tröstet natürlich keinen der beiden. "Das war eine Saison zum Vergessen", sagt Gollnow. Er hat damals in demselben Fragenkatalog als seine Stärke bezeichnet, dass er seinen Körper inzwischen gut kenne und wisse, was sinnvoll sei. Das nötigt ihn nun zumindest nicht dazu, sich irgendetwas Humorvolles einfallen zu lassen.

Gollnow, 26, hat schon die Hallensaison weitgehend verpasst, erst Knieschmerzen, dann eine Erkältung. Am Trainingslager in Florida nahm er mit Schmerzen teil, trainierte viel alternativ, verpasste die anschließende Staffel-WM, erst Ende Mai gelang ihm in 47,15 Sekunden ein hoffnungsvoller Einstieg in die 400-Meter-Saison. Doch die Schmerzen im Fuß kamen zurück, seit März hatten ihn schon Ödeme im Mittelfußknochen geplagt, eine Untersuchung vor einigen Tagen zeigte, dass es mehr geworden waren statt weniger. "Das ist die Vorstufe zum Ermüdungsbruch", weiß er, "also habe ich jetzt gesagt, ich lasse das, ehe der Fuß ganz kaputt geht." Erst im September hofft er wieder ins Training einsteigen zu können. Nächstes Jahr stehe ja "ein ganz besonderes Großereignis an", sagt er - die Olympischen Spiele.

Tobias Giehl kennt diese Sache mit Ödemen im Fuß, ihn hat das in den vergangenen beiden Jahren schwer beschäftigt. "Das ist eine kleine Seuche in München", sagt er. Dennoch war die laufende Saison für ihn eigentlich keine zum Vergessen, die Testläufe in den USA seien prima gelaufen, er war beinahe wieder so stark wie 2012, vor den Verletzungen. "Ich war zuversichtlich, dass das eine gute Saison wird, eine mit internationalen Einsätzen." Vor allem war er ja beschwerdefrei - dachte er.

Im Nachhinein ist alles sehr unglücklich gelaufen: Dieses Ziehen im hinteren Oberschenkel, das ihn seit dem Aufbautraining im März begleitete, stellte sich erst viel später als unentdeckter Muskelfaserriss heraus. "Alle dachten, es ist eine Verhärtung, so hat es sich auch angefühlt." Die jüngsten Versuche, die Blessur "formerhaltend" auszukurieren, schlugen fehl, inzwischen hat er so viele Einheiten verpasst, dass er keinen Sinn mehr im Weitermachen sieht.

"Viele Reisen zwischen Juni und August", so lautete Giehls Antwort bei leichtathletik.de auf die Frage, welchen Traum er mal leben möchte. Das wäre vielleicht ein passender Gag: dass er dafür ja nun Zeit habe. Aber Giehl meinte keine Urlaubsreisen, sondern internationale Wettkämpfe. Und er könnte auch gar nicht verreisen. Der U20-Europameister von 2009 studiert Umweltingenieurswesen, seine Bachelor-Arbeit steht an. Mehr Zeit wird er dafür wegen der Reha auch nicht haben, "aber jetzt habe ich wenigstens den Kopf dafür". Eines der nächsten Reiseziele wäre dann Rio de Janeiro.